11. August 2017, 14:05 Uhr

Wo der Blues durch Hinterhöfe wabert

11. August 2017, 14:05 Uhr

Er ist seit 40 Jahren tot, aber nach wie vor der King. Elvis Presley wird immer noch in aller Welt verehrt. Fans pilgern zu seinem ehemaligen Wohnsitz nach Graceland in Tennessee und ins nahe Memphis, wo seine Karriere begann und der Musiker starb. Was vielen Fans erst vor Ort klar wird: In den Südstaaten liegen nicht nur die Wurzeln des Rock ’n’ Roll, sondern der schwarzen amerikanischen Musik überhaupt. Wer Elvis besucht, sollte einen Roadtrip zu den Musik-Hotspots starten, der tief in die Gesellschaft hineinführt – von Blues bis Country, von Soul bis Rock ’n’ Roll.

Flüsse, Kanäle und Wasserstraßen schleppen sich durch das weite Mississippi-Delta südlich von Memphis. Es scheint, als ginge ihnen die Kraft aus, als wollten sie innehalten und zurückblicken auf das, was die weißen Herrscher hier im 18. und 19. Jahrhundert mit den Farbigen getrieben haben. Die Unterdrückten mussten auf den Baumwollfeldern bis zum Umfallen schuften. Wenn man durchs Mietwagenfenster auf das flache Land blickt, kann man sich gut vorstellen, wie sie ihr Leid klagten und begannen, leise vor sich hin zu singen.

Die Anfänge des Blues hatten sicherlich kein Unterhaltungspotenzial, sie waren reine Ablenkungsmanöver. Aber es gibt den entscheidenden Ort, an dem der Blues den Sprung auf die Bühne schaffte, und der ist Pflicht für alle Musikreisenden: Die Dockery Plantation liegt rund 150 Kilometer südlich von Memphis. Wer sie nicht kennt, fährt achtlos an dem grünen Fleckchen vorbei. Immerhin gibt es eine InfoTafel und eine kleine Bühne. Wenn man auf einen Knopf drückt, scheppert Charley Patton aus den Boxen. Er gilt als erster (kommerzieller) Bluesmusiker und hatte dort vor rund 100 Jahren seinen großen Auftritt. B. B. King adelte diesen Platz Jahrzehnte später, als er sagte: »Hier fing alles an.«

Graceland ein Muss

Wer Glück hat, trifft an der Plantation auf William »Billy« Lester, der in einer nahen ehemaligen Tankstelle sein Büro eingerichtet hat. Er hält die Story am Leben, seine Geschichten sind Blues-Geschichte, handeln davon, wie die Musiker ihre Seele an den Teufel verkauften, um die Gitarre perfekt zu beherrschen. Obwohl die Sklaverei längst abgeschafft war, wurden die Farbigen immer noch wie Vieh gehalten. Die Dockery Plantation mit medizinischer Versorgung und geregelten Arbeitszeiten wirkte da wie von einem anderen Stern. Die Arbeiter hatten abends noch Kraft, um auf die Bühne zu steigen und zu singen. Sie durften damit sogar Geld verdienen, so begann hier der rasante Aufstieg des Blues im frühen 20. Jahrhundert.

Baumwolle ist immer noch die wichtigste Exportware der Region. Der harte Job wird lausig bezahlt, aber es gibt kaum andere Arbeitsplätze im Mississippidelta, das bis heute ohne Industrie ist. Deswegen bluten die kleinen Städte aus und verfallen. Sie machen einen traurigen Eindruck, aber auf Musik-Touristen kann gerade das einen charmanten Effekt haben. Das Örtchen Clarksdale, Heimat von John Lee Hooker und weiterer Pflichtstopp auf der Route, wäre mit blühenden Geschäften, sauberen Pubs und eleganten Hotels nicht vorstellbar. Der Blues wabert durch die verfallenen Hinterhöfe. Ein junger Mann sitzt mit Gitarre vor einem Music-Store und klagt singend über die Welt. Er trifft nicht jeden Ton, aber auch das passt nach Clarksdale. Wer perfekt ist, kommt nicht hierher, der rockt die großen Bühnen. Und eben diesen Eindruck vermittelt auch das kleine Blues-Museum im alten Bahnhof: Man gibt sein Bestes, aber es ist halt nicht ganz so einfach, wenn Geld und Inspiration fehlen.

B. B. King hatte es da schon besser. Um seine frühen Spuren zu finden, muss man nach Indianola, wo auch ein grandioses Museum zu seinen Ehren steht. Es gibt eine Vielzahl starker Filme und interaktiver Momente. So darf man als DJ die Stilrichtungen wild mixen oder Elvis-Medleys anfertigen und auf Tonträger bannen. Die Ausstellung geht weit über B. B. King und den Blues hinaus, denn auch der Rassenhass und die Bürgerrechtsbewegung sind große Themen. Und man kann virtuell schon einmal in das bunte Leben von Memphis eintauchen. Wie so viele Musiker machten sich auch B. B. King und Elvis auf nach Memphis. Der Ort ist natürlich der Höhepunkt dieses Roadtrips, vor allem ist er die (ehemalige) Musikhauptstadt der USA. Hier brachte Johnny Cash den Country groß raus, hier rockte einst Elvis und heute träumen im Memphis immer noch viele von ihrer Karriere.

So wie Mike McCallan, der auf seinen Auftritt wartet. Wenn die Besucher nachher gehen, wird der Sänger für eine Nacht den Aufnahmeraum des legendären Sun Studios betreten, um sein erstes Album auf Tonträger zu bannen. Er finanziert alles aus eigener Tasche und hat damit einen prominenten Vorgänger: Ein gewisser Elvis Aaron Presley schneite 1953 herein, legte ein paar Scheine auf den Tresen und sang zum ersten Mal in ein Mikrofon. Der Raum ist angeblich unverändert. Dem gelben, zerkratzten und abgeschlagenen Fließenboden ist anzusehen, das Johnny Lee Lewis oder Roy Orbison darüberrockten. Tagsüber stehen jetzt hier Touristen und hören sich Geschichten an über die wilden Zeiten und Partys. Wenn sie abziehen, erwacht das Studio wieder. Für 2000 Dollar pro Nacht lebt der Traum von der eigenen Musik-Karriere. »Wenigstens einmal wie Elvis fühlen«, sagt Mike zum Abschied.

Man stößt noch auf andere Mikes, Toms und Franks. Sie treffen sich nachts in den Bars und Clubs der legendären Beale Street, die früher fest in afroamerikanischer Hand und das Herz von Blues und Soul war. Heute ist sie eine abgesperrte, autofreie Straße mit viel Leuchtreklame und »How do you do?«-Türstehern, die einem die Hand schütteln und erst wieder loslassen, wenn man im Club steht. Wer es bis zum Ende schafft, landet am Basketball-Stadion und vor den Showräumen der Gibson-Gitarrenfabrik. Es ist ein Vergnügungsviertel entstanden, in dem sich alljährlich Hundertausende austoben.

Viele fahren natürlich ins nahe Graceland, um das zu bewundern, was von Elvis geblieben ist. Für Fans ist es ein Muss, das Dschungelzimmer des Kings zu sehen, seine Limousinen und Sportwagen zu knipsen, durch seinen Privatjet zu stolzieren und am Schluss vor seinem Grab zu stehen. Am 16. August 1977 starb Elvis. Eine Frau, die auf die Todestafel blickt, sagt: »Ich bin mir sicher, dass er noch lebt.«

Christian Schreiber

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