15. November 2019, 15:31 Uhr

Machos, Alphatiere und Papas

Ein Psychiater begeistert mit Vorträgen über das Patriarchat, ein Schauspieler eckt an, weil er ein Baby im Tragetuch trägt. Das Männerbild unserer Gesellschaft ist ins Wanken geraten - und die Positionen liegen weit auseinander.
15. November 2019, 15:31 Uhr
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Von DPA
Die Rolle des Mannes hat sich in der Gesellschaft immer mehr verändert. Einige definieren »Männlichkeit« über möglichst viele Muskeln. Andere darüber, auch in die Rolle des sorgenden Papas zu schlüpfen. (Foto: dpa)

Sind Männer nicht mehr zeitgemäß? So hat die Schweizer »Weltwoche« ihre eher konservativen Leser in diesem Jahr alarmiert und der bedrohten Männlichkeit eine Titelgeschichte gewidmet. Seit vielen Jahren halte der Trend zu mehr Beteiligung der Männer an Haushalt und Familie an. Für die Wochenzeitung bleibt da die traditionelle Männlichkeit auf der Strecke. Wie muss der Mann heute sein? Mitfühlend oder machohaft, liebevoll oder hart?

Am 19. November ist Internationaler Männertag, der unter anderem den Beitrag der Männer zur Gesellschaft zelebrieren soll. Das Männerbild hat sich stark gewandelt, und manchen verunsichert das. Viele Männer seien in der Krise, sagt Toni Tholen, der an der Universität Hildesheim zu Männlichkeit forscht.

James Bond-Darsteller Daniel Craig stand vor einem Jahr im Zentrum einer Debatte, weil er auf einem Foto mit Baby im Tragetuch vor dem Bauch zu sehen war. Ein für seine ätzenden Kommentare bekannter britischer TV-Moderator höhnte auf Twitter: »Oh, 007 ... nicht auch noch du?« mit dem Schlagwort #emasculatedBond (entmannter Bond).

US-Psychologen sprechen in der Forschung zum Rollenbild Mann seit ein paar Jahren von »toxischer« oder »schädlicher Männlichkeit«. Wenn kleine Jungen mit einem Ideal aufwachsen, das von ihnen verlange, Emotionen zu unterdrücken und dominant und aggressiv aufzutreten, sei Gewalt programmiert, so der US-Fachverband für Psychologie (APA).

Die Vorstellung von Männern als Helden und Krieger habe zwar ausgedient, aber ein Vakuum hinterlassen, sagt Tholen. In der Lücke seien heute Leute wie die Präsidenten der USA, Russlands, der Türkei und Brasiliens präsent. »Alphatierchen wie Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro erobern die Definitionsmacht, was männlich ist. Je rechter, desto mehr traditionelle Rollenglorifizierung«, so Tholen.

Verunsicherten will der kanadische Psychiater Jordan Peterson helfen. Er propagiert in seinem Bestseller »12 Rules For Life: Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt« Thesen über ein naturgegebenes Patriarchat oder Konzepte wie »Ordnung ist männlich, Chaos ist weiblich«. Bei Vorträgen in aller Welt jubeln ihm Tausende - vor allem Männer - zu.

Beim Rollenmodell »Ich Tarzan, du Jane« sei die Harmonie der Geschlechterrollen noch in Ordnung gewesen, meint der »Weltwoche«-Autor in seinem Artikel. »Diese Mischmasch-Männlichkeit mit dem Ausleben der sogenannten weiblichen Seite im Mann ist in etwa so prickelnd wie alkoholfreies Bier.«

Hat sich die Rolle des Mannes in der Gesellschaft tatsächlich so stark gerändert? Unter den Erwerbstätigen mit Kindern sind 94 Prozent der Väter in Vollzeit beschäftigt, aber nur 34 Prozent der Mütter, schreibt das Statistische Bundesamt 2018. Bei der Elternzeit liegt der Anteil der Männer, die davon Gebrauch machen, bei 37 Prozent. Im Vergleich dazu nehmen aber mehr als neun von zehn Müttern Elternzeit, schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Warum bleiben nicht mehr Männer zu Hause und lassen die Frauen Karriere machen? »Ich glaube nicht, dass das funktioniert«, sagt Peterson in einem Interview mit der »Zeit«. »Insbesondere, weil Frauen den niedrigeren Status ihrer Männer nicht tolerieren können, der damit verbunden ist.«

Eine »Abwertung der Männlichkeit in der Gesellschaft« will auch der Psychologe Bjørn Thorsten Leimbach ausgemacht haben. Wie aus Männern »Herzenskrieger« werden, zeigt Leimbach in Seminaren, 690 Euro für vier Tage.

»Ich habe Sorge, dass sich Werte durchsetzen, mit denen wir ins Mittelalter zurückstürzen«, sagt Männlichkeitsforscher Tholen. Er findet, man müsse mehr alternative Geschlechtervorstellungen entwickeln: »solche, die herrschafts- und gewaltfreier sind«. Das Thema Geschlechterrollen gehöre schon in die Schule.

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