18. August 2017, 15:04 Uhr

Das Rhônetal runter, dann nach rechts

18. August 2017, 15:04 Uhr

Ach, wie oft nahmen wir seit den fernen Tagen unserer Jugend diese Strecke, um unter der französischen Sonne das zu tun, was gemeinhin als süßes Nichtstun gilt. Irgendwie bis Lyon – und dann nur schnurgerade südwärts. Mit dem Interrail-Ticket im Nachtzug, dessen Kurswagen Ventimiglia und Cerbère/Port-Bou als Ziele auswiesen. Als optimistische Tramper. Jenseits der Lehr- und Wanderjahre indes meist mit dem Auto samt passendem Soundtrack vom Kassettenabspielgerät; gern dabei die Lieder der Generation »Salut les Copains« – und die anmutigen Plaudereien des Schriftstellers Ludwig Harig. »Rasche Wendung des Weges, vor uns wölbt sich das Meer«, zitiert er Gottfried Benn, »Grün des Olivengeheges rennt jetzt neben uns her.« Klingt immer auch wie eine Ode an die Route Nationale 7, die französische Antwort auf die amerikanische Route 66, beginnend in Paris, endend an der Côte d’Azur.

Kurz vor Avignon muss man entscheiden. Wohin in diesem Paradies? Provence und Riviera? Weiter ins Languedoc, Richtung Spanien? Wir bleiben bei der Neuauflage vor dem Horizont, biegen hinter Montélimar rechts ab – in die Cevennen und in die Garrigue, ins Vivarais und in die wildromantischen Täler von Ardèche und Cèze. Es ist an der Zeit, wieder mal in diesem von uns oft vernachlässigten Landstrich auf Spurensuche zu gehen.

Jenseits der Rhône landen wir in Pont-Saint-Esprit. Es ist Markttag im 10 000-Seelen-Städtchen. Auf den Tischen türmen sich Früchte und Gemüse aus der Region, Käse und Wurstwaren, Weine und Olivenöl im schieren Überfluss. Wir haben viel Zeit für das zweckfreie Dasein. Unsere Gedanken pendeln zwischen viel vollendeter Vergangenheit und unvollendeter Gegenwart. Die verbleibende Zukunft klammern wir aus.

In einem Café am Boulevard Gambetta erzählt ein von uns befragter Tischnachbar, zu den prominentesten Leuten mit Wurzeln vor Ort zählten der Schauspieler Jean-Louis Trintignant – und die mit diesem Filmstar, Regisseur und Rennfahrer weitläufig verwandte Jacqueline Kennedy-Onassis († 1994), eine geborene Bouvier.

Bouvier? Ein hugenottischer Name. Die Ex-Präsidenten-Gattin war Nachfahrin eines vor 200 Jahren in die USA ausgewanderten Tischlers. Die strenggläubigen Protestanten hatte man bereits zum Ende des 17. Jahrhunderts hin auf Geheiß von Sonnenkönig Ludwigs XIV. verfolgt, ermordet oder mindestens vertrieben. Niederschlag findet dieses dunkle Kapitel französischer Geschichte unter anderem in einem (touristischen) Hugenottenweg, der dort in den Cevennen ebenso seinen Ausgang nimmt wie – östlich der Rhône – in Lichs Partnerstadt Dieulefit und der hier bei uns Braunfels, Ehringshausen und den Ebsdorfergrund tangiert.

In dieser Gegend, namentlich »in der wilden, elementaren Landschaft des Vivarais«, unserem rund 60 Straßenkilometer nordwestlich von Pont-Saint-Esprit gelegenen Ziel, wohnen »Rebellen und Eigenbrötler, Aussteiger und Propheten«. So lesen wir es im aktuellen Roman der in Ilsdorf im Vogelsberg und in Laurac bei Largentière lebenden Schriftstellerin Anne Chaplet.

Sie erklärt uns die tragische Geschichte der reformierten Christen, die dort ehedem Zuflucht gefunden hatten. Wiewohl sie auch vom Widerstand gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg erzählt in ihrem Buch, das uns willkommener Reisebegleiter ist.

Auf dem Weg kommen wir – verwendet sei ein zutreffendes Bild des Philosophen Peter Sloterdijk – »durch Täler und Dörfer, an die das Gefühl spontan Höchstnoten verteilt«. Merveilleux! Ähnlich notiert es Chaplet, bezugnehmend auf Tori Godon, die Protagonistin ihres Romans: Die landschaftliche Schönheit sei »so schwer zu beschreiben und so schwer festzuhalten, dass sie es gar nicht erst versuchte«. Schrundige Kalksteinfelsen glühten »rot und golden, sehen aus wie mit einem stumpfen Messer abgeschnitten«. Die Augen wandern zu lassen zwischen Himmel, Horizont und Flusstälern, das sei »Magie. Oben, unten, überall«.

 

Neues von Kurzeck

 

In Saint-Martin-d’Ardèche kurz zum Anwesen mit dem »Loplop« auf der Fassade, einer Fantasiefigur des surrealistischen Künstlers Max Ernst, der dort mit seiner Muse Leonora Carrington lebte, bevor er dank und mit Kunstsammlerin Peggy Guggenheim vor den Nazis und deren Schergen in die USA fliehen konnte. Im Ort pflegt man die Erinnerung daran.

Vorbei am archaisch auf einem Felsen thronenden Aiguèze führt der Weg westwärts; ins beschauliche Montclus an der Cèze, einem südfranzösischen Nest wie aus dem Bilderbuch. Unbedingter Gastrotipp: die Klause von Claudine Bruguier. Dann Barjac. Von diesem Ort hatte uns erstmals der Staufenberger Schriftsteller Peter Kurzeck († 2013) erzählt, zuletzt im posthum erschienenen Romanfragment »Bis er kommt«, das jenen Sommer ’83 beschreibt, in dem der Gießener Jürgen Klaus († 1997) mit seiner Freundin Pascale in Barjac ein Restaurant in den Sand setzte. In Kürze folgt bei Stroemfeldt Band 7 im Kurzeck-Zyklus »Das alte Jahrhundert«. Titel: »Der vorige Sommer und der Sommer davor«.

»Nicht zu viel davon«, mahnt das gute Gewissen an der Seite des Chronisten. Kein Problem. Daher lassen wir auch den Sehnsuchtsort Uzès links liegen, in dessen Altstadt Kurzeck von den frühen 1990ern an wohnte. Bis 2015 hatte dort auch der Verleger des früher auf dem Gießener Hardthof ansässigen Anabas Verlages, Günther Kämpf, gemeinsam mit seiner Frau Vilma ein Zuhause. Überhaupt Uzès und Umgebung: Etliche im Gießener Land bekannte Namen ließen sich dazu nennen. Also weiter Barjac, wo es zwar nicht klappt, nach dem zu schauen, was vom deutschen Maler und Bildhauer Anselm Kiefer und dessen Freiluftatelier und Privatmuseum »La Ribaute« geblieben ist. Dafür ist Florian Bessets Galerie »La Quincaillerie« geöffnet, in der der Licher Maler und Zeichner Bodo W. Klös ausstellt; vornehmlich seine mediterranen Grafiken.

Dann schlussendlich Belleville, eigentlich ein Ort der Imagination – uneigentlich aber zentraler Schauplatz in Chaplets Krimi. Man findet ihn in Largentière und Joyeuse, bei Vallon-Pont-d’Arc und in Laurac, im Herzen des Vivarais.

Durch die Gassen schlendern, die Gegend aufsaugen, in ein Bistrot setzen oder in eine Guinguette, ein Gartenlokal, Gutes aus Küche und Keller bestellen, idealerweise einen kühlen Cuvée d’une Nuit, ein Rosé von der Ardèche, und das Kopfkino anschalten. Die Titelmusik dieses individuellen Films stammt von Jean Ferrat, der in der Nähe lebte, in Antraigues: »Pourtant que la montagne est belle …« No. Schmidt

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Diese Titelgeschichte korrespondiert mit der Bücherseite, S. 66

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