01. November 2019, 15:11 Uhr

Dolomitenherbst auf den letzten Metern

01. November 2019, 15:11 Uhr
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Von Annette Spiller

Meditation ist ganz einfach in den Bergen. Präsent sein, wahrnehmen und schauen. Seine Gedanken mit den Wolken ziehen lassen. Unterwegs und doch ganz bei sich selbst sein. Herbstglück in den Dolomiten: Das Licht, die Farben, die Gerüche des Waldes in sich aufnehmen, sich dem Blau des Himmels, dem Rauschen des Gebirgsbachs und der Weite, dieser wunderbaren Weite über den Gipfeln überlassen. Kein Trubel. Ruhe. (Fast) allein auf seinen Wegen. Was wie Kitsch klingt, ist die Realität dieses spätestmöglichen Herbstvergnügens Mitte Oktober, bevor in ein paar Wochen schon die Skisaison beginnt in den Sextner Dolomiten.

Diese Tage des Dazwischens sind besonders: Der Übergang ist spürbar, der Abschied von der warmen Jahreszeit. Etwas geht zu Ende, und das Neue ist noch nicht da. Immer weniger Touristen zu sehen in den Tälern und auf den Höhen schon gar. Die Lärchen werden gelb, die Blätter von Alpenröschen und Blaubeersträuchern rot. Die Pilze wachsen und leuchten. Am Dürrensee an der Höhenstraße nach Cortina d’Ampezzo spiegelt sich die Cristallo-Gruppe im grünen Wasser, und der Parkplatz am grandiosen Blick auf die Drei Zinnen, das Wahrzeichen des UNESCO-Naturparks, ist so gut wie leer.

Die bewirtschafteten Hütten schließen vorübergehend. So wie die Rudi-Hütte in den Rotwandwiesen unterhalb der Gipfel der Sextner Sonnenuhr, wo man je nach Sonnenstand hinter den Bergen die Uhrzeit ablesen kann. Eine Kapelle spielt bei Traumwetter zum Kehraus, die Terrasse sitzt voll, die vorerst letzten Kaiserschmarren, Aperols und Espressi werden serviert. Ein Schnapserl gibt’s aufs Haus. Der junge Wirt atmet auf - endlich Zeit, mal selbst Urlaub zu machen, bevor die Gondeln die Skifahrer hertransportieren.

Die Alpe Nemes am Karnischen Kamm auf der anderen Seite des Sextner Tals hingegen macht durch - hier gibt es keinen Lift. Rauf kommt der Wanderer zu Fuß, im Winter mit Schneeschuhen. Bei bestem Blick auf die Rotwandspitze eröffnet uns Wirt Otti, dass wir diesmal keinen Honig kriegen können - zu wenig Bienen sind geflogen, der Ertrag war mäßig. Zum Trost gibt es einen selbst gemachten Enzian, ein Stück unvergleichlichen Apfelstrudel und ein Lächeln von seiner Frau Klara, die sich auf die ersten Regentage freut - »alles zu trocken«. Das stimmt wohl: Die Landwirte sind zum Teil noch bei der zweiten Heuernte, die heuer dürftig ausfällt. Der alte Bauer bei uns am Tisch ist besorgt, ob er genug hat für seine Tiere im Winter. Die sind schon runter von den Höhen, der Almabtrieb wird allerorten in diesen Tagen abgeschlossen.

Ein paar letzte Weidegänger sehen wir allerdings noch, als wir später an der Klammbachalm vorbeiwandern. Rumms! Die Hufe donnern gegen die Transporterwand. Was für einen Lärm so ein kleines Shetlandpony machen kann. Aber wer will schon nach einem langen Almsommer in Freiheit runter ins Tal, womöglich gar in den Stall? Nein, dann lieber Krach schlagen. Die beiden kleinen Kumpane draußen verstehen die Signale - und narren den Mann mit dem Lasso und seine Helferinnen, indem sie sie erst ganz nah rankommen lassen und dann fortgaloppieren. Die Herde Großpferde wirkt dagegen ziemlich gelassen. Vielleicht sind sie heute noch nicht dran? Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. An dem es auch auf der Klammbachalm keine Spinatknödel oder Schlutzkrapfen mit zerlassener Butter mehr für Wanderer geben wird - Saisonende auch für Touristen.

In den Dörfern und Städtchen in den Tälern wird gehämmert und renoviert. Die Seilbahnen stehen. Viele Herbergsbetriebe sind geschlossen - diese Zeit wird genutzt, um notwendige Arbeiten vor dem Winter zu erledigen. Die Schneekanonen sind bereits an den Hängen positioniert. In den Ortschaften des Pustertals, in Innichen, Toblach oder Bruneck, sind die Tische in den Fußgängerzonen hauptsächlich von Einheimischen besetzt. Aufatmen beim Cappuccino. Österreich ist nicht weit - eine Pause mit Sachertorte in der Schokoladenmanufaktur in Sillian oder ein Bummel über den Stadtmarkt in Lienz sind nun ohne Gedränge möglich.

Nicht nur hier ist das so: Eine Tagestour am Kronplatz entlang, im Winter Dreh- und Angelpunkt des Skivergnügens, über den Furkelpass durch das Gadertal (Alta Badia), zeigt das gleiche Bild. Wenig Verkehr hier in diesem ladinisch geprägten Tal, in dem man an Sprach- und Kulturgrenzen unterwegs ist, die Ortsschilder noch dreisprachig sind. Die Walfahrtskirche St. Maria in Enneberg ist ein Ort der Einkehr. Über den sonst belebten Urlaubsdomizilen St. Vigil oder St. Martin liegt Frieden. Die Bürgersteige hochgeklappt hat auch Corvara, bald wieder Hotspot im Skizirkus an den Bergmassiven Sella, Sassongher und Co. In einem Lokal gibt’s noch was zu essen, ansonsten reicht schauen. Und sich erinnern: an den Skiurlaub hier vor gefühlten Lichtjahren, die Sella-Runde, den gefrorenen Bart von Onkel Franz und das Liftfahren mit Papa... Dann die Serpentinen hoch. Übers Grödner Joch, einen 2121 Meter hohen Gebirgspass, der das Gadertal mit Gröden verbindet, fahren wir im frühen Abendlicht, verweilen lange. Eine Stimmung, als hielte die Bergwelt einen Moment den Atem an. Über Wolkenstein, St. Ulrich und dann über Brixen zurück nach Sexten geht es durch die einbrechende Nacht, schweigsam und zufrieden. Es gibt wunderbare Gegenden auf der Erde. Die Dolomiten gehören dazu. Besonders auf den letzten Metern des Herbstes. Annette Spiller

Die bleichen Berge werden sie genannt, die Gebirgsformationen der Dolomiten, die aus den Talböden, den grünen Wiesen und dunklen Wäldern herauszuwachsen scheinen, bis über der Baumgrenze nur noch nackter Fels in den Himmel ragt. Dolomit ist Riffgestein - aus Korallenriffen im absinkenden Ozean des Erdmittelalters gebildet. Die Sextner bilden die nordöstlichste Gebirgsgruppe der Dolomiten, ragen im Osten Südtirols und im Norden der Provinz Belluno an der Grenze zu Österreich in den Himmel und werden im Norden durch das Pustertal begrenzt.



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