03. November 2017, 15:05 Uhr

Da Vinci und Picasso im Meerespalast

03. November 2017, 15:05 Uhr
Einer der ersten Galeristen Abu Dhabis: Khaleed Seddiq Samea in seinen Ausstellungsräumen. (Foto: Sobik)

Ein bisschen sah es aus wie eine Prozession, als sie in ihren langen weißen Gewändern irgendwie ehrfurchtsvoll und mit den Blicken erst zum Boden, dann immer wieder zur Decke gewandt durch das riesige Gebäude zogen: über einen Platz im Halbdunkel, der von einer gewaltigen Kuppel überspannt ist, unter der sich quaderförmige schneeweiße Häuser stapeln. Sogar einen Bootsanleger gibt es unter diesem Dach. Draußen flirrte derweil die Hitze, das Thermometer zeigte 46 Grad. Drinnen tanzten Sonnenstrahlen auf dem Boden, die durch das von ornamentösen Öffnungen durchbrochene Dach drangen und immer neue vergängliche Bilder entwarfen. Viele von den Männern in Weiß und den Frauen in Schwarz zückten ihre Handys und filmten, was sich ihnen da geboten hat und bis dato nur Bauarbeitern und Planern zugänglich gewesen ist.

Das war Mitte September, als etwa 100 emiratische Würdenträger rund um Abu Dhabis Kronprinzen Mohammed bin Zayed al-Nahyan auf exklusiver Preview durch den fast fertigen neuen Louvre von Abu Dhabi geführt wurden. Einer, der mit dabei war und ebenfalls eifrig mit dem Handy gefilmt hat, ist Galerist Khaleed Seddiq Samea: »Zu meinen Lebzeiten werde ich nichts Schöneres zu sehen bekommen«, schwärmt er danach, während sein rechter Zeigefinger zwischen den Fotos der Besichtigung auf seinem Handy hin- und herwischt.

Die Eröffnung ist nun für den 11. November geplant. Dabei hatte es viele bauliche Herausforderungen hier im Sand von Abu Dhabi gegeben. Am Ende haben die Planer rund um den französischen Star-Architekten Jean Nouvel doch für alles eine Lösung gefunden – wenn auch insgesamt mit mehrjähriger Bauverzögerung. Denn was der Mann aus Paris sich da an Konstrukt ausgedacht hat, ist alles andere als simpel. Es bemisst sich an der Aufgabenstellung der Scheichs, die all das bezahlen. Sie verlangten ein architektonisches Weltwunder – ein Gebäude, das eines Tages so sehr für das neue Abu Dhabi stehen kann wie die Oper von Sydney für Australien, wie das Empire State Building für New York. Und mindestens so wie das Burj al-Arab für den ewigen Lokalrivalen Dubai.

Das neue Gebäude sollte dabei zweifelsfrei in der Gegenwart verankert sein, ohne in seiner Formensprache schon morgen überholt zu sein. Und es sollte ebenso zweifelsfrei hierher gehören und Anleihen in der Bautradition der Region nehmen. Deshalb hat Nouvel sich die komplizierte Kuppel mit ihren Öffnungen für Luft und Licht einfallen lassen. Sie soll an die althergebrachten Deckungen der Gassen mit Palmwedeln erinnern und überspannt gleichwohl die Fläche von fünf Fußballfeldern, wird getragen von nur vier Säulen: »Wie früher im Basar, wenn Sonnenstrahlen plötzlich durch die Abdeckungen aus Strohmatten bis in die Gassen hineinschienen!«, freut sich der Architekt in einem Interview über den Effekt. Aus demselben Grund sind die 55 Quadergebäude unter und neben der Kuppel, die eigentlichen Ausstellungsgebäude, angeordnet wie in einer arabischen Medina. Gassen und Gänge führen durch dieses Labyrinth in Schneeweiß, Treppen hinauf auf die Flachdächer mancher Quader.

Ein paar Ehrengäste werden erst kurz vor der Eröffnung anreisen: Leonardo da Vinci, Piet Mondrian, Henri Matisse und Pablo Picasso – jeweils vertreten durch ihre Werke. Denn die wertvollsten Bilder der größten Künstler, fast alles Leihgaben französischer Museen, genießen strengsten Schutz und kommen erst, wenn nichts mehr an eine Baustelle erinnert und alle Alarme scharfgeschaltet sind.

Überhaupt hatte mit Picasso alles begonnen. Er spielte ein Schlüsselrolle dabei, dieses Museum ebenso wie das in unmittelbarer Nachbarschaft geplante Guggenheim frühzeitig in den Köpfen der Bevölkerung vor Ort zu verankern. Und in deren Herzen. Es galt, Menschen für eine Kunst zu gewinnen, mit der viele von ihnen kaum jemals zuvor wirklich Berührung hatten und die auf den ersten Blick nichts mit ihren Traditionen zu tun hatte. Zehn Jahre ist es her, dass eine erste große Picasso-Ausstellung im Emirates Palace in Abu Dhabi stattfand und gezielt von zahllosen emiratischen Schulklassen besucht wurde. Die Jüngeren wurden spielerisch an seine Kunst herangeführt, die älteren über den Verstand angesprochen, und manchen nötigte allein der Marktwert der Werke den erforderlichen Respekt ab. Es folgten viele weitere vergleichbare Ausstellungen großer, vor allem europäischer Künstler des 20. Jahrhunderts.

Heute gibt es etwa ein Dutzend Galerien in Abu Dhabi – wie Khaleed Seddiq Sameas »Etihad Modern Art Gallery« im Al Bateen-Viertel, dazu im Hafengebiet nicht weit vom Schlachthof und der Markthalle das »Warehouse 421« als ultramodernes Ausstellungszentrum gerade für einheimische Künstler, wo auch Videoinstallationen ihren Platz haben. Die Saat scheint aufgegangen zu sein. Tatsächlich ist es gelungen, eine gewisse Kunstsinnigkeit zu erschaffen, eine Neugierde auf das Fremde. Der Louvre wird bei seiner Eröffnung nichts sein, das Abu Dhabi übergestülpt wird: »Er wird hierher passen, und die Kunstszene wird weiter wachsen«, so jedenfalls Seddiq Sameas Überzeugung.

Weitere Museen geplant

Das liegt auch an der Konzeption als Touristenattraktion und als universelles Museum, das Kunst aus aller Welt und vielen Epochen bis zurück zur ägyptischen Pharaonenzeit präsentiert, Ursprünge, Entwicklungen und Schnittmengen aufzeigen soll und mit etwas mehr als 600 Exponaten auf 8600 Quadratmetern Ausstellungsfläche alles andere als überladen sein wird.

Was kommt danach? Khaleed Seddiq Samea lacht. »Eine Ausstellung emiratischer Fotokünstler hier in meiner Galerie!« Sie messen sich nicht mit da Vinci. Sie sind mit beiden Beinen in der Gegenwart verwurzelt. Nebenan bemalen derweil ein paar Kinder einzelne Fliesen mit bereitgestellten Farben für die Wand im Vorraum eines Kunst-Cafés: Ein Drache ist diesmal dabei, ein giftgrünes Kamel vor rotem Hintergrund, dazu ein Set aus Fantasiefiguren.

Tatsächlich hat Abu Dhabi weiter Großes und Teures vor, was Museen angeht: Sir Norman Foster soll das neue Nationalmuseum, Frank O. Gehry das Guggenheim Abu Dhabi direkt neben dem neuen Louvre bauen. Die Pläne sind alle fertig, die Fundamentierungsarbeiten gelaufen. Nur mit der Bekanntgabe von Eröffnungsterminen ist man vorsichtiger geworden...

Was Abu Dhabis Kronprinz Mohammed bin Zayed unterdessen während der Preview-Tour durchs Gebäude getan hat? Mit seinem Handy gefilmt: die Kuppel, die Sonnenstrahlen, das Muster aus Licht auf dem Fußboden. Voller Vorfreude. Den Film, der ihn dabei zeigt, hat irgendwer auf Youtube hochgeladen. Helge Sobik

Vom Autor dieses Beitrags ist der Band »Abu Dhabi – Mona Lisa im Meer aus Sand« im Picus Verlag zum Preis von 15 Euro erschienen.

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