Garten

Wo die Eisblumen blühen

Sturm und Regen – nein, das war zuletzt nicht das Wetter, das man sich am Ende eines langen Winters wünscht. Unnormal ist es aber nicht. Ich denke mal, es gibt keinen Grund, zu klagen. Und überhaupt: Wo beschwert man sich denn übers Wetter? Ich weiß es nicht. Und ich will ja hier auch gar nicht meckern. Ich will wieder mal von Moosi erzählen, meinem kleinen grünen Traktor. Und von der Zeit, als an den Fenstern noch Eisblumen wuchsen. Ist lange her. Aber nicht vergessen.
03. März 2017, 18:29 Uhr
Burkhard Bräuning
_2786074_030317

Eigentlich sollte dieser Text schon im frühen Februar erscheinen. Eigentlich, ja. Aber wie das so ist. Erst kommt die Pflicht, dann die Kür. Und die Pflicht für einen Nachrichtenredakteur heißt Trump, Schulz und Merkel. Heißt Euro, Brexit und ein sich ausbreitender Nationalismus. Heißt Missbrauch und Mord, Not und Elend in der Welt. Mein kleiner grüner Traktor steht für das Gute. Nur symbolisch, ich verehre ihn nicht, er ist ein Nutzfahrzeug. Aber wenn ich mit ihm arbeite, dann denke ich an früher, an die Zeit, in der auch nicht alles gut war. Aber damals war manches unkomplizierter, natürlicher, weniger hektisch. Der Jahreslauf bestimmte den Rhythmus des Lebens. Heute ist das anders.

Also früher. Später Winter. Übergang zum Frühling. Fest steht: Der Winter ist die kälteste Jahreszeit. Damit ist aber noch lange nicht gesagt, dass es Anfang März immer schon warm wird. Es gab am Rande des Vogelsberges Jahre, da taute erst Anfang April der letzte Schnee. Es gab auch Winter, da fiel fast gar kein Schnee. Dieser Winter war gefühlt eher durchschnittlich. Wir hatten im Seenbachtal Schnee, Kälte, Regen, Sturm, milde Tage, sonnige und trübe – alles dabei.

Was auch nach vielen Jahren im Gedächtnis haften geblieben ist, das sind Kälte und Schnee. Weil sie einfach ganz außergewöhnliche, ganz folgenreiche Auswirkungen auf das Leben hatten. Man fror halt bitterlich, und manchmal konnte man das Dorf nicht mehr verlassen. Nicht mal der Postbus kam dann am späten Vormittag. Die Schule fiel aber nicht aus, denn wir konnten zu Fuß zu dem markanten Gebäude gehen, das nur rund 100 Meter von meinem Elternhaus entfernt steht. Man hat es umgebaut – zu einer Kirche. Früher saßen Kinder in dem wohnzimmergroßen Raum. Heute kommen zweimal im Monat vor allem ältere Menschen, um sich die Sonntagspredigt anzuhören.

Im Schulsaal war es im Winter kühl. Ganz hinten an der Wand stand ein Bollerofen. Er war nicht sehr groß, und leider war er auch nicht leistungsstark. Vorne im Saal, nahe der Tafel und der Tür, wurde es deshalb nie richtig warm. Da saßen aber die Kleinen, und die froren, konnten manchmal mit ihren kalten Händchen die Griffel nicht halten. Draußen auf dem Schulhof froren dann alle die, die sich nicht bewegten. Denn die Kleidung war nicht so wärmend wie die Jacken und Hosen von heute, mit denen man noch bei minus fünfzehn Grad gut draußen sein kann. Die Schuhe waren zwar klobig, aber sie wärmten die Füße kein bisschen. Das war mit das Schlimmste am Winter: Eiskalte Hände und halb erfrorene Füße. Man musste sich viel bewegen. Wenn Schnee lag, dann machten wir in den Pausen eine Schneeballschlacht, wenn nicht, spielten wir mit Bällen oder einfach nur Fangen.

Kälte war das bestimmende Thema im Winter. Wenn es richtig eisig wurde, dann fror alles (ein): Die Menschen und die Tiere, die Wasserleitung und das Wasser in der Tränke oder in den Eimern für die Kühe. Frost schadete auch den Rüben und den Kartoffeln – die dann süß schmeckten. Wenn es richtig kalt war, dann gefror der Atem auf der Bettdecke. Und das kondensierte Wasser fror an der Fensterscheibe. Dann wuchsen da Eisblumen. Fenster hatten damals noch keine Drei- oder Zweifachverglasung. Eine Scheibe war mit Kitt am Holzrahmen fixiert. Sie hielt den Wind ab, stoppte Schnee und Regen. Aber die Kälte kroch nach innen. Sie traf die Menschen zwar nicht mit der ganzen Wucht wie draußen. Aber es war genug, um kalte Nächte zu haben – trotz dicker Decken, die oft klamm waren, und Wärmflaschen.

Zurück ins Jahr 2017. Der harte Winter ist sicher vorbei. Jetzt haben wir Stürme und Regen. Und das ist auch nicht unnormal im März. Voller Sehnsucht und mit (einem noch leicht gebremsten) Tatendrang schaue ich übers Grundstück. Würde gerne was tun. Mich bewegen, schneiden, sägen, werkeln. Es ist aber zu nass im Moment. Deshalb gönne ich auch meinen kleinen grünem Traktor noch etwas Pause. Vor Mitte April wird er nicht ranmüssen. Er war Anfang des Jahres in der Werkstatt. Hatte ein kleines technisches Problem. Da stand er dann ein bisschen ängstlich zwischen zwei riesengroßen Traktoren. Aber ich glaube, er war schon auch stolz, als man ihn auf die Hebebühne fuhr. Jetzt steht er im Carport und genießt die Sonnentage. Er hat noch frei. Ich nicht. Für mich gibt es schon einiges zu tun. Die im Januar gefällte Fichte muss zerkleinert werden. Auf die Blumenbeete wurde viele Laub geweht, das muss weg. Die Ziergräser könnte ich bald zurückschneiden. Das Carport muss aufgeräumt werden – und der Holzschuppen auch. Einige Gartenmöbel brauchen etwas Pflege, müssen repariert und auch gestrichen werden. Wenn ich über den Hof gehe, dann erkenne ich sofort die Schwachstelle unseres Grundstücks: Es zieht, der Wind pfeift. Der Hof ist immer kalt, was im Sommer ganz okay ist. Aber im Winter meiden wir ihn. So kalt wie der Hof war früher (fast) auch der Flur in meinem Elternhaus. Unsere Kinder machen ja keine Tür hinter sich zu. Wir aber achteten sehr darauf, dass die Haus- und Küchentür immer fest geschlossen waren. Denn die Kälte draußen reichte uns. Drinnen wollten wir es schön warm haben. Besonders dann, wenn wir nach einem langen Nachmittag auf der Schlittenbahn zum Abendessen ins Haus gingen.

Wir rodelten direkt hinter unserem Haus. Wenn die Dorfstraße nicht geräumt war, dann sausten wir den Kutschersch Berg hinab, bretterten durch unseren (vereisten) Hof, lenkten die Schlitten über eine kleine Kuppe und rodelten dann bis hinab ins Unterdorf. Wieder und wieder. Wir stoppten die Zeit, feierten unseren schnellsten Rodler. Wir bauten auf der Strecke Sprungschanzen. Einmal lenkte mein Bruder mit hoher Geschwindigkeit seinen Schlitten über so einen Hubbel. Er flog weit – und dann brach bei der Landung der Schlitten unter ihm entzwei.

Der Kutschersch Berg war für uns das, was für andere die Alpen waren, oder der Taunus, meinetwegen auch der Hoherodskopf. Wir lernten dort mit unseren alten Brettern das Skifahren. Manchmal waren mehr als 30 Kinder da. Wir rutschten auch auf Pappkartons den Berg hinab. Wir seiften die Mädchen ein. Bauten riesige Schneemänner. Ein Mädchen hatte einen Schlitten mit Rückenlehne. Den nutzten wir als Lokomotive, alle anderen Schlitten wurden in einer langen Reihe daran festgebunden. Dann ging es den Berg hinab. Meist stürzte der ganze »Zug« einfach um. Wir fielen in den Schnee und fanden es großartig. An Kälte dachte da niemand. Die kam mit der Dunkelheit, wenn alle nach und nach das Feld verließen und müde nach Hause gingen. Dann suchten meine Brüder und ich die Wärme der Küche. Wir legten Brotscheiben auf den Herd, rösteten sie an und bestrichen sie dick mit Griebenschmalz. Ein bisschen Salz rundete den feinen Geschmack ab. Es waren echte Cholesterinbomben. Aber sie schmeckten und machten uns satt. Dazu gab’s Pfefferminztee – mit Minze aus dem eigenen Garten. Wenn wir gegessen hatten, wurden wir bald müde. Nach dem Waschen mussten wir dann durch den kalten Flur nach oben in das Schlafzimmer. Das war mit heutigen Kinderzimmern nicht zu vergleichen. Alles war dunkel, finster und unheimlich. Gut, dass wir zu dritt waren. Schnell schlüpften wir ins eiskalte Bett. Kuscheln ist anders. Wärmflaschen linderten den Kälteschock ein wenig. Ich schwöre aber, dass wir nachts wach wurden, weil wir eiskalte Beine hatten.

Am nächsten Morgen hüpften wir meist voller Tatendrang aus den Betten. Wir gingen zu dem kleinen Fenster, schauten, ob über Nacht Eisblumen gewachsen waren. Falls ja, dann hauchten wir mit unserem warmen Atem kleine runde Gucklöcher frei. Und schauten nach draußen. Wenn es schneite, dann machte uns auch der kalte Flur nichts aus. Das war ein Gefühl wie Weihnachten. Wir rannten in die Küche, stopften uns Brot in den Mund und tranken richtigen Kakao (kein Kaba oder Nesquik). Dann sausten wir hinaus, um zu testen, ob die Flocken die richtige Konsistenz hatten, um daraus Schneebälle zu formen.

Manchmal lenkte unser Vater den Tatendrang seiner drei Söhne in eine andere Richtung. Dann wurden Äxte und Sägen auf den Pritschenwagen gelegt, daneben wurde ein Korb mit Broten und eine Kanne Lindeskaffee gestellt. Der 17er Fahr wurde vorgespannt, dann tuckerten wir hinaus in den Wald, um Holz zu machen. Das war harte Arbeit. Wir hätten auch schon mal gerne die Äxte geschwungen, aber dazu bekamen wir keine Genehmigung. Wir mussten die Holzscheite aufladen und Äste zusammentragen. Manchmal blieb auch da noch Zeit für eine feine Schneeballschlacht.

Bei aller Freude an den schönen Seiten des Winters: Wenn es taute und die Tage wieder spürbar länger wurden, atmeten alle auf. Alte und Junge. Der Winter hat seinen Schrecken verloren. Der Kutschersch Berg ist nun mein Arbeitsplatz. Moosis auch. Wir mähen, pflanzen, sägen und ernten dort. Ich denke dabei an früher. An all die Freunde aus Kindertagen. Ist lange her, aber nicht vergessen. (Foto: dpa)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/ueberregional/wochenend/garten/Garten-Wo-die-Eisblumen-bluehen;art543,219380

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung