10. November 2017, 14:45 Uhr

Shiva, Farbeimer und dampfender Asphalt

Dicke Rauchschwaden steigen aus Industrieschornsteinen, ein Trucker erholt sich auf dem Bürgersteig sitzend kurz von seiner Fahrt. Inmitten dieser Industrietristesse im westfälischen Hamm ragt in leuchtend bunten Farben der Sri- Kamadchi-Ampal- Tempel in die Höhe.
10. November 2017, 14:45 Uhr

Das ist er also: Der zweitgrößte Hindutempel Europas. Der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel wirkt in der Industrieeinöde wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt: Von der Ruhe, dem Frieden und der Pracht, die man bei einem Hindutempel erwartet, ist auch beim Durchschreiten des Tors wenig zu spüren. Die quietschbunten Ornamente und Figuren an Turm, Portal und Wänden wirken zwischen den Lagerhallen wie eine Art Kirmeskarussell. Auffällig, aber unecht. Wie ein zu groß geratenes Plastikhaus für Barbiepuppen.

Rund um den Tempel ist kein Mensch zu sehen, über einer massiven grauen Stahltür hängt ein gelbes Schild mit der Aufschrift »Eingang«. Plötzlich kommt ein junger Mann aus der Tür. Er hat dichte schwarze Haare, die er mit Gel zur Seite frisiert hat. Zu seinem hellblauen Freizeithemd trägt er statt einer Jeans einen Sarong aus weißem Leinenstoff, mit rotem Saum und goldenen Ornamenten. Freundlich, aber reserviert geht er auf uns zu, lädt uns ein, die Zeremonie zu besuchen. Sein Blick ist ruhig, er spricht langsam, indischer Akzent schwingt nur bei manchen Worten mit. »Bitte die Schuhe ausziehen«, sagt er.

Der Vorraum, in dem die Schuhe abgestellt werden, hat Ähnlichkeit mit einer jener Umkleidekabinen, in der man sich früher nach dem Sportunterricht mit Handtüchern beworfen hat. Bevor wir hinein dürfen, müssen wir uns noch die Hände waschen. »Normalerweise steht vor einem Tempel ein Brunnen, hier haben wir nur ein Waschbecken«, erklärt er mit entschuldigendem Blick.

Der Inneraum des Tempels ist riesig: 27 mal 27 Meter. Dass die heilige Stätte ausgerechnet hier steht, liegt daran, dass in den 1980er Jahren viele aus Sri Lanka geflüchtete Tamilen nach Hamm kamen und 1989 eine hinduistische Gemeinde mit einem Tempel gründeten. Vier Jahre später feierten sie das erste Tempelfest mit einer öffentlichen Prozession. Als der Tempel zu klein wurde, erbauten die Gläubigen ab 2000 einen hinduistischen Tempel im Stadtbezirk Uentrop. Für den Bau wurden mehrere Tempelbauer aus Indien beschäftigt.

Mitten in der Halle sitzt eine kleine Gruppe auf dem Boden: sechs Frauen, ein Kind und ein Priester in leuchtend orangem Gewand. Sie sind mitten in einer Zeremonie. Für die Hinduisten ist heute ein besonderer Tag: Es ist Vollmond. Alle religiösen Hindufeste richten sich nach dem traditionellen Mondkalender.

Der Priester hat seine langen weißen Haare im Nacken zu einem Knoten gebunden, der Bart reicht ihm bis in den Schoß seines Schneidersitzes. Der Mann scheint tief versunken in seine Gesänge, die sogenannten Veden. Sie sind die ältesten und heiligsten Schriften des Hinduismus und bestehen aus grundlegenden Texten für Gesänge, aus Anweisungen zur Durchführung von Ritualen, Sprüchen und Ratschlägen. Die Frauen, die um den Priester herum sitzen, wissen genau, was sie zu tun haben: Wie eine Art magisch verbundenener Kreis falten sie die Hände, stimmen in den Gesang ein oder halten einfach andächtige Ruhe.

Discounter-Öl

In ihrer Mitte brennt ein kleines Feuer, immer wieder schöpft der Priester etwas darauf. Links neben ihm steht eine Plastikflasche, Rapsöl vom Discounter. Daneben eine Rolle Küchentücher – ein Zipfel des letzten Blattes weht durch die Hitze hin und her. Während der Priester seine Mantras wiederholt und dabei beinahe ekstatisch wirkt, herrscht um ihn herum geschäftiges Treiben. Ein Mann kommt in den Tempel – der weiße Sarong ist etwas schief über seinen nackten, kugeligen Bauch gewickelt – und geht in die Mitte der Halle. Dort steht eine Schale, in die er seine Finger tunkt und sich zwei weiße Striche über die Stirn malt. Ein wenig davon landet auf seiner schwarz gerahmten Ray-Ban-Brille. Das neueste Modell. Die Gruppe scheint sich von den hin- und herlaufenden Menschen nicht stören zu lassen. Alle haben ihre Augen fest auf das Feuer geheftet. Inzwischen sitzt auch der Mann mit dem hellblauen Freizeithemd dabei, er lässt eine Art Rosenkranz durch die Finger gleiten. Die Gruppe wirkt andächtig, ruhig.

Als der Priester eine ungeschälte Banane und eine komplette Kokosnuss ins Feuer legt, halten die Gläubigen die Hände gefaltet vor das Gesicht. Ein junger Mann mit rotem Sarong schwingt eine Klingel, deren Klang den ganzen Saal erfüllt. Der Rauch riecht nach Blüten und verbranntem Holz. Er zieht bis zur Decke. Dort, nur rund drei Meter weiter, stehen zwei Männer auf einem Gerüst. Sie streichen mit Teleskopstangen die Decke des Saals. Superior weiß, zwei Eimer. Einer der Männer lehnt sich ein Stück zu weit über das Gerüst, der andere muss ihn zurückziehen. Beide haben sich Geschirrtücher um den Kopf gewickelt, ihr »Blaumann« ist ein alter Sarong mit bunten Farbklecksen.

Plötzlich ein ohrenbetäubendes Läuten, die Tonfolge ist dunkel, tief. Ding, ding, dong, dong. Immer wieder. Die Frauengruppe erhebt sich, sie tragen Gewänder in leuchtend bunten Farben, alle haben wallendes langes Haar in tiefem Schwarz, haben einen dunkelroten Punkt zwischen den Augenbrauen.

Der Priester steht nun im Zentralschrein mit der Göttin Sri Kamadchi Ampal. Er übergibt seinem Assistenten eine Schale mit Blüten, nacheinander halten alle Gläubigen kurz die Hände darüber und scheinen sich damit einreiben zu wollen. Eine ältere Frau mit weißen Haaren, die ihr bis zu den Oberschenkeln reichen, reißt schnell die Plastikfolie von den bunten Rosen in ihrer Hand und übergibt sie dem Assistenten. Der nimmt sie mit und legt sie zu den anderen Opfergaben am Zentralschrein.

Während die Hindus mit ihrer Hauptzeremonie beginnen, schleichen wir uns hinaus, vorbei an Supermarkttüten auf der einen und sieben mit mythologischen Figuren und Ornamenten verzierten, Schreinen auf der anderen Seite. Vor der Tür des Sri-Kamadchi-Ampal-Tempels riechen wir den Geruch von Räucherstäbchen und verbranntem Obst an unseren Pullovern. Der Geruch wirkt wie ein Fremdkörper im Industriegebiet von Hamm.

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