22. September 2017, 15:30 Uhr

Nehmen Sie Haltung an, Bröhmann!

Flüchtlinge, Hetzer, Mord – und mittendrin Henning Bröhmann, der doch eigentlich nur seine Ruhe haben will. »Hessen zuerst« ist der fünfte Roman von Dietrich Faber – und der reifste. Das liegt auch am Thema.
22. September 2017, 15:30 Uhr
Geheimnisvoll und wunderschön: Das Gebiet um den Hoherodskopf ist die ideale Kulisse für einen Krimi mit Charme – und wichtiger Botschaft. (Foto: Henß)

Deutschland verändert sich, die ganze Welt verändert sich – und offenbar nicht zum Besseren. Dieses Gefühl scheint zumindest der Gießener Dietrich Faber zu haben. Denn nach vier erfolgreichen Provinzromanen an der Grenze zwischen Vogelsberg und Wetterau, mit allerlei Familiendramen samt Mordverdacht und Gefängnisaufenthalt und vielerlei Klamauk zwischen oberhessischen Countrysängern und Grillsportvereinen, wird Faber in der fünften Auflage der Romanreihe um (Ex-)Kommissar Henning Bröhmann ungewohnt ernst – und ungewohnt politisch.

Er habe sich weiterentwickeln wollen, sagt Faber, wenn man ihn darauf anspricht. Und ja, weiterentwickelt hat sich auch seine Romanreihe. In seinem neusten Krimi, der nicht ganz zufällig zur Bundestagswahl erscheint, geht es um einen Angriff auf einen Bürgermeister, zwei weggelaufene Flüchtlinge und eine oberhessische Protestpartei samt Bürgerwehr, die die beschauliche Vogelsberger Provinz entzweien. Mittendrin entwickelt sich auch Fabers Hauptfigur, der etwas phlegmatische und inzwischen mehr oder weniger beschäftigungslose Vollzeitvater und Ex-Hauptkommissar Henning Bröhmann. Als Bröhmanns ungeliebter Nachbar Rüdi bei der Protestpartei »Hessen zuerst« kräftig mitmischt und mit Slogans wie »Kartoffelworscht statt Döner« oder »Make Oberhessen great again« auf einen Sitz im neuen Wiesbadener Landtag schielt, zudem auch noch eine mit mehr als zweifelhaften Gestalten bestückte Bürgerwehr gegen die »Bedrohung der deutschen Frauen« durch die Flüchtlinge gründet, wird der sonst Serien schauende Pantoffelheld Bröhmann fast schon ungewohnt aktiv. Er bekommt eine klare Haltung: rechtspopulistisches Geschwurbel, einfache Wahrheiten auf komplexe Fragen, gar Hass, Ablehnung und Gewalt gegen die Vogelsberger Neubürger? Nicht mit ihm.

Doch das ist gar nicht so einfach. Und zwar nicht nur weil im Flüchtlingsheim die Freundin von Bröhmanns Kumpel und selbst ernanntem Country-Gott Manni Kreutzer, Jutta alias »Hessi«, mitmischt und ihrer Meinung nach die Krise im Alleingang bewältigt, sondern auch weil die Leiterin der Einrichtung etwas geheim hält und Bröhmann darüber hinaus angesichts der gezwungenen Wohnsituation in direkter Nachbarschaft zu Rüdi sich nicht alles erlauben kann.

Bevor Faber diese Geschichte entfaltet, die in ihrem weiteren Verlauf gleich mehrere Überraschungen bereithält und teils sehr klug mit Klischees rund um die Angst vor dem Fremden, um die Probleme der deutschen Demokratie und die aufgeheizte politische Stimmung spielt, ist allerdings etwas Geduld nötig. Denn das Spielen mit den Grautönen zwischen dem Schwarz-Weiß-Denken gelingt dem in Lang-Göns geborenen Kabarettisten und Autor nicht sofort. Er braucht etwas Anlauf, in der der geneigte Sympathisant der Reihe schon vermutet, Faber wäre an der Herausforderung ein thematisch ernstes Buch mithilfe von lockerem Stil, oberhessischer Mundart und den typischen provinziellen Sidekicks zu schreiben, gescheitert. Glücklicherweise kriegt das Buch die Kurve – und eröffnet am Ende auch eine Perspektive zur möglichen Fortsetzung der Reihe, über die sich Autor und Verlag bereits einig sein sollen.

Die Weiterentwicklung und der Umgang mit den Charakteren, von denen ja nicht wenige »oberhessische Originale« sind, wie es sie wohl auf jedem Dorf in und abseits der Region gibt, ist bewundernswert, denn sie zeigen eins: Angela Merkels »Wir schaffen das« ist, obwohl inzwischen gern negativ konnotierte Formel ihrer Gegner, schlicht und ergreifend Realität. Dank Ehrenamt in der Flüchtlingshilfe und in Vereinen, dank der Freundlichkeit und Gastfreundschaft vor allem von denen, denen man vielleicht manchmal nicht die Weltoffenheit und den Weitblick zutraut, wie einem Großstädter im linken Milieu, funktioniert Integration auf dem Dorf – vielleicht sogar besser als in der Stadt. Und das ist gut so. Es ist sogar eine Leistung, die Anerkennung verdient. Genauso gut tut dem neutralen Leser Bröhmanns Haltung, die in weiten Teilen sicher auch der Fabers nahesteht, gibt es doch auch sonst nicht wenige Parallelen zwischen Autor und Ich-Erzähler.

Denn diese Haltung kommt erfrischend locker und witzig daher und ganz ohne den erhobenen Zeigefinger aus, sondern sie enttarnt diejenigen, die mit einfachen Antworten Wähler aller Schichten abfischen, in ihrer ganzen Tumbheit und Engstirnigkeit – das wünscht man sich in Zeiten von AfD, Trump, Erdogan und Co. öfter. Denn so besiegen sie sich trotz des unerwarteten Ausgangs der Geschichte, bei der eine bislang vermeintlich eher unsympathische Figur eine Hauptrolle spielt, selbst. Und das ist deutlich effektiver als jede Warnung »von oben«, die doch multipliziert von »Lügenpresse« und »Systemmedien« doch nur wieder argumentativ gegen den Absender verwandt wird. Keine schlechte Strategie im Kampf um eine offene und humane Gesellschaft.

 

Dietrich Faber: »Hessen zuerst!«. 272 Seiten. Rowohlt Taschenbuch Verlag. ISBN-13: 978-3499291210. Broschiert 14,99 Euro.

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