18. Juni 2021, 16:50 Uhr

Die Pest im Mittelalter und wir

Volker Reinhardt beschreibt, wie im 14. Jahrhundert die Epidemie wütete und zieht Parallelen zur Aktualität. Denn schon damals war der Lockdown ein effektives Mittel gegen die Ausbreitung der Krankheit - auch wenn er damals noch nicht so hieß.
18. Juni 2021, 16:50 Uhr
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Masken - ein Symbol, damals wie heute. Diese Seuchenmasken waren in einer Sonderausstellung in Herne zur Geschichte der Pest und ihre globalen Auswirkungen zu sehen. Autor Volker Reinhardt sieht noch weitere Parallelen zwischen der Epidemie im 14. Jahrhundert und der Corona-Pandemie heute. FOTO: DPA

In vielen Städten Italiens wie Florenz und Venedig dezimierte die erste Welle der ab 1348 wütenden Pest die Bevölkerung nach heutigen Schätzungen um etwa ein Drittel. Wie tief sich diese Epidemie, die über Jahrhunderte noch in mehreren etwas schwächeren Schüben wiederkehrte, in das kollektive Gedächtnis der Italiener eingebrannt hat, zeigt sich darin, dass im Frühjahr 2020 beim schweren Ausbruch der Corona-Pandemie nach einem neuen Luchino Visconti gerufen wurde. Gemeint war damit nicht etwa der Regisseur von zum Teil morbiden Filmen wie »Tod in Venedig«, sondern ein gleichnamiger »Signore«, der zur Zeit der Pest über Mailand herrschte - und es mit drakonischen Maßnahmen schaffte, dass die Epidemie weitgehend an der Stadt vorbeizog.

Für sein Buch über die Pest hat der Historiker Volker Reinhard Chroniken und Geschichtsbücher über jene Zeit ausgewertet. Für uns besonders interessant ist die Erkenntnis, dass den klügeren Zeitgenossen bei all ihrem unzulänglichen Wissensstand klar war, dass sich die Pest nur durch Abschottung eindämmen lässt. Im Grunde sind die in Europa verhängten Lockdowns nichts anderes als das, was kluge Herrscher schon damals machten. Wer wie die Stadtherren in Venedig wegen der profitablen Handelsbeziehungen erst spät Verbindungen nach außen kappte, wurde von der Seuche stark betroffen. Dieses Wissen ist geblieben, aber es erstaunt, dass den europäischen Regierungen 700 Jahre später nur die Wiederholung dieser bewährten aber eben mittelalterlichen Methode einfällt, während moderne Maßnahmen wie Testen und Handy-Tracking vernachlässigt wurden.

Wenig verwunderlich ist, dass die Menschen im tief christlichen Mittelalter verzweifelt nach einem Sinn der Katastrophe suchten. Natürlich wurden die Geschehnisse auf Gottes Willen zurückgeführt. Ungünstige Planetenkonstellationen und giftige Winde waren gleichsam der Auslöser für die Pest, mit der die Menschen für ihre Laster gestraft werden sollten. Oft wurden auch Sündenböcke gesucht. So machte Venedig Matrosen aus Genua verantwortlich, vielerorts wurde den Juden die Schuld gegeben. Dabei spielte es keine Rolle, dass diese Gruppen, selbst wenn sich Gott ihrer bedient hätte, doch nur Werkzeug seines Willens gewesen wären. Aber Logik interessiert Verschwörungstheoretiker bis heute bekanntlich wenig.

Reiche konnten sich besser schützen

Es gab aber schon damals Menschen, die versuchten innerhalb der christlichen »Rahmenerzählung« nach den Tatsachen zu fragen. So wie der Florentiner Kaufmann Matteo Villini, der ganz nüchtern die Wirkungen der Epidemie beschreibt. Er sinniert auch darüber, ob die göttliche Strafe die Menschen besser machen könnte, ist aber skeptisch. Er glaubt nach Ende der Pandemie würde der Wohlstand bei den Überlebenden steigen (was sich auch historisch so erwiesen hat), dadurch würden aber die Sitten verfallen - was zu neuer Strafe führe. Villini selbst fiel 1463 der zweiten Pest-Welle zum Opfer.

Reinhardt bilanziert aber nach akribischer Recherche in städtischen Berufsgruppen wie Kaufleuten und Malern, deren Leben in Verträgen Spuren hinterlassen hat, dass der Aderlass in der Bevölkerung durch die Epidemie nicht ganz so hoch war wie man früher glaubte. Statt wie oft angegeben, die Hälfte oder mehr, starb in stark betroffenen Städten wohl eher ein Drittel der Bevölkerung. Auch kam das öffentliche Leben weniger zum Erliegen als man glauben sollte. In besonders gebeutelten Orten gibt es sogar eine Flut von Vorschriften und Beschlüssen, mit denen die Stadtoberen, welch Parallele zu heute, ihre Ratlosigkeit kaschierten.

Schon damals konnten sich Wohlhabende besser schützen als Ärmere. In Avignon, wo der Papst damals residierte, starben rund 15 bis 20 Prozent der rund 500-köpfigen Entourage von Clemens VI. Dieser Papst stellte sich übrigens gegen alle Versuche, den Juden die Schuld an der Pest zu geben. Diese Schuldzuweisung diente schon damals als Vorwand, sich am Vermögen der Juden zu bereichern, auch in Frankfurt.

Volker Reinhardt: Die Macht der Seuche. C.H. Beck, München, 24 Euro, 258 S. ISBN 978-3-406-76729-6



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