03. November 2017, 10:22 Uhr

Wohnen im Minizimmer

03. November 2017, 10:22 Uhr
Das Zentrum von »Cubity« ist Begegnungszone. (Foto: dpa)

Wenn Helena Lor nach einem anstrengenden Tag in der Bibliothek nach Hause kommt, muss sie abends meist noch die Geschirrspülmaschine ausräumen. »Sonst macht es keiner«, sagt die 20 Jahre alte Jurastudentin schulterzuckend, aber milde lächelnd. Jeder kennt solche Probleme, ob er nun mit einem oder mehreren Menschen die Wohnung teilt. Helena wurden aber ihre zehn Mitbewohner vom Studentenwerk zugewiesen. Im Frankfurter »Cubity« probiert sie in einem 16 mal 16 Meter großen Kasten studentisches Wohnen ganz neu aus – ökologisch und sozial.

Das 256 Quadratmeter große gläserne Heim, im vergangenen Jahr nach dem »Haus im Haus«-Prinzip aus Fertigbau-Modulen errichtet, hat zwölf Boxen: In den Würfeln (Cubes) hat jeder Bewohner exakt 7,2 Quadratmeter zur Verfügung. Eingepasst ist ein Bett (90 auf 200 Zentimeter) – mit kleinen Schubfächern und einer Schrankablage. Neben Mini-Bad mit Dusche und WC gehören noch ein Schreibtisch und Stuhl zu den Einbaumöbeln.

Die auf zwei Geschosse verteilten Kuben sind zugleich um einen großen »Marktplatz« gruppiert. Dort wird an einem großen Tisch gegessen. Es gibt auch noch eine geräumige Küche. Auf der loftartigen Galerie befindet sich ein weiterer Gemeinschaftsraum zum Fernsehen oder Lesen. Das Projekt will beweisen, dass heute platzsparend und innovativ gebaut werden kann.

Krux mit der Gemeinschaft

Leben und Schlafen im Cube ist allerdings gewöhnungsbedürftig: »Auf sieben Quadratmetern stößt man schnell an seine Grenzen«, stellt Kai Julian Kemmler (21) fest, ebenfalls Jurastudent. Kein Wunder also, dass alle außerhalb ihrer Kuben ein halbprivates Territorium geschaffen haben. Überall stehen – schwer beladene – Garderobenständer oder Schuhe herum.

Entwickelt wurde »Cubity« an der Technischen Universität (TU) Darmstadt, gesponsert hat es die Deutsche Fertighaus Holding AG. Bei der energetischen Versorgung haben sich die Darmstädter Architekturstudenten einiges einfallen lassen. Mithilfe von Solarenergie über die lichtdurchlässige Fassade und einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach soll mehr Energie produziert werden als die Bewohner verbrauchen. Damit gilt Cubity als weltweit erstes Studentenheim im »Plusenergie-Standard«.

Soweit die Theorie: In der Praxis heizen sich die Kuben aber vor allem im Sommer stark auf, wie Kemmler bemängelt. Neben einer Ventilation gibt es Schläuche in Decken und Böden, durch die je nach Jahreszeit kaltes oder warmes Wasser gepumpt wird. Das kann aber manchmal dauern, wie Elisa Stamm einräumt, die das Projekt für die TU Darmstadt wissenschaftlich betreut. »Es kann nicht von Anfang perfekt sein.«

Derzeit wird mit viel Hightech-Apparaturen die Energiequalität des Baus erforscht. Das soziale Zusammenleben der Bewohner – derzeit sind es sieben Frauen und vier Männer – analysiert ein Wissenschaftler. Dort stehen sich derzeit zwei Fronten gegenüber, wie Kemmler sagt. Einmal politisch und auch sonst, also wenn es ums Putzen und andere Dinge des täglichen Lebens geht. Im »Cubity« ist die Toleranzschwelle – wie in jeder WG – sehr unterschiedlich.

»Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft«, witzelt Kemmler über die zusammengewürfelte Mannschaft im Heim. Es existieren kleinere Freundeskreise, ein Gemeinschaftsleben in der großen Gruppe gibt es aber selten. Daher hat man sich Regeln gesetzt. So darf nach elf Uhr abends nicht mehr gekocht und auch die lärmende Waschmaschine nicht mehr angeworfen werden. Denn die einzelnen Wohnkuben sind sehr hellhörig.

Auf zunächst drei Jahre ist »Cubity« angelegt. Es steht mitten in einem Viertel mit Wohnungen aus den 1950er Jahren in Frankfurt-Niederrad. Es ist eben ein herausstechendes Projekt. dpa

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