08. September 2017, 13:03 Uhr

Eine von uns

Neue Krimis Mörderische Nanny Wenn nichts mehr ist, wie es war Abgrund im Paradies

Ein Pariser Elternpaar glaubt in der properen Louise die perfekte Nanny für seine Kinder gefunden zu haben. Doch eines Tages sind die Kleinen tot. Leïla Slimanis preisgekrönter Psychothriller schildert die Geschichte einer Tragödie.
08. September 2017, 13:03 Uhr
Paris ist der Schauplatz des spannenden Thrillers »Dann schlaf auch du« von Leïla Slimani. (Foto: dpa)

Geisterschiff mit Leichen

Auf einem Geisterschiff im Wattenmeer werden die Leichen zweier Frauen gefunden – aufgehängt und ausgenommen wie Fische. Die Markierung der Toten mit einer Art eingeritzter Rune stellt die Polizisten vor ein zusätzliches Rätsel. Handelt es sich um Ritualmorde? Kurz darauf wird auch ein Mann auf diese Weise umgebracht und markiert. Ansonsten gibt es zwischen den Toten keinerlei Gemeinsamkeiten. Viel Arbeit für Knut Jansen und Helen Henning, die Autor Derek Meister nun bereits zum dritten Mal ermitteln lässt. In seinem neuen Roman »Blutebbe« stoßen die beiden Polizisten auf ein ähnliches Verbrechen, das aber schon 20 Jahre zurückliegt. Meister schildert perfekt das unheimliche dunkle Flair, das diesen Fall umgibt.

Derek Meister: »Blutebbe«. Blanvalet Verlag, 400 S., 9,99 Euro

Tote taucht wieder auf

»Hölle auf Erden« heißt der neue Thriller des Briten Steve Mosby. Es fragt sich nur, für wen es die Hölle ist. Für Charlotte Matheson, die vor zwei Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückte und nun völlig verwirrt in einem Supermarkt wiederauftaucht. Oder für Detective David Groves, dessen Sohn vor Jahren ermordet wurde und an dessen Geburtstag er alljährlich eine Glückwunschkarte mit höhnischen Texten bekommt. Doch dieses Mal ist es anders. Auf der Karte steht nur: »Ich weiß, wer es getan hat.« Beide Ermittler stehen vor einem Rätsel, beide müssen sich ihren Ängsten stellen. Und beide erleben etwas, das sie sich nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen ausgemalt hätten. Es ist bereits Steve Mosbys zehnter Thriller und laut »Times« sein bester.

Steve Mosby: »Hölle auf Erden«. Droemer Verlag, 432 S., 14,99 Euro

Neuseeland-Krimi

Der Piha Beach auf der Nordinsel Neuseelands ist ein mythischer Ort. Nicht nur seines schwarzen Sandes wegen und der gefährlichsten Brandung des Landes ranken sich Geschichten um ihn. Es passt ins Bild, dass gerade hier die übel zugerichtete Leiche einer jungen unbekannten Frau gefunden wird. Inspektor Parnell nimmt die Ermittlungen auf – und stößt auf eine Mauer des Schweigens. So müht sich der Inspektor durch die wenigen Anhaltspunkte, die ihn in Neuseelands Hauptstadt führen. »Schwarzer Sand« ist von K.C. Crowe, das Pseudonym eines Kriminalschriftstellers, der in Europa lebt, Neuseeland aber gut kennt.

K.C. Crowe: »Schwarzer Sand«. List Verlag, 304 S., 9,99 Euro dpa

Das Baby ist tot«, heißt es gleich zu Beginn des Romans, und schnell wird klar, wer die Mörderin ist: Ausgerechnet das Kindermädchen, die allseits verehrte Nanny, die auch gleich noch die ältere Schwester des Säuglings mit auf dem Gewissen hat. Als die Mutter abends nach Hause kommt, ähnelt die Kinderstube einem blutigen Schlachtfeld. Eine Familie ist zerstört, aber warum?

In Leïla Slimanis Thriller »Dann schlaf auch du« geht es nicht darum, herauszufinden, wer der Mörder ist – das ist ja bereits nach einer Seite erledigt. Vielmehr zieht der Roman seine Spannung aus der Entwicklung hin zur tödlichen Katastrophe.

Wahre Begebenheit

Was macht eine propere Nanny zur Killerin? Das ist der Stoff unserer Albträume, besonders bei Eltern. Und er stammt nicht einmal aus dem finsteren Reich der Fantasie.

Die Geschichte hat sich tatsächlich so oder in ähnlicher Weise ereignet, wenn auch nicht in Frankreich, sondern in den USA. Aus der Feder der französisch-marokkanischen Autorin wird daraus ein gut gemachter Psychothriller mit einem subtilen gesellschaftskritischen Unterton. Denn in ihrem Roman geht es auch um die Unwucht einer neu entstandenen Klassengesellschaft, die sich so in vielen westlichen Ländern findet.

Slimani erhielt für »Dann schlaf auch du« den Prix Goncourt 2016. Der ist zwar nur mit symbolischen zehn Euro dotiert, aber trotzdem der begehrteste französische Literaturpreis. Denn seine Zuerkennung lässt die Verkaufszahlen eines Buchs steil nach oben schnellen. Inzwischen ist der Roman in 30 Ländern verkauft und auch auf Deutsch erschienen.

Auf der einen Seite steht in dem Roman das gut verdienende Akademikerpaar Myriam und Paul mit seinen zwei kleinen Kindern, das seinen aufreibenden Lebensstil nur mithilfe häuslicher Dienstleister aufrechterhalten kann. Auf der anderen Seite die sich in prekären Verhältnissen durchwurstelnde Louise. Nach dem Tod ihres Mannes, der ihr nur Schulden hinterlassen hat, und dem Auszug ihrer missratenen Tochter verdingt sie sich als Kindermädchen.

Sie lebt in einem dunklen Loch in einer Pariser Vorstadt. Doch äußerlich wirkt die puppenhafte Frau makellos und mit Kindern kann sie fantasievoll und geduldig umgehen. In ihr scheinen Myriam und Paul die perfekte Nanny gefunden zu haben. Die Kinder vergöttern Louise. Für die Familie wird sie unentbehrlich. Und die Familie wird unverzichtbar für Louise. Denn sie ist eine zutiefst vereinsamte Frau, die verzweifelt nach Anschluss sucht. Es entwickelt sich eine Art symbiotischer Abhängigkeit.

Myriam und Paul als typische Vertreter eines liberalen Bürgertums werden zudem von ihrem schlechten Gewissen gequält: Beuten sie Louise vielleicht aus? Sie soll sich wie ein Mitglied der Familie fühlen. Deshalb nehmen sie sie einmal sogar mit in ihren Griechenland-Urlaub und wecken damit falsche Hoffnungen.

Nebenbei wirft die Autorin einen kritischen Blick auf die Schattenwelt der Nannys, jener Frauen, die aus allen Teilen der Erde nach Frankreich gekommen sind und die nun die Kinder der gut situierten, gestressten Pariser hüten und somit das System am Laufen halten. Sie selbst stehen dabei immer am Rande. So sagt die Afrikanerin Wafa in ihrer bildreichen Sprache: »Das Schicksal ist verschlagen wie ein Reptil, es sorgt immer dafür, dass wir auf der falschen Seite landen.« Ist Louises Tat also ein sozialer Racheakt?

Nicht moralisierend

Nach und nach zeigen sich jedenfalls Unstimmigkeiten, irritierende Misstöne in ihrem Verhalten, finanzielle Unkorrektheiten, merkwürdige Verhaltensweisen gegenüber den Kindern. Die Nanny wird den Eltern nun immer unheimlicher. Am liebsten würden sie sie loswerden.

Slimani baut dabei geschickt Spannung auf, entkleidet Louise nach und nach ihrer Masken, führt den Leser atemlos der finalen Ka-tastrophe zu. Sie moralisiert dabei nicht und bezieht keine Stellung, sondern verhält sich relativ neutral zu ihren Protagonisten. Obwohl »Dann schlaf auch du« wirklich fesselnder Lesestoff ist, bleibt der Leser am Ende etwas unbefriedigt zurück.

Leïla Slimani: »Dann schlaf auch du«. Luchterhand Verlag, München, 224 S., 20 Euro, ISBN 978-3-630-87554-5

In einem verschlafenen englischen Dorf ist das Leben gleichförmig – bis zu diesem Sommer im Jahre 1984, das alles ändert. Ein geheimnisvoller Fox mischt die Gemeinschaft auf, bricht in ihre Häuser ein, stiehlt nichts, hinterlässt nur ein paar seltsame Spuren, nistet sich für einige Stunden ein. Man fühlt sich beobachtet, ist zutiefst besorgt, aber auch ratlos: Was will er? Und vor allem: Wer oder was ist er? Misstrauen greift um sich, erste Verdächtigungen werden ausgesprochen. Und dann verschwindet eine junge Frau. Einfach so, scheinbar spurlos. Ab jetzt ist die Jagd eröffnet – und es passiert, was passieren muss: Jeder verdächtigt jeden. Harriet Cummings ist ein gutes Porträt eines sozialen Gefüges gelungen, dessen Fassade ab dem Moment zu bröckeln beginnt, wo die Menschen merken, dass sie sich eigentlich nicht besonders gut kennen, obwohl sie Nachbarn sind. Cummings Fiktion beruht auf einer wahren Episode. In der Wirklichkeit wurde »der Fox« nie gefunden... pi

Harriet Cummings: Eine von uns, Verlag Deuticke, 20 Euro, 367 S., ISBN 978-3-552-06335-8

Günstiger könnten die Rahmenbedingungen für einen Krimi nicht sein: Ein Liebesurlaub mit Hindernissen im Paradies. Was nach Weichzeichner riecht, ist alles andere als das. Anne Detlefsen, die Leiterin der Mordkommission Kiel, sitzt allein in einer spartanischen Unterkunft der Charles-Darwin-Forschungsstation auf den sagenumwobenen Galapagosinseln und ist sauer. Von wegen Traumkulisse für traute Zweisamkeit und unvergessliche Stunden in scheinbar unberührter Landschaft. Ihr Freund Hermann, seines Zeichens Meeresbiologe, ist mit Kollegen hinausgefahren und sucht zwischen den Inseln bei Tauchgängen nach einem seltsamen Hai, der den Wisseschaftlern Rätsel aufgibt. Was die Forscher bei ihren Expeditionen sehen, irritiert sie zunehmend: Die Lebensgemeinschaften in der Tiefe des Meeres scheinen sich auf bisher nicht gekannte Weise zu verändern – dramatische Vorboten und Beweise des Klimawandels, gar eine wissenschaftliche Sensation? Hermann Pauli will, muss mehr wissen, bleibt auf See...

Derweil brennen im Hafen immer wieder Schiffe. Dann stirbt die über hundertjährige Riesenschildkröte Lonesome George, eine Legende von Galapagos und Star der Forschungsstation. An Land heizt sich die Stimmung auf, als junge Wissenschaftler mit Flugblättern auf die Gefährdung der Arten durch das Klima und den Anteil des Menschen an der Veränderung in den Straßen für Aufregung sorgen. Es kommt zu Zusammenstößen mit Fischern, die um ihre Lebensgrundlage fürchten, und Naturschützern, die die fragilen Lebensräume zwischen den Archipelen durch Fischerei und den Tourismus gefährdet sehen und weitere Schutzzonen für das (noch) artenreiche Gebiet fordern. Mittendrin die Hauptkommissarin, die sich zunehmend hineingezogen fühlt in die Vorgänge auf der Insel, schon gar, seit bei einem der Schiffsbrände zwei Menschen starben. Sie recherchiert auf eigene Faust...

Sage noch einer, Experten könnten zwar im besten Falle exzellent forschen und Fachliteratur verfassen, aber nicht spannend schreiben: Wer mit Bernhard Kegel in den Abgrund blickt, muss kein Biologe sein wie er. Dem Autor gelingt es scheinbar mühelos, eine stimmige Krimi-Handlung zu konstruieren und dabei wie nebenbei Laienverständlich Einblicke in die Faszination und Untiefen der biologischen Forschung zu geben. Die »fachfremde« Kommissarin im Roman, die sich einerseits fremd fühlt als Außenstehende unter den Wissenschaftlern auf der Station, andererseits versucht, sich in ihre Lebenswirklichkeit und Denkweise hineinzuversetzen, übernimmt als Figur quasi die Vermittlerrolle für den Leser. Ein Buch mit Suchtpotenzial und nur einem großen Nachteil: Man kann und will es kaum aus der Hand legen. Am besten Freitagabend anfangen...Und wenn man es dann tatsächlich ausgelesen hat, nicht traurig sein: Es gibt bereits zwei Hermann-Pauli-Romane vor dem Abgrund. In meinem Regal habe ich dafür jedenfalls schon mal Platz geschaffen. pi

Bernhard Kegel: Abgrund. Verlag mare, 382 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-86648-251-7

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