22. Juni 2018, 14:37 Uhr

Beglückendes Stelldichein der Flaneure

22. Juni 2018, 14:37 Uhr
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Von Norbert Schmidt

Mon Dieu! Diese Ausstellung in der Schillerstadt Marbach hat es in sich. Mit »Die Erfindung von Paris« verleiht das Deutsche Literaturarchiv der Gedankenwelt seiner Besucher Flügel; ganz gleich, ob diese nun ein-, zehn- oder hundertmal in der Metropole an der Seine waren. Auf Schritt und Tritt begegnet man, wenn man denn diesen Impuls zulässt, seiner eigenen Geschichte: Ja, hier sind sie gegenwärtig, diese altvorderen Schriftsteller und philosophierenden Journalisten, diese detailverliebten Fotografen mit den Schwarz-Weiß-Filmen in der Leica, die in uns vor Jahrzehnten – gewiss neben anderen auch – eine grenzenlose Sehnsucht nach Paris anstießen.

Mit etwas Fantasie kommt es einem vor, als wäre es für diese Paris-Protagonisten deutscher Zunge eine Art Wiedersehensfeier, als träfen sie sich noch einmal in einem Bistro ihres Vertrauens, idealerweise zwischen Odéon und Jardin Luxembourg, mitten in Saint Germain.

Erst kommt Heinrich Heine herein, der Doyen, Schriftsteller und Journalist, legt »De La France« vor und »Lutezia«. Bald sind es Rainer Maria Rilke, der zum Gespräch »Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« beisteuert. Er, der ja auch Sekretär des arrivierten Bildhauers Auguste Rodin war (und in den Sommern 1905/06 zu Gast in Friedelhausen bei Lollar). Dann Walter Benjamin, der sich zwar mit seinem epochalen Passagen-Werk verzettelte, es als Konvolut hinterließ, daraus aber immerhin die Studie »Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus« erarbeitete. Ja, genau der Benjamin, von dem die gern zitierte Ansicht stammt, Paris sei »die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts« gewesen.

Franz und Helen Hessel gesellen sich zur Runde; mit ihnen kommt das Gespräch quasi auf François Truffaut und den Film »Jules und Jim«. Unverzichtbar in diesem Kreis Joseph Roth, der prekär lebende Autor von »Im Bistro um Mitternacht«; er klagt, die Frankfurter Zeitung wolle ihn als Korrespondent durch Friedrich Sieburg ersetzen. Kurt Tucholsky tritt durch die Tür, erzählt leidenschaftlich von seiner zweiten Ehefrau Mary Gerold. Claire Goll (»Eine Liebe im Quartier Latin«, gut bekannt u. a. mit Rilke) und ihr Mann Yvan berichten von ihren Begegnungen mit den Surrealisten in Paris, von dieser sich schier ewig und rastlos häutenden, stets neu erfindenden Großstadt. Vor allem aber ist der Frankfurter Siegried Kracauer dabei (»Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit«, eine Gesellschaftsbiografie) und mit ihm seine Frau Lili, die Fotografin. Es vergeht im fantasierten Schankraum eine gewisse Zeit – tatsächlich waren es ein, zwei Jahrzehnte –, da stoßen weitere Gäste zur illustren Runde, die nicht minder in der Lage sind, zur »Erfindung von Paris« beizutragen: Felix Hartlaub, Ernst Jünger und Paul Celan. Bis gegen Ende des Abends folgen unter anderem Paul Nizon (»Journal« und darin die Frage: Was ist Paris?), Peter Handke (»Das Ende des Flanierens«) und Undine Gruenter.

Der Pariser Fotograf Yves-Petit (»Yvon«) darf mit am Tisch sitzen: Seine Postkarten aus der Reihe »Paris … en flânant« dienten den Literaten häufig zur Illustration von Notizen und Mitteilungen. Daneben nicht zu vergessen Mario von Bucovich, die Benjamin-»Passagen«-Fotografin Germaine Krull, Lothar-Günther Buchheim (wie Hartlaub und Jünger auch Besatzer in Uniform), der bis in die Gegenwart nimmermüde journalistische Paris-Chronist Georg Stefan Troller und, neben weiteren, die herausragende Fotografin Barbara Klemm.

Welch eine Ansammlung Prominenter, die da seit eineinhalb Wochen in Marbach anzutreffen ist. Eines und einer jeden Leben und Arbeit wird ausführlich erörtert, nicht minder aller Ausstrahlung aufs kollektiv gepflegte kulturell-künstlerische wie literarische und feuilletonistische Paris-Bild. Die Ausstellung gibt mehr Antworten, als man in einer einzelnen Besuchsrunde aufnehmen kann. Allein etwa die maschinenschriftlichen, hernach mit der Hand korrigierten Originalmanuskripte, die akribisch geführten Notizbücher, die Briefe oder etwa – ein Herzstück der Schau – Kracauers Zettelsammlung mit »Offenbach«-Gedanken und Skizzen, umgeben von Fotos in der Anmutung von Negativfilm-Kontaktstreifen, die Lili Kracauer aufgenommen hat. Mittendrin Trollers alte Leica M3.

Die Kuratorinnen Susanne Brogi und Ellen Strittmatter sagen, das von ihnen fokussierte literarische Paris – »schreibend erfunden, sehend entdeckt, gehend erfahren« – sei ein Ort des Zusammenspiels von Fotos und Text. Beide Medien stünden im Dialog miteinander. DLA-Direktor Prof. Ulrich Raulff spricht von Paris als »Kapitale der Überzeichnungen«, einer »Welt der Metamorphosen«. Noch jeder, der die Stadt voller Empathie erlebt und eben mit seiner Kreativität »erfunden« habe, sei in den Spuren anderer unterwegs gewesen, habe Bilder verwandelt. »Von solchem Wechselzauber handelt die Ausstellung.« Botschafterin Anne-Marie Descôtes, Ehrengast bei der Vernissage, nennt Paris »Muse, Exil und Sehnsuchtsort«; nicht allein derer, die das beobachtende Spazierengehen mit Block, Bleistift und Fotokamera zur Kunst des Flanierens erhoben haben. Letzteres habe indes sehr wohl seinen besonderen Reiz: »Wer sich in Paris verirrt, dem offenbart der Zufall ganz besondere Orte.« Der urbane Raum, er forme die Literatur. So sehr, dass diese es schaffe – wie in Marbach überzeugend belegt –, »eine Stadt neu zu entdecken, von der wir meinten, sie schon samt und sonders zu kennen«.

Apropos: Überhaupt sei es Zufall gewesen, schreibt der (1985 in Marburg promovierte) Literaturwissenschaftler Wolfgang Matz im Katalog, dass sich in Kracauer, Roth und Benjamin 1926 jene drei Autoren zu einer Momentaufnahme in Paris eingefunden hätten, denen die deutsche Literatur »einen Blick auf Paris verdankt, der so prägend geblieben ist wie zuvor nur Rilkes düstere Version«. Da sind wir mal froh.

Diese Ausstellung, darin sind wir uns hernach einig, macht – frei nach Marcel Proust – die von ihr angeregte Suche nach der verlorenen Zeit zum reinsten Vergnügen.

Norbert Schmidt

*

Das Buch zur Ausstellung – Marbacher Katalog 71: Die Erfindung von Paris. Herausgegeben von Susanna Brogi und Ellen Strittmatter. 352 Seiten. Zahlreiche farbige Abbildungen. Broschur. Deutsche Schillergesellschaft, 2018. ISBN 978-3-9444 69-38-6. Preis 30 Euro.

Fotos und Quellen – Oben li. »Belleville« von G. S. Troller © Verlagshaus Römerweg. Oben r. © Barbara Klemm. Rhino-Postkarte (geschrieben von W. Benjamin an S. Kracauer / in Marbach Titelbild), Yvon; Tucholsky-Brief 1924 an M. Gerold mit Luftballon-Abruck © DLA Marbach. Alle weiteren Fotos aus der Ausstellung, darunter Kracauer (l.) Tucholsky (r.), vom Autor. no



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