20. August 2021, 17:16 Uhr

Wie die deutsche Demokratie entstand

20. August 2021, 17:16 Uhr
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Von DPA

Über die Entwicklung und den Wert der Demokratie wurde schon viel philosophiert und diskutiert. So sagte Winston Churchill einmal »Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen«. Manch anderer, wie der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, sieht sie gar als das natürliche »Ende der Geschichte«. Das Buch »Demokratie: Eine Deutsche Affäre« von Hedwig Richter hilft, mittels einer Reise durch die Vergangenheit der Demokratie zumindest, die Gegenwart etwas besser zu verstehen.

Diese Reise führt von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zur Demokratie in der heutigen Form und unternimmt auch immer wieder Abstecher in andere Länder. Dabei wird mit manchem Klischee aufgeräumt, andere werden bestätigt. So bezeichnet Richter Demokratie als eine »Geschichte der Elite«. Wenn man bedenkt, dass im Deutschen Bundestag 80 Prozent der Abgeordneten Akademiker sind, in der Bevölkerung aber nur 17 Prozent, zeigt sich, wie aktuell dieses Phänomen auch heute noch ist. Die meisten denken bei der Entwicklung der Demokratie zuerst an die großen Revolutionen, wie die Französische Revolution. Wieso diese längst nicht so entscheidend waren wie oft vermutet, sondern oft sogar kontraproduktiv, ist ein interessanter Aspekt des Buches.

Auch wenn heute Wahlbeteiligungen nicht immer so hoch sind wie erhofft, waren die Menschen bei den ersten Wahlen doch bestimmt noch begeisterter und beteiligten sich zahlreich - oder etwa doch nicht? Was erst einmal logisch klingt, wird anhand historischer Beispiele schnell entkräftet. So bedeutete den französischen Bauern »die Ernte ungleich mehr als die Stimmabgabe« und in Dänemark wurde schon 1837 auf das Mittel der Wahlpflicht zurückgegriffen. Richter sieht »Politikverdrossenheit« und sinkende Wahlbeteiligungen generell nicht als ein Zeichen einer extremen Demokratiekrise, sonders als ein Beweis dafür, dass es schwierig ist, Bürger für Politik und Partizipation zu begeistern.

Ebenfalls überrascht es, zu lesen, dass in Europa, wo meist mit Stirnrunzeln auf die Waffenliebe der Amerikaner und das in der Verfassung festgelegte Recht, diese zu tragen, geschaut wird, früher Ähnliches gefordert wurde. »Ein Bürger war komplett mit Verfassung, Partizipationsrecht, Freiheit, Nation und Waffe« galt im 19. Jahrhundert quasi als weltweites demokratisches Ideal.

Wie kam es nun zum Sturz der Weimarer Republik und zum Aufstieg der Nationalsozialisten? Richter vermutet keinen Zufall darin, dass »der Faschismus sein Haupt in jenen Jahren erhob, als die Frauen gleiche Rechte erhielten«. Im Nationalsozialismus sei es auch um das Ziel gegangen, »die scheinbar in Unordnung geratene Geschlechterordnung wieder ins Lot zu bringen«. Triebfeder auch: Die Wut auf die Kompliziertheit einer modernen Gesellschaft und einer liberalen Demokratie. Leonie Lamoth

Hedwig Richter: Demokratie - eine deutsche Affäre. C.H. Beck. 400 Seiten, 26,95 Euro, 978-3-406-75479-1



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