31. Mai 2019, 16:10 Uhr

Neues von Thomas Harris

31. Mai 2019, 16:10 Uhr
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Von DPA
Thomas Harris

Dr. Hannibal Lecter hat einen ganz besonderen Platz in der Popkultur. Mit dem Psychiater, der Menschenfleisch gern als Haute Cuisine serviert, schuf US-Autor Thomas Harris in den 1980ern eine literarische Figur, die an Bestialität, Perfidie und Popularität noch heute ihresgleichen sucht. Seit der Verfilmung von »Das Schweigen der Lämmer« ist der Serienkiller kaum ohne das Gesicht von Anthony Hopkins vorstellbar, der sich für seine Darstellung einen Oscar holte. Auch in »Roter Drache« und »Hannibal« glänzte er in seiner Paraderolle.

Für das US-Filminstitut ist Lecter der größte Leinwandschurke aller Zeiten. Mächtige Fußstapfen sind das, in die der neue Bösewicht von Harris treten muss. Etwa 13 Jahre, nachdem die Kannibalen-Tetralogie in »Hannibal Rising« ihr Ende fand, legt der öffentlichkeitsscheue US-Autor im Alter von bald 80 Jahren mit »Cari Mora« erneut einen Thriller vor.

Thomas Harris: »Caro Mora«, Heyne, München, 275 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-453-27 238-5

Von seinen bislang fünf erschienenen Romanen sollen weltweit mehr als 30 Millionen Exemplare verkauft worden sein. Kaum ein anderes Buch war in diesem Frühjahr sehnsüchtiger erwartet und geheimer gehandelt worden als dieses. Journalisten, die darüber berichten wollten, mussten zusichern, vor der Veröffentlichung nichts durchsickern zu lassen. Kann er mit den Vorschusslorbeeren mithalten?

Der Hannibal Lecter in »Cari Mora« trägt den Allerweltsnamen Hans-Peter Schneider - ein Deutscher. »Das Weinen einer Frau ist Musik für Hans-Peter«, heißt es zu Beginn. »Es beruhigt ihn.« Er erinnert äußerlich ein wenig an den Stummfilm-»Nosferatu«: groß, blass, unbehaart, mit ungewöhnlich langen Eckzähnen und hervorquellenden Auge. Im Tank neben ihm schwimmt eine Leiche in ätzender Lauge. Doch folgt der Mörder keiner inneren Lust. Die Frau hatte sich einfach »als geschäftlicher Fehlschlag« erwiesen. Gerade einmal ihre Nieren konnte er verkaufen. Schneiders Trieb ist also der schnöde Mammon. Er richtet für steinreiche Kunden Frauenkörper wunschgemäß her und zu. Welch ein Unterschied zum brillanten Lecter, der mit seinen Opfern erst Psychologierätsel spielt, bevor er sie genüsslich gar kocht. Leider ist der Killer in »Cari Mora« allzu sehr mit abgewetzten Klischees beladen: Verrückt nach seinem weißen Latexanzug summt er immer wieder ein deutsches Volkslied oder lässt Schuberts »Forellenquintett« über die Stereoanlage donnern. Interessant ist an der Figur nicht viel. Die Haupthandlung im Roman dreht sich denn auch gar nicht um die Frauenmorde, sondern um Zaster. Schneider befindet sich mit anderen Gangstern in einem Wettlauf um den mit Millionen gefüllten Tresor im Wassergrundstück des toten Drogenbarons Pablo Escobar in Miami. Haushälterin ist dort die junge Cari Mora, die als Mädchen den kolumbianischen FARC-Rebellen entfloh und ihren Aufenthaltsstatus in den USA nun mit Gelegenheitsjobs aufrechterhält. Sie steckt mit einer der Banden unter einer Decke. Doch Schneider sieht in ihr nicht die Konkurrentin um das Escobar-Erbe, sondern eine Einnahmequelle: »Mit diesen interessanten Narben konnte er sie teuer verkaufen«, sagt er zu sich, als er sie durchs Fernglas beobachtet.

Ob Horrormeister Stephen King vom neuen Roman beeindruckt ist? Anfang April twittert er nach der Lektüre über Harris: »Seine Prosa zu lesen ist, als würde man langsam mit der Hand über kalte Seide streichen.« Schwelgerisch klingt anders. Schon am »Cari Mora«-Vorgänger »Hannibal Rising« schieden sich die Geister, mancher Kritiker sah im Lecter-Erfinder nur noch eine gehobenere Version von Dan Brown. Das neue Werk bleibt weit hinter den (hochgesteckten) Erwartungen zurück. Der Sprache fehlt die Abwechslung, so manche Symbolik wird aufgemacht, aber nicht zu Ende gedacht. Besonders ärgerlich: Bei dem Thriller läuft es kaum einem kalt den Rücken herunter. Zudem krankt der Roman an der Fülle seiner Personen, die alle oberflächlich bleiben. Selbst die Rückblenden auf das Leben Moras im Rebellencamp hat für die Handlung kaum Bedeutung.

Da bisher noch alle fünf Romane von Harris verfilmt wurden, wird wohl auch dieses Buch seinen Weg auf die Leinwand finden. Zu hoffen bleibt, dass gewiefte Drehbuchschreiber den nötigen Nervenkitzel beisteuern und Regisseure beeindruckende Gänsehautszenen einfangen. Sebastian Fischer



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