24. März 2017, 14:46 Uhr

Das Paradies des roten Monarchen

Genosse Tito, eigentlich Josip Broz, hatte einen Blick für Glamour und Schönheit. Beides vereinte der jugoslawische Staatschef auf einer Inselgruppe in der nördlichen Adria. Die Brijuni-Inseln waren für ihn Erholungsort, Regierungssitz und nicht zuletzt Treffpunkt für internationale Prominenz.
24. März 2017, 14:46 Uhr

Es war sein persönliches Paradies. Hier hielt der rote Monarch Hof, hier empfing er Staatsgäste aus aller Welt und hieß internationale Filmstars willkommen: Für den langjährigen jugoslawischen Staatschef Josip Broz, der sich 1934 den Decknamen Tito aneignete, waren die Brijuni-Inseln (italienisch: Brioni) wohl einer der liebsten Aufenthaltsorte – wenn nicht gar der liebste. Zeitlebens, nachdem er 1947 erstmals die Hauptinsel betreten hatte, galt das Archipel als Sperrgebiet. 1983, drei Jahre nach seinem Tod, wurde die Inselgruppe zum Nationalpark erklärt. Seit 1985 steht sich auch Besuchern offen. Die sind besonders beeindruckt von den exotischen Tieren des Safari-Parks, deren erste Exemplare Tito von seinen Staatsgästen geschenkt bekommen hatte – beispielsweise Elefanten von Indiens früherer Präsidentin Indira Gandhi. Allerdings lebt von den beiden Exemplaren nur noch die Elefantendame Lanka. Ihr Partner Sony verstarb 2010. Außerdem zu sehen: guineische Zebras, indische Kühe, somalische Schafe und Shetland-Ponys, Antilopen, Lamas, Esel, Ziegen und das typische istrische Rindvieh Boškarin.

Dabei hatte alles wenig paradisisch angefangen. Zwar gab es schon um 3000 vor Christi Geburt eine Besiedlung, und auch aus römischer Zeit finden sich beispielsweise noch die Überreste einer antiken Villa. Doch vor rund 130 Jahren waren die insgesamt 14 Inseln nahezu unbewohnt. Der Grund: Malaria. Paul Kuppelwieser, ein Industrieller aus Österreich, kaufte das damals noch zum Habsburger-Reich gehörende Archipel. Ihm schwebte vor, daraus einen internationalen mondänen Kur- und Badeort zu machen – eine Art Nizza an der östlichen Adria. Kuppelwieser rief 1900 Robert Kochs zu Hilfe. Ihm gelang es, die Inseln von der Malaria zu befreien. Ihr Aufstieg als Ausflugsziel für die gehobene Gesellschaft konnte beginnen.

Nobler Treffpunkt

Kuppelwieser ließ Wege anlegen, betrieb Landwirtschaft und Weinbau, importierte exotische Pflanzen und Tiere und ließ Hotelanlagen errichten. 1913 entstand hier das erste Winterschwimmbad an der österreichischen Adriaküste. Schon damals hatten sich die Inseln zu einem Treffpunkt der besseren Gesellschaft entwickelt. Adlige, Industrielle, gehobene Bürger aber auch viele Künstler gaben sich hier ein Stelldichein, unter ihnen beispielsweise Thomas Mann.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam Istrien und damit das Brijuni-Archipel zu Italien und entwickelte sich zu einem internationalen Treffpunkt für Sportbegeisterte. Unter anderem gab es dort den damals größten Golfplatz Europas, außerdem Poloveranstaltungen und Regatten.

Hohe Schulden von Kuppelwiesers ältestem Sohn Karl – unter anderem durch die teure Haltung von Polo-Pferden – führten in den 1930er Jahren zum Niedergang. 1943 besetzten deutsche Truppen nach der Kapitulation Italiens die Inseln, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch bombardiert wurden. Ein Schicksal, das ihnen im Balkankrieg der 1990er Jahre erspart blieb. 1945 wurde Istrien dem neu erstandenen Jugoslawien zugeschlagen.

Und dann kam Tito. Von 1947 an hielt er hier gerne Hof. Dabei wurde auch Politik gemacht. Die Gründung der Blockfreien Staaten 1956 – Initiatoren waren neben dem jugoslawischen auch die Staatschefs von Indien und Ägypten, Jawaharlal Nehru und Gamal Abdel Nasser, erfolgte im sogenannten Brijuni-Abkommen.

Zu den prominenten Gästen zählten in den folgenden Jahren zum Beispiel Königin Elisabeth II., Leonid Breschnew, Eleanor Roosevelt, Che Guevara, Muammar al-Gaddafi oder Willy Brandt. Auch Hollywoodstars wie Gina Lollobrigida, Sophia Loren mit ihrem Produzenten-Gatten Carlo Ponti, Elizabeth Taylor und Richard Burton, der Tito 1973 im Film »Die fünfte Offensive« verkörperte.

Neue Anziehungskraft

Am 4. Mai 1980 starb Tito. Drei Jahre später wurden die Brijuni-Inseln zum Nationalpark erklärt, der ab 1985 auch für die Bevölkerung offen stand. Einen Besuchereinbruch brachten die Balkankriege in den 1990er Jahren. Politische Bedeutung erlangten die Inseln noch einmal im Jahr 1991, als auf der Hauptinsel Veli Brijun mit der Brioni-Erklärung der Zehn-Tage-Krieg der jugoslawischen Volksarmee in Slowenien beendet wurde.

Doch seit einigen Jahren entwickelt sich das Archipel wieder zu einem touristischen Anziehungspunkt – insbesondere Veli Brijun, das auch weiterhin von der kroatischen Regierung für Staatsempfänge und als Sommerresidenz des kroatischen Präsidenten genutzt wird. Erreichbar ist die Insel per Boot entweder über eine der zahlreichen an den istrischen Küstenorten angebotenen Ausflugs- und »Piratenfahrten« oder direkt vom gegenüberliegenden Hafenstädtchen Fažana aus. An die Zeit Titos erinnert auf der Hauptinsel ein Museum mit zahlreichen Bildern und Exponaten, unter anderem Präparate von exotischen Tieren, die einmal den Safari-Park bevölkert haben.

Erkunden kann man die Insel mithilfe eines Elektrobähnchens. Der Weg der guten Schwingungen ist ein Wander- und Fahrradweg zur Besichtigung von besonders ausgewählten Punkten. Das Sport- und Bewegungsangebot wurde in den vergangenen Jahren ausgebaut, auch Golf und Tennis sind möglich. Immer beliebter wird die Inselgruppe für Freizeitkapitäne und Sportsegler.

Sogar das Jawort kann man sich in diesem besonders romantischen Ambiente (in der kleinen Kirche des Heiligen Germanus aus dem 15. Jahrhundert) geben. Das hätte sicher auch Tito gefallen: Er war schließlich viermal verheiratet.

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