27. Oktober 2017, 16:47 Uhr

Reingeschaut Ist Fernsehen das neue Kino? Stasi-Spione in Afrika

In Südafrika wird die Fortsetzung der Spionageserie »Deutschland 83« gedreht. Um zu sehen, wie sich DDR-Agent Martin Rauch drei Jahre später in Afrika durchschlägt, müssen deutsche Fans diesmal zahlen.
27. Oktober 2017, 16:47 Uhr
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Von Gerd Chmeliczek
Als Ghostbusters unterwegs, nicht nur an Halloween: Dustin, Mike, Lucas und Will. (Foto: dpa)

Es wird spannend

»Ist Fernsehen das neue Kino?«, fragt der Autor des Artikels unten auf dieser Seite. Für diejenigen unter uns, die Streaming-Dienste nutzen oder über Pay-TV verfügen, ist das eine berechtigte Frage. Über »Babylon Berlin«, vor Kurzem bei Sky gestartet, ist schon viel geschrieben und gesagt worden. Die deutsche Superproduktion ist mit jeder Menge Vorschusslorbeeren bedacht worden – aber es gibt im Moment auch andere Serien, für die es sich lohnt, ein wenig Zeit zu opfern. Hier drei Beispiele:

»Stranger Things«, Staffel 2

Die Hit-Serie auf Netflix ist mit positiven Kritiken und Preisen geradezu überhäuft worden. Die Geschichte der drei Jungs Mike, Dustin und Lucas, die ihren verschwundenen Kumpel Will suchen und dabei auf ein mysteriöses Mädchen treffen, hat Millionen vor dem Bildschirm gefesselt. Gestern nun startete beim Streaming-Dienst die zweite Staffel von »Stranger Things«. 80er-Jahre-Charme, eine Kinderbande auf Abenteuersuche und eine wirklich dunkle, gruselige Bedrohung – die Zutaten dieser Serie schmecken und machen Appetit auf mehr. Mit dabei sind wieder die bekannten Kinderdarsteller und natürlich auch Winona Ryder als Wills Mutter. Es geschehen wieder seltsame Dinge – in neun Episoden auf Netflix. Dort ist übrigens auch die erste Staffel abrufbar.

»Walking Dead«, Staffel 8

Die siebte Staffel der Zombie- Serie wurde ja vor wenigen Tagen bei RTL2 gezeigt. Am vergangenen Montag lief die erste Folge der achten Staffel bei Fox im Bezahlfernsehen. Und wer noch nicht auf dem neuesten Stand ist, der sollte die nächsten paar Zeilen einfach überspringen: Achtung, Spoiler-Alarm.

Der Auftakt zur achten Staffel ist spektakulär, denn der ultimative Kampf zwischen der Gruppe um Rick und den Saviors mit ihrem sadistischen Anführer Negan geht schnell und heftig los. Allerdings – und das ist kein neues »Problem« bei Walking Dead – geraten die Untoten beim Kampf zwischen Mensch und Mensch zunehmend in den Hintergrund. Aber das ist Geschmackssache. Für die Fans der Serie sind die Montage fortan wieder Feiertage.

»Mindhunter«

Nicht zu verwechseln mit dem Film »Mindhunters« (2004). Die erste Staffel der Serie (ohne das -s am Ende) ist bei Netflix zu sehen und hat ebenfalls schon für Aufsehen gesorgt: Ende der 70er-Jahre revolutionieren zwei FBI-Agenten durch eine Analyse der mörderischen Psyche von Serienkillern die Kriminalwissenschaft. Anfangs noch belächelt, führen ihre Methoden nach und nach zu Erfolgen. Doch die Auseinandersetzung mit dem Seelenleben von Massenmördern fordert ihren Preis... Ein Kritiker schrieb über die Serie von David Fincher (»House of Cards«): »Leider wird darin viel geredet.« Ich finde, das ist gerade die Stärke dieser Produktion. »Mindhunter« ist nichts, was man nebenbei schauen kann – und nichts für schwache Nerven. G. Chmeliczek

Cannes macht sich selbst Konkurrenz: Dort wo die Stars und Sternchen der Kinowelt sich im Frühling auf dem Filmfestival tummeln, wird von nächstem Jahr an nur wenige Wochen vorher im April ein internationales TV-Serienfestival starten. »Hochwertige Fernsehserien begeistern das Publikum weltweit, und viele der großen Regisseure und Schauspieler, die wir bisher nur aus dem Kino kannten, finden wir nun in diesem Genre wieder«, sagte die Festivalleiterin und ehemalige französische Kultusministerin Fleur Pellerin auf der Fernsehmesse MIPCOM in Cannes. Ähnlich wie beim Filmfestival werden dann die besten TV-Reihen untereinander im Wettbewerb stehen, in Kinos gezeigt und die besten im Rahmen einer glanzvollen Zeremonie gekürt – inklusive Promi-Aufgebot und hohem Glamour – Faktor.

Der deutsche TV-Produzent und UFA-Chef Nico Hofmann (»Unsere Mütter – unsere Väter«, »Der gleiche Himmel«) ist sich sicher, dass bei diesem Wettbewerb Produktionen aus Deutschland zu den Favoriten gehören werden. Er selbst ist auf der Fernsehmesse an der Côte d’Azur zurzeit unterwegs, um ein weiteres Großprojekt anzuschieben: »München«, wo NS-Diktator Adolf Hitler 1938 mit europäischen Regierungsvertretern über das Schicksal Europas verhandelte. »Wir werden mit international bekannten Schauspielern arbeiten, die Regie wird ein deutscher Top-Regisseur übernehmen«, kündigte Hofmann an.

Für die Produktion »Siegfried und Roy« über die beiden deutschstämmigen Illusionisten in Las Vegas sollen die Dreharbeiten 2018 beginnen. Der Dreiteiler, der voraussichtlich bei der ARD ausgestrahlt wird, hat ein Budget von 20 Millionen Euro.

Derzeit werden nach brancheninternen Schätzungen weltweit pro Jahr bis zu 1000 Serien neu hergestellt. Die Budgets liegen insgesamt in zweistelliger Milliarden-Höhe. Das ist auch auf der MIPCOM zu sehen. Vor allem eine deutsche Serie, die dort dem internationalen Publikum vorgestellt wurde, erregte Aufsehen: »Babylon Berlin«. Bereits im Vorfeld zur Messe kauften Sender und Videoportale aus mehr als 60 Ländern die Reihe. In Südfrankreich wurden zudem Vorbereitungen für einen Deal mit Lateinamerika getroffen.

»›Babylon Berlin‹ wird als Meilenstein in die deutsche Fernsehgeschichte eingehen«, sagte die Geschäftsführerin der Film und Medienstiftung NRW, Petra Müller. Sie und andere öffentliche Einrichtungen haben die Produktion gefördert.

Der stellvertretende WDR-Fernsehdirektor Helfried Spitra zeigte sich davon überzeugt, dass nach der ersten positiven Resonanz von »Babylon Berlin« eine zweite Staffel folgen wird: »Für uns war es ein Experiment, ob zwei unterschiedliche Marktteilnehmer wie ein öffentlich-rechtlicher Sender und ein Pay-TV-Sender zusammenarbeiten können. Wir möchten damit auch ein Gegengewicht zu den großen US-Videoportalen wie Netflix oder Amazon bilden.«

Dass TV aus Deutschland nicht nur bei den Serien Weltklasse besitzt, offenbarten auch die Nominierungen des International Emmy Awards für die Kinder- und Jugendprogramme, die auf der MIPCOM bekannt- gegeben wurden: »Club der roten Bänder« (Vox), »Berlin und wir« (ZDF) sowie »Trudes Tier« (WDR) haben Chancen auf eine Auszeichnung mit dem begehrten »Emmy Kids Award«.

Die MIPCOM in Südfrankreich zeigt, was schon bald in Millionen Wohnzimmern über die Bildschirme flimmert. Die Ware der Messe sind Fernseh- und Filmprogramme. Über 14 000 Verantwortliche von Medienkonzernen aus aller Welt sind hier unterwegs, um geeignete Programme zu finden. dpa

Ein ausgedienter Mercedes-Laster holpert über eine staubige Straße im südwestafrikanischen Angola. Auf der Ladefläche sitzt DDR-Spionin Leonora Rauch (Maria Schrader, Bild) zwischen schwer bewaffneten Rebellen. Plötzlich fallen Schüsse. Der Laster stoppt. Die Kamera zoomt auf ein Messer an Schraders Kehle. »Fühl die Spannung. Draußen hört man Schritte. Keiner weiß, was los ist!«, ruft Regisseur Florian Cossen (»Das Lied in mir«). Cossen und Team filmen auf einem ehemaligen Fabrikgelände im südafrikanischen Kapstadt die Fortsetzung der Spionageserie »Deutschland 83«.

Sie soll 2018 beim Streaming-Dienst Amazon Prime Video zu sehen sein. Die neue Staffel spielt 1986 in Angola, Südafrika, Libyen, Paris, West-Berlin und schließlich wieder in der DDR. Dem Land geht es wirtschaftlich bereits schlecht. Hungrig nach Devisen, zwingt die ostdeutsche Führung ihre Agenten in kapitalistische Experimente in aller Welt, um das sinkende sozialistische Schiff vor dem Untergang zu retten.

Serienheld Martin Rauch (Jonas Nay), ein zur Spionage gezwungener DDR-Agent, wurde nach Angola verbannt. Auf dem Gelände einer Ölraffinerie, in der auch ostdeutsche Ingenieure tätig sind, trifft er auf seine Tante Leonora, die mit- hilfe von Söldnern Waffen in das Bürgerkriegsland schmuggelt. Die Lage eskaliert. Martin und Leonora geraten zwischen die Fronten der Rebellengruppen – und werden zum Spielball beider Seiten.

Seit September wird »Deutschland 86« in Kapstadt gedreht. Parallel haben Anfang Oktober Dreharbeiten unter der Regie von Arne Feldhusen (»Der Tatortreiniger«) in Berlin begonnen. Es geht um Terrorismus in Europa, die Perestroika, den Kampf gegen die Apartheid, Waffenhandel und den Kampf gegen AIDS.

Die erste Staffel wurde in mehr als 120 Ländern ausgestrahlt und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Adolf-Grimme-Preis und die Goldene Kamera. Im Ausland fand »Deutschland 83« großen Anklang, doch in Deutschland galt die Serie, die bei RTL im Herbst 2015 enttäuschende Quoten erzielte, als Flop. Deutsche Zuschauer werden die Fortsetzung beim Streaming-Dienst Amazon Prime Video gegen Bezahlung sehen müssen. RTL hat erst im Anschluss daran Rechte für eine Erstverwertung im Free-TV.

Wie viele Zuschauer Amazon braucht, damit sich die zweite Staffel rentiert, will Christoph Schneider, der Chef von Amazon Instant Video Deutschland, nicht sagen. Amazon werde »Deutschland 86« ab Anfang 2018 intensiv bei seinen Abonnenten vermarkten, sagte er. »Dazu hoffen wir, dass einige der vier Millionen Zuschauer, die die erste Staffel bei RTL gesehen haben, zu uns kommen«, sagt er.

RTL falscher Sender?

Filme nicht im klassischen Fernsehen zu schauen, sei noch immer gewöhnungsbedürftig für viele Deutsche, gibt Schneider zu. Doch für eine historisch-politische Serie wie »Deutschland 86« sei ein Streaming-Dienst der richtige Anbieter, meint er. »Stark horizontal erzählte Serien tun sich im linearen Fern- sehen schwer. Wenn man zwei Episoden verpasst hat, ist man draußen.«

Jörg Winger, der die Serie mit seiner Frau Anna Winger erfand und zusammen mit UFA-Chef Nico Hofmann produziert, glaubt, RTL sei »einfach der falsche Sender« gewesen. Dabei war das internationale Interesse groß. Auch »Deutschland 86« sei bereits weltweit verkauft worden, unter anderem an den französischen Canal Plus, den britischen Channel 4 und das amerikanische SundanceTV, erzählt Jumana Rizwan, die Kommunikationschefin der internationalen Produktionsgesellschaft Fremantle Media. »Eine junge Show mit einem ernsthaften Handlungsablauf ist für ein breites Publikum attraktiv«, sagt sie.



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