10. September 2016, 12:00 Uhr

Die Kunst der Verpackung

Vorsichtig hebt Leonie Gärtner die fragile Bastfigur aus der Vitrine. Der riesige Tellerhut und die kunstvollen Verzierungen am Flechtwerk müssen besonders behutsam behandelt werden. Im weißen Schutzanzug, eine Staubmaske vor dem Gesicht, untersucht die Restauratorin des Ethnologischen Museums Berlin die wertvolle Tanzmaske aus Papua Neuguinea. Die mehr als 100 Jahre alte Figur wird vermessen, akribisch fotografiert und auf ihre Transportfähigkeit hin geprüft.
10. September 2016, 12:00 Uhr

Leonie Gärtner bereitet mit ihrem Team die Südsee-Abteilung des Museums auf den Umzug ins rekons-truierte Berliner Schloss vor. Dort soll unter dem Namen Humboldt Forum von 2019 an ein Zentrum für Kunst und Kultur entstehen – mit der weltweit herausragenden völkerkundlichen Sammlung als besonderem Schwerpunkt. »Wir sind mit unseren Vorbereitungen schon sehr weit und liegen absolut im Zeitplan«, sagt Museumsdirektorin Prof. Viola König.
Seit Mitte Januar sind Teile ihres Hauses im beschaulichen Ortsteil Dahlem geschlossen, um das Mammutprojekt in die Praxis umsetzen. Bis zu 10 000 der mehr als 500 000 Stücke umfassenden Sammlung sollen in die Stadtmitte umziehen – jedes Einzelne geht zuvor durch die Hände der Restauratoren.
Den vielleicht größten Aufwand erfordern die berühmten Südsee-Boote, wichtigster Publikumsmagnet des Hauses. Die historischen Segel- und Auslegerschiffe sind so groß, dass sie nicht annähernd durch normale Türen passen. In der Eingangshalle des neu erstehenden Schlosses bleibt deshalb vorerst ein riesiges Loch offen. Erst nach dem Einzug der Boote 2018 wird es geschlossen.
»Das Museum wird also im wahrsten Sinne um die Boote herumgebaut«, erklärt König. »Als sie vor mehr als 40 Jahren hierherkamen, wurden noch die Masten umgeklappt und die Ausleger abgenommen. Das wollen wir ihnen heute nicht mehr zumuten.«
Um Platz für die Vorarbeiten zu schaffen, sind die Vitrinen um die Boote inzwischen geleert, die Ausstellungsflächen geräumt. Wertvolle Stücke sind in einem dunklen, gekühlten Keller zwischengelagert – fein verzierte Holzmasken und furchterregende Dämonenfratzen, geschnitzte Ahnenpfähle und seltsame Mischwesen mit wildem Haarschopf und Hörnern.
»Alle Objekte müssen gereinigt, entwest und für den Transport fertiggemacht werden«, erläutert Depotverwalter Peter Jakob. »Je nach Zustand ist auch eine Restaurierung nötig. Schließlich sind die meisten Stücke mehr als 100 Jahre hier. Sie haben zwei Weltkriege hinter sich und diverse Umzüge.« Für die sogenannte Entwesung, also die Abtötung von möglichen Schädlingen im Material, werden die Exponate je nach Beschaffenheit tiefgefroren oder mit Stickstoff behandelt.
Eine besondere Herausforderung ist nach Angaben von Jakob der Umgang mit pflanzlichen Materialien. »Eine Schürze aus Bast oder eine Maske mit Gräsern ist wegen der hohen Empfindlichkeit der Objekte der Albtraum jedes Restaurators«, weiß er. »Schon kleinste falsche Berührungen könnten solch ein Stück beschädigen.«
Parallel zur Aufarbeitung der Exponate läuft die inhaltliche Vorbereitung. Das Humboldt-Forum, das bisher größte Kulturprojekt des Bundes in diesem Jahrhundert, ist nach dem Willen des Bundestags als »Ort der Weltkulturen« geplant. Gegenüber der Museumsinsel soll sich Deutschland hier im Dialog mit der Welt präsentieren, so der hohe Anspruch.
Zusammen mit dem bisher ebenfalls in Dahlem angesiedelten kleineren Museum für Asiatische Kunst bespielt das Ethnologische Museum das zweite und dritte Obergeschoss. Im ersten Stock präsentieren sich das Land Berlin und die Humboldt- Universität. Gemeinsame Plattform ist der öffentliche Bereich im Erdgeschoss – mit Ausstellungen, Tagungen, Konzerten, Kino, Performances und Diskussionsveranstaltungen. Schon früh zeichnete sich ab, dass für die Museen der Umgang mit der Kolonialzeit eines der großen Themen sein wird. Viele Objekte in den Sammlungen stammen aus der Zeit, als bei der Kongokonferenz 1884/85 in Berlin die koloniale Aufteilung Afrikas ihren Abschluss fand. Andere wurden von Forschern wie Georg Forster, Alexander von Humboldt oder Hermann von Schlagintweit aus fernen Gegenden nach Berlin gebracht.

Exponate aus Kolonien

Die Initiative »No Humboldt 21« kritisiert schon lange, der weitaus größte Teil der Exponate sei im Zusammenhang mit kolonialen Eroberungen nach Berlin gekommen, gehöre den Museen daher nicht rechtmäßig. Sie nannte das Humboldt-Forum 2013 »eurozentrisch und restaurativ« und forderte einen Stopp der Arbeiten. Inzwischen sei das Thema bei den Verantwortlichen angekommen, sagt Sprecher Mnyaka Sururu Mboro aus Tansania.
Die für die Museen verantwortliche Stiftung Preußischer Kulturbesitz setzt sich intensiv mit den Fragen auseinander. Im vergangenen Jahr legte sie einen Verhaltenskodex zum Umgang mit den außereuropäischen Sammlungen vor. Danach soll die Geschichte der ab 2019 im Humboldt-Forum präsentierten Objekte vorrangig untersucht werden. »In Einzelfällen kann es auch geboten sein, Rückgaben zu vereinbaren«, heißt es in dem Papier.
Musterbeispiel für ein umstrittenes Stück ist der Perlenthron »Mandu Yenu« aus dem Königreich Bamum im Grasland von Kamerun. Mächtig und erhaben, über und über mit wertvollen Glasperlen und Kaurischnecken bestickt, steht er derzeit noch auf seinem schwarz schimmernden Podest in Dahlem. König Njoya von Bamum hatte ihn 1908 nach einem gemeinsamen Feldzug mit den deutschen Truppen dem deutschen Kaiser Wilhelm II. zum Geburtstag geschenkt.
»Geschenk ist Geschenk, so könnte man meinen«, sagt Museumschefin König. »Aber die Diskussion ist tatsächlich viel komplexer. Man kann die Gabe des Throns auch als Ausdruck asymmetrischer Machtverhältnisse und als Symbol für die koloniale Unterdrückung Kameruns sehen. Genau solche Diskussionen wollen wir aufgreifen und anschaulich machen.«
Das neue Zauberwort ist »Shared Heritage«, geteiltes Erbe. Danach sollen die Exponate nicht einseitig aus europäischer Perspektive gezeigt werden, sondern im Dialog mit den Herkunftsländern. »Wir sind im Austausch mit indigenen Gruppen in Nordindien, Amazonien, Alaska, Hawaii und anderen«, so König. »Wir berücksichtigen ihre Wünsche für die Präsentation und die Aussagen, die sie über die Exponate machen.« Nada Weigelt “ Schon kleinste falsche Berührungen könnten ein Stück beschädigen „

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