10. Februar 2017, 17:22 Uhr

So exotisch und doch so nah

10. Februar 2017, 17:22 Uhr
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Von DPA

Was sind Gagausen? Sie leben als Minderheit in der Ex-Sowjetrepublik Moldau, die von ihrer russisch-rumänischen Doppelprägung immer wieder vor eine Zerreißprobe gestellt wird. Sie sprechen eine dem Türkischen verwandte Sprache. Sie bekennen sich zum christlich-orthodoxen Glauben. Dennoch haben die Gagausen keine Identitätsprobleme, stellt der Salzburger Literaturwissenschaftler Karl-Markus Gauß fest. Das ist bemerkenswert in einer Welt, in der Multikulturalität von politischen Scharfmachern immer öfter infrage gestellt wird.

Gauß hat sich für sein neues Reisebuch unter anderem auf ihre Spur begeben. Es ist ein wichtiges Buch, nicht nur über Europas vergessene Völker, sondern – wie gewohnt bei diesem Autor – eine Konfrontation mit den Vorurteilen des westlichen Betrachters. Wie diese sich auflösen, führt Gauß nach dem lokalen Augenschein vor.

»Zwanzig Lewa oder tot« lautet der etwas reißerische Titel dieses Buchs. Dieser Satz kommt in Widin am bulgarischen Donauufer aus dem Mund eines kranken Bettlers – der damit keineswegs den Besucher bedroht, sondern klarstellt, dass er ohne eine milde Gabe kein Geld für lebensrettende Medikamente habe. Es gibt durchaus Roma-Kinder, die ihr erbetteltes Geld entgegen anderslautender Berichte keinem finsteren Mafioso abliefern, sondern sich dafür ein Eis kaufen – das erlebt man in diesem Buch mit Gauß. Es gibt arme Roma, aber auch reiche. Es gibt östliche Taxifahrer, die Trinkgeld strikt ablehnen.

Es gibt Obstverkäufer am Rand staubiger Straßen, die keinen Lohn dafür verlangen, dass ein Fremder sie fotografiert, sondern, im Gegenteil, sich dafür mit einer duftenden Melone bedanken. Trotz autoritärer Traditionen sind nicht alle Soldaten Osteuropas Unmenschen. Manche umsorgen ihre Untergebenen geradezu mütterlich: Gauß sah, wie ein moldauischer Offizier an einem heißen Augusttag die unter ihren Stahlhelmen leidenden Wachsoldaten am sowjetischen Ehrenmal mit nassen Kompressen versorgte – und das alle zwölf Minuten.

Das Geheimnis von Gauß ist wieder einmal der geduldige Blick, die Neugier auf Orte jenseits des Massentourismus. Sein erster Ankerpunkt ist fast immer die Literatur. So kommt es auch in diesem Buch etwa zu einer Hommage an den in Westeuropa immer wieder neu entdeckten und regelmäßig wieder vergessenen »kroatischen Goethe« Miroslav Krleza, an den jüdischen Serben Aleksandar Tisma und seine erschütternde literarische Aufarbeitung des Holocaust oder an den berühmten Elias Canetti, der im bulgarischen Russe zur Welt kam.

Als langjähriger profunder Kenner osteuropäischer Autoren nähert sich Gauß auf seinen Reisen zu den Bulgaren, Kroaten, Serben und Moldauern als alter Freund ihrer Geistesgeschichte – aber auch als Kritiker ihrer Gespenster aus der Vergangenheit. Nationalismus, Faschismus und Kriege haben diese Region mitgeprägt. Sie bilden das negative Bindeglied zu Westeuropa, wo diese Geister auch gewütet haben. »Öffne die Augen und du wirst sehen: Hier bist du daheim.« Dieser Satz des kroatischen Dichters Slavko Mihalic (1928-2007) passt auch in diesem negativen Sinn. Gauß hat ihn seinem Buch als Motto beigegeben.

Wer genau hinschaut und unbekannte Pfade sucht, wird reich belohnt, lehrt Gauß. Bisweilen entdeckt man dabei sogar Wunder der Natur: Der Autor ertappte einen moldauischen Wachsoldaten, der im Stehen schlief – gegen die Gesetze der Schwerkraft und der menschlichen Physiologie. Und gegen das militärische Reglement sowieso. Kathrin Lauer

Karl-Markus Gauß: Zwanzig Lewa oder tot. Vier Reisen, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 208 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-552-05 823 -1



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