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Schutz und Trutz in Sowjetrussland

Oft genug ist »Jahrhundertroman« ein abgegriffenes Etikett. Aber bei dem neuen Buch von Christoph Hein passt der Begriff besser als alles andere. Der vielfach preisgekrönte Autor verfolgt in »Trutz« das Schicksal zweier Familien durch die dunkelsten Zeiten der jüngsten Geschichte, von Hitler über Stalin bis zum Zusammenbruch des SED-Regimes – ein Jahrhundert im Brennglas. Der Literaturkritiker Denis Scheck sprach in der ARD-Sendung »Druckfrisch« vom wichtigsten Roman dieses Frühjahrs.
07. April 2017, 14:32 Uhr
DPA
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Hein

Oft genug ist »Jahrhundertroman« ein abgegriffenes Etikett. Aber bei dem neuen Buch von Christoph Hein passt der Begriff besser als alles andere. Der vielfach preisgekrönte Autor verfolgt in »Trutz« das Schicksal zweier Familien durch die dunkelsten Zeiten der jüngsten Geschichte, von Hitler über Stalin bis zum Zusammenbruch des SED-Regimes – ein Jahrhundert im Brennglas. Der Literaturkritiker Denis Scheck sprach in der ARD-Sendung »Druckfrisch« vom wichtigsten Roman dieses Frühjahrs.

Die Hauptfigur Rainer Trutz gibt dem Roman den Titel. Der junge Mann verlässt früh den elterlichen Hof, um im Berlin der frühen 30er Jahre seinen Traum vom Schriftstellerberuf zu verwirklichen. Doch in der aufziehenden NS-Zeit gerät er trotz seiner eher unpolitischen jugendlichen Elaborate rasch ins Visier der Gestapo. Zusammen mit seiner Frau Gudrun, ebenfalls verfolgt, bleibt ihm eines Tages nichts anderes als die Flucht nach Moskau. Ein Weg vom Abgrund ins Verderben.

In der Zeit der großen Säuberungen lernen Gudrun und Rainer Trutz dort den bekannten Erinne-rungsforscher Waldemar Gejm kennen. Zwischen den Söhnen der beiden Familien entwickelt sich beim gemeinsamen Gedächtnistraining eine Freundschaft, die alle politischen Grauen übersteht. Während die Eltern einer nach dem anderen der stalinistischen Schreckensherrschaft zum Opfer fallen, treffen die Freunde Maykl Trutz und Rem Gejm im Alter noch einmal zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. All das ist in einem kühl distanzierten, fast dokumentarischen Ton erzählt. Hein knüpft auch in diesem größeren historischen Bogen mühelos an die Meisterschaft an, die ihn spätestens mit dem viel gelobten Werk »Landnahme« (2004) zum »poetischen Chronisten der DDR« machte.

Und trotz ihres Lakonismus ist die Geschichte – oder vielleicht gerade deshalb – packend und sehr berührend. Nada Weigelt

Christoph Hein: »Trutz«. Suhrkamp, Berlin. 477 S., 25 Euro, ISBN 978-3-518-42585-5.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/ueberregional/wochenend/buecher/Buecher-Schutz-und-Trutz-in-Sowjetrussland;art537,237814

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