Die neueren historischen Arbeiten haben das Bild von Luther in seinem spätmittelalterlichen Rahmen entscheidend präzisiert und ihn in seiner für uns heute zutiefst fremden Welt gezeigt. Verwunderung löst aber der Buchtitel des Tübinger Kirchenhistorikers Volker Leppin aus, der den Reformator in noch frühere Ferne rückt: »Die fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln.« Doch Leppin, der den theologischen Ansatz im Fach Reformationsgeschichte vertritt, zeigt deutliche Traditionslinien von der spätmittelalterlichen Frömmigkeitstheologie zur reformatorischen Theologie.

So erfuhr Luther von der Rechtfertigungslehre durch seinen Beichtvater Johann von Staupitz, und dieser führte ihn in die früheren mystischen Welten von Johannes Tauler und Meister Eckhart ein. Ebenso nahm Luther Gedanken vom Priestertum aller Gläubigen, von der Kritik an Papst und Ablass und der Spannung zwischen innerer und äußerer Frömmigkeit auf. Das Aufgreifen und Verknüpfen dieser Ziele und die Eskalation des Konflikts mit Rom führten aber laut Leppin nicht zum Bruch mit dem Mittelalter. Vielmehr hätten die frei gewordenen »Spannungsenergien« des Spätmittelalters nur zu einer allmählichen Umformung geführt. Leppins zentraler Begriff dafür lautet »Transformation« und bedeutet: Die Reformation blieb weiterhin geprägt durch ihre mystischen Wurzeln.

Hinter den konträren Termini »Transformation« und »Umbruch« steht ein Gelehrtenstreit unter evangelischen Kirchenhistorikern über die historische Einordnung der Reformation. Der Gegenpol zur »Transformationsthese« Leppins ist die »Umbruchsthese«, vertreten von Thomas Kaufmann mit seinem historischen Ansatz. Sie geht von einem epochalen Bruch mit dem Mittelalter aus und positioniert die Reformation als Übergangsphase zwischen Mittelalter und früher Neuzeit. Zudem wertet sie die aktive Rolle Luthers auf, der durch seine Standhaftigkeit im Konflikt mit Rom Entwicklungen freigesetzt hat, die die kirchlichen und politischen Verhältnisse in Europa völlig umgewälzt haben. Das sind laut Kaufmann derart komplexe Prozesse, dass sie durch Theologiegeschichte und Bezüge auf die Mystik nicht adäquat erfasst werden können.

Für Leppin dagegen ist seine Transformationsthese nicht zuletzt mit Blick auf die Ökumene wichtig. Bei der Einordnung Luthers in Mittelalter und Mystik entdecke man die frühen gemeinsamen Wurzeln mit der römisch-katholischen Tradition. Ein »Verflüssigen« der Folgen der Kirchenspaltung nennt er das db

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