13. April 2017, 14:56 Uhr

»Draußen trocknet der Herrgott schneller«

13. April 2017, 14:56 Uhr

Giuseppe Rosato versorgt die Wunden von Jesus. Dort, wo es am schlimmsten ist, bringt er große braune Pflaster an. »Eines Tages wird er sich bei mir dafür bedanken«, scherzt der kleine untersetzte Italiener. Dann packt er Jesus, der einen Kopf größer ist als er, an der Taille und stellt ihn auf die Straße, wo die Sonne den engen Gassen bereits ordentlich einheizt. »Draußen trocknet der Herrgott schneller.« Guiseppe ist Handwerker, Restaurator, Sozialarbeiter – vor allem aber ist er Cartapesta-Künstler, der in der Bottega d’Arte di Don Francesco im italienischen Lecce Erstaunliches aus Draht, Stroh und Papier hervorbringt: Figuren, die nicht von Pappe sind, obwohl sie aus Pappe sind. In seiner Werkstatt lehnt sich Gottesmutter Maria lässig an Don Bosco. Von oben lächelt ein Erzengel herab. Dutzende Heiligenfiguren haben sich zu einer stillen Prozession versammelt. Man würde jede Wette eingehen, dass sie aus Holz sind. Erst wenn man Maria ganz tief in die Augen blickt, sieht man, dass sie aus Pappmaché ist. Das Gesicht ist ein wenig eingedrückt, die Papierschichten liegen offen. Jesus erging es ähnlich, deswegen wird er jetzt mit braunem Packpapier voller Klebstoff wieder zusammengeflickt.

Lecce ist die einzige Stadt in Italien, vermutlich sogar in Europa, in der die Cartapesta-Künstler noch aktiv sind. Die Aufträge für die Werkstätten, von denen es noch ein Dutzend gibt, kommen aus aller Welt. Das Kerngeschäft liegt aber vor der Haustüre: Gut 100 Kirchen, also eine pro 1000 Einwohner, befinden sich nach Auskunft der Provinzregierung in der Stadt am Stiefelabsatz, die im 18. Jahrhundert den Beinamen »città-chiesa« (Kirchenstadt) erhielt. Von einer Ausnahme abgesehen, sind alle mit Pappmaché-Heiligen ausgestattet. Selbst die Stuckengel haben einen Dickkopf aus Papier. Sie halten überraschend lange, aber nach 200 oder 300 Jahren braucht selbst der hartnäckigste Padre Pio eine Schönheits-OP.

In der Zeit rund um Ostern und Pfingsten pilgern viele Katholiken aus Italien und Europa nach Lecce. Die Glaubenstouristen wuseln aufgeregt durch die Cartapesta-Werkstätten, um ihren Schutzpatron abzuholen, der eine Wellnesskur hinter sich hat. Oder sie holen gar eine neue Figur ab, die sie bei Giuseppe oder einem Kollegen in Auftrag gegeben haben und bei ihrer nächsten Prozession voller Stolz vor sich hertragen wollen. Das Geschäft mit den lebensgroßen, transportablen Heiligen ist das zweite wichtige Standbein für die Cartapesta-Künstler in Lecce. Schließlich lässt sich ein Bonifazius aus Pappmaché doch leichter durchs Dorf tragen als der hölzerne Antonius. Die Prozessionsfiguren können mehrere Tausend Euro kosten, bestehen sie doch aus bis zu zehn Schichten Papier. Ein Künstler arbeitet zwei bis drei Monate daran.

Zunächst formt der Cartapesta-Künstler das Skelett aus Draht, umwickelt es mit Stroh und trägt die Pappmasse auf. Diese wiederum besteht aus Packpapier, das in einer Mischung aus Mehl und Wasser aufgeweicht ist. Schicht für Schicht geht es voran, die Figur muss stets trocknen. Am Ende kommt eine gipsartige Masse oder Kreidemischung drauf, der Heilige strahlt in unschuldigem Weiß und kann entsprechend bemalt werden.

Giuseppe verfolgt jeden Arbeitsschritt seiner Jünger. Schließlich sollen sie mit Gottes Hilfe wieder auf den richtigen Weg kommen. Unter den rund 20 Mitarbeitern der Bottega d’Arte di Don Francesco sind auch schwer erziehbare Jugendliche ohne Ausbildung. So mancher ist nach Aussage von Giuseppe schon reumütig geworden und betet seither zu Sant Oronzo, dem Stadtheiligen von Lecce, der auf einer Säule hoch über dem Hauptplatz der Stadt thront. Jedes Jahr Ende August gibt es ein großes Fest zu seinen Ehren, das drei Tage dauert.

Als Tourist kommt man besser in der Nebensaison im April und Mai oder im Herbst. Auch dann erlebt man Lecce als lebendige Stadt, als sonnenverwöhnte, dralle Königin des Barock, die aufreizend ihre Rundungen zeigt und ein Kleid mit ausladenden Ornamenten trägt. Hunderte gut erhaltene Paläste und schwergewichtige Balkone präsentieren sich im »centro storico«, wo historische Grabungsstätten eine Zeitreise in die Geschichte Apuliens ermöglichen, die 200 000 Jahre bis in die Altsteinzeit zurückreicht. Römer, Griechen, Spanier und Araber eroberten die Stadt, wurden geschlagen und hinterließen ihre Spuren. Aus griechischen Klöstern wurden römische Tempel und Kirchen.

Zu den auffälligsten Objekten zählt die Chiesa di Santa Chiaria. Ein Nonnenorden ließ sie im 18. Jahrhundert umbauen. Die frommen Frauen schmissen mit Geld nur so um sich, spendierten jedem Altar und jeder Figur eine üppige Schicht aus Blattgold. Als es aber daran ging, den Deckenschmuck zu bestellen, war die Kasse leer. Also erhielten die Handwerker in Lecce den Auftrag, es mit Pappmaché zu versuchen. Am Ende flammten die schlauen Künstler die Oberfläche gar ab, um dem Ganzen einen Holz-Touch zu verleihen, der noch heute täuschend echt aussieht.

Auch Francesca Carallo ist jedes Mal begeistert, wenn sie in Santa Chiaria steht und den Kopf in den Nacken wirft. Dabei kann sie mit dem althergebrachten Style nicht mehr viel anfangen. Lange Zeit hat sie selbst Heiligenfiguren aus Pappe geformt. »Aber die Arbeit war mir zu stupide, zu langweilig. Da kann man keine Kreativität ausleben.« Sie begann in ihrem Atelier, das gleich hinter der via arte della cartapesta liegt, zu experimentieren. Formte Säulen aus Papierbögen, webte Teppiche mit selbst gedrehten Papierschlangen und war plötzlich eine gefragte Künstlerin. Mittlerweile stellt sie sogar in Mailand aus. Besonders begehrt sind ihre großen Lichtkugeln, bei denen sie ein Korsett mit Hunderten kleinen Öffnungen über eine Lampe stülpt.

Jesus hat mittlerweile Feierabend. Die Pflaster sind trocken und er hat doch ein paar Touristen in die Werkstatt gelockt, die keine Ahnung hatten, dass in Lecce Papierheilige den Ton angeben. Auch wenn sie jeden Tag nur eine stumme Prozession veranstalten…

Christian Schreiber

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