20. Oktober 2017, 15:59 Uhr

»Der letzte Buddha«

Von Kalifornien nach Tibet

20. Oktober 2017, 15:59 Uhr

Die Geschichte erscheint wie ein Krimi, hat sich aber tatsächlich ereignet. 1995 ernannte der Dalai Lama, das im Exil lebende geistliche Oberhaupt der Tibeter, den sechsjährigen Gendün Chökyi Nyima zum zehnten Panchen Lama. Damit avancierte der Junge zum zweithöchsten Würdenträger Tibets, zum kleinen Heiligen. Doch die Chinesen wollten die Entscheidung des ihnen verhassten Religionsführers nicht akzeptieren. Sie ließen das Kind verschwinden und ernannten stattdessen einen neuen Panchen Lama.

Der kleine Gyaltsen Norbu stammte aus einer kommunistischen Familie und schien so prädestiniert, zum willigen Handlanger Pekings zu werden. Von dem verschwundenen Jungen hörte man nichts mehr. Ein faszinierender Stoff für einen Roman, und nun hat Marcus Braun aus dieser historischen Geschichte eine fantastische Groteske gezaubert.

»Der letzte Buddha« ist eine verrückte Scharade bei der niemand mehr weiß, was wahr ist oder unwahr, was echt oder falsch. Absurd ist schon die Idee, den verschwundenen Panchen Lama ausgerechnet in der Figur eines Surfer-Boys am kalifornischen Strand wiederauferstehen zu lassen. Außer seinem Sport hat der junge Jonathan nicht viel im Kopf. Schlimmer noch: Er hat ausgiebige Drogenexzesse und eine »Rallye durch die Therapiepraxen des Staates Kalifornien« hinter sich. Seine Herkunft liegt im Dunkeln.

Als ihm ein Journalist die frohe Botschaft eröffnet, dass er der verschwundene elfte Panchen Lama ist, hält der junge Mann das zunächst für »psycho«. Doch dann wittert er seine Chance. Er lässt sich in einem buddhistischen Zentrum coachen, nimmt einen Public-Relations-Berater und einen Human-Ressource-Manager.

Aber auch jener konkurrierende Panchen Lama Gyaltsen ist eine bizarre Figur. Die Chinesen wollten den Jungen zur Marionette abrichten, zu einem faden und gehorsamen Wesen. Doch nun beginnt der junge Mann, zum Unwillen seines Mentors, eigenständige Gedanken zu entwickeln.

Eine persönliche Begegnung soll Gewissheit bringen, wer von beiden der wahre Erleuchtete ist. Damit ist das Drama eröffnet. Souverän und ausgesprochen spannungsreich inszeniert Braun den Roman bis hin zum Ende, eine Groteske um falsche Gewissheiten und unechte oder halbseidene Erleuchtete, bei der am Ende doch alle irgendwie betrogen sind. dpa

Marcus Braun: »Der letzte Buddha«. Hanser, Berlin, 208 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3446256781.

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