04. Dezember 2020, 16:10 Uhr

Einblick in eine schwindende Welt

Bei der bislang größten Arktis-Expedition war das Schiff »Polarstern« monatelang an einer Eisscholle festgefroren. Mit an Bord war die Fotografin Esther Horvath. Ihr Bildband »Expedition Arktis« zeigt eine bizarre Welt, die es bald so nicht mehr geben wird.
04. Dezember 2020, 16:10 Uhr
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Von DPA
Bei der Arktis-Expedition ließ sich der Eisbrecher »Polarstern« ein Jahr an einer Scholle festfrieren. Mit an Bord war die Fotografin Esther Horvath. Dieses Foto ziert auch das Cover ihres Bildbandes »Expedition Arktis«. FOTO: ESTHER HORVATH/PRESTEL VERLAG/DPA

Es war ein spektakuläres Unterfangen: Im Herbst 2019 startete der Eisbrecher »Polarstern« von Norwegen in die Zentralarktis, um dort mit dem Eis mit zu driften. Erst im Sommer 2020 wurde er wieder »ausgespuckt«. Mit an Bord: internationale Wissenschaftler, die in einem Hotspot des Klimawandels eine schwindende Welt vermessen sollten.

Fotografisch begleitet wurde die »Mosaic«-Expedition vier Monate lang von der Fotografin Esther Horvath. 160 ihrer Werke sind nun im 288 Seiten starken Bildband »Expedition Arktis - Die größte Forschungsreise aller Zeiten« erschienen. Die Fotos gewähren einen Einblick in eine Welt, die es bald so nicht mehr geben wird. »Wir müssen uns von der Arktis, wie wir sie kennen, verabschieden. … Die einst mächtigen, meterdicken Schollen werden dünner werden und immer seltener mehrere Jahre überdauern«, schreiben Esther Horvath und ihre Mitautoren Sebastian Grote und Katharina Weiss-Tuider.

Der Bildband zeigt, wie sich die Wissenschaftler auf die Expedition vorbereiteten: mit Schießtraining auf Eisbärattrappen, Tauchen in Überlebensanzügen sowie Feuerübungen. Schließlich taucht der Leser zusammen mit der »Polarstern« in die eisige Zentralarktis ein. Bevor die Forscher eine sommerliche Arktis mit einer nie gekannten Meereisschmelze dokumentierten, erlebten sie in der Polarnacht eine bizarre Welt mit gefühlten Temperaturen von minus 65 Grad, 150 Tagen Dunkelheit und mächtigen Stürmen, die das Eis in Bewegung hielten. »Knirschen und krachend schiebt es sich zu meterhohen Türmen zusammen«, schreibt das Autoren-Trio.

Esther Horvath fängt mit der Kamera diese unwirtliche Welt, die für die Forscher täglicher Arbeitsplatz ist, mit einem Gespür für den perfekten Moment ein: Auf einem Foto bepacken die Wissenschaftler ihre Schneemobile, um das Forschungscamp auf dem Eis aufzubauen. Ein anderes zeigt drei Forscher in der Polarnacht, wie sie sich als dunkle Gestalten auf dem Eis bewegen; der Weg wird nur durch ihre Stirnlampen und die entfernten Scheinwerfer der »Polarstern« beleuchtet.

Horvath dokumentiert neben der harten Arbeit auch die Freizeit der Forscher. Ein Foto zeigt eine Expeditionsteilnehmerin, wie sie auf dem Außendeck Gymnastik macht. Um sie herum ist nur Eis: auf der Treppe, der Reling, dem Boden. Trotzdem hat sie ihre gefütterten Stiefel ausgezogen.

Ein anderes Foto zeigt, wie Teilnehmer im Dunkeln Fußball auf der Scholle spielen, mit der die »Polarstern« mitdriftet. Im Hintergrund liegt majestätisch das leuchtende Schiff. Horvath beschreibt in dem Buch, wie sie mit der Kälte kämpfte: »Am schlimmsten waren die kalten Hände. Die Kamera ist aus Metall und leitet die Temperatur sehr stark. … Manchmal schmerzten die Hände so sehr, dass mir Tränen übers Gesicht liefen.« Auch die Schneestürme machten ihr zu schaffen: »Oft wusste ich nur ungefähr, wo der Fokus lag.« Diese erschwerten Bedingungen merkt man den Fotos, die stimmungsvoll mit Licht und Dunkelheit spielen, nicht an. Für ein Bild bekam sie sogar den renommierten »World Press Photo Award«: Eine Eisbärenmutter und ihr Junges erkunden darauf das Forschungscamp.

Esther Horvath, »Expedition Arktis - Die größte Forschungsreise aller Zeiten«, 288 Seiten, 160 farbige Abbildungen, 24 x 30 cm, Hardcover, Oktober 2020, 50 Euro, ISBN 978-3-7913-8669-0.



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