07. April 2017, 17:31 Uhr

Sinclair Lewis neu aufgelegt

KLAPPENTEXT Schutz und Trutz in Sowjetrussland Springerstiefel ziehen nicht mehr »Das ist bei uns nicht möglich« Tristesse und Extravaganz

Mit seinem Roman »Der Schatten des Windes« schuf Carlos Ruiz Zafón 2001 einen Meilenstein spanischer Gegenwartsliteratur. »Das Labyrinth der Lichter«, der Abschluss der Serie, führt den Leser tief in die politischen Abgründe des franquistischen Spaniens.
07. April 2017, 17:31 Uhr
Hein

Populismus, Extremismus, Faschismus: Politische Grenzbewegungen faszinieren und beängstigen Menschen zugleich. Und Schriftsteller? Sie schreiben darüber – haben es immer getan, wie ihrerzeit Tucholsky und Brecht.

Die Veränderung der politischen Atmosphäre in Europa und der Welt lässt Autoren und Wissenschaftler auch in diesen Tagen wieder zum Füller greifen – oder zur Laptop-Tastatur. Dabei fällt auf, dass man sich dem schwierigen Thema politischer Extreme und politischer Dystopie auf völlig verschiedene Weise nähern kann. Sei es mittels eines prosaischen Blicks in die Vergangenheit, eines Wiederaufgreifens damaliger Denker oder der kühlen Analyse.

Wir haben zusammengetragen, wie sich der aktuelle Buchmarkt mit den nicht ganz so neuen Strömungen auseinandersetzt. tib

Oft genug ist »Jahrhundertroman« ein abgegriffenes Etikett. Aber bei dem neuen Buch von Christoph Hein passt der Begriff besser als alles andere. Der vielfach preisgekrönte Autor verfolgt in »Trutz« das Schicksal zweier Familien durch die dunkelsten Zeiten der jüngsten Geschichte, von Hitler über Stalin bis zum Zusammenbruch des SED-Regimes – ein Jahrhundert im Brennglas. Der Literaturkritiker Denis Scheck sprach in der ARD-Sendung »Druckfrisch« vom wichtigsten Roman dieses Frühjahrs.

Die Hauptfigur Rainer Trutz gibt dem Roman den Titel. Der junge Mann verlässt früh den elterlichen Hof, um im Berlin der frühen 30er Jahre seinen Traum vom Schriftstellerberuf zu verwirklichen. Doch in der aufziehenden NS-Zeit gerät er trotz seiner eher unpolitischen jugendlichen Elaborate rasch ins Visier der Gestapo. Zusammen mit seiner Frau Gudrun, ebenfalls verfolgt, bleibt ihm eines Tages nichts anderes als die Flucht nach Moskau. Ein Weg vom Abgrund ins Verderben.

In der Zeit der großen Säuberungen lernen Gudrun und Rainer Trutz dort den bekannten Erinne-rungsforscher Waldemar Gejm kennen. Zwischen den Söhnen der beiden Familien entwickelt sich beim gemeinsamen Gedächtnistraining eine Freundschaft, die alle politischen Grauen übersteht. Während die Eltern einer nach dem anderen der stalinistischen Schreckensherrschaft zum Opfer fallen, treffen die Freunde Maykl Trutz und Rem Gejm im Alter noch einmal zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. All das ist in einem kühl distanzierten, fast dokumentarischen Ton erzählt. Hein knüpft auch in diesem größeren historischen Bogen mühelos an die Meisterschaft an, die ihn spätestens mit dem viel gelobten Werk »Landnahme« (2004) zum »poetischen Chronisten der DDR« machte.

Und trotz ihres Lakonismus ist die Geschichte – oder vielleicht gerade deshalb – packend und sehr berührend. Nada Weigelt

Christoph Hein: »Trutz«. Suhrkamp, Berlin. 477 S., 25 Euro, ISBN 978-3-518-42585-5.

Mit seinem Buch über die »Neue Rechte« in Deutschland hat der Hamburger Historiker und Publizist Volker Weiß ein politisch aktuelles Werk vorgelegt. Unter dem Titel »Die autoritäre Revolte« zeichnet er eine neurechte Ideologie nach, die sich aus dem konservativen Denken der Weimarer Republik nährt. Diese Theorien wirkten, so seine Analyse, bis in die Spitzen der AfD hinein.

Als »neu« gilt an der rechten Strömung gemeinhin deren Distanzierung vom Nationalsozialismus. Aber auch die Intellektualisierung und das teilweise Abrücken von einem alten Nationalismus. Dabei, so urteilt Weiß, halte aber die »behauptete Distanz der historischen Vorbilder zum Nationalsozialismus (...) oft genug einer genaueren Untersuchung nicht stand«.

Geprägt wurde das neurechte Weltbild demnach vor allem durch den 2003 verstorbenen Publizisten Armin Mohler. Dieser habe sich mit seiner Idee der »konservativen Revolution« an »einer alternativen rechten Geschichtsschreibung« versucht, »die den Nationalsozialismus umschiffen sollte«. Dabei gehe es darum, die Geschichte Deutschlands nicht auf die Jahre von 1933 bis 1945 zu reduzieren.

Volker Weiß: »Die autoritäre Revolte.« Klett-Cotta, Stuttgart. 304 S., 20 Euro, ISBN: 978-3-608-94907-0.

Das Agieren neuer Vertreter dieses Denkens – darunter Politiker und Journalisten – verfolgt Weiß bis in die Tagespolitik hinein.

Überbetonung des »Volks«

So sieht er die Gründung der AfD 2013 als Versuch, einen Konservatismus rechts der CDU zu etablieren. Was als Ansammlung »wenig volksnaher« und euroskeptischer Honoratioren begonnen habe, habe sich mit der Entdeckung der »Provokation als systematischem Konzept« zu einer populistischen Partei gewandelt.

Wie auch die Identitären und die PEGIDA-Bewegung betone die AfD die große Rolle von »Volk« und »Nation«, die Stärkung des Eigenen gegenüber dem Fremden sowie die Verteidigung von Kultur und Raum, vor allem, aber nicht ausschließlich, gegen den radikalen Islam. Dabei sei gerade der politische Islam als konservative Kraft nicht weit vom Wertesystem der »Neuen Rechten« entfernt, urteilt Weiß.

Alles in allem zeichnet Weiß ein differenziertes Bild der Szene. Er zeigt die Abgrenzung einiger Akteure gegen nationalsozialistisches Gedankengut, aber zugleich auch deren Kontakt mit Netzwerken, in denen diese Grenzen überschritten werden. Einerseits werde damit die »Neue Rechte« zum bürgerlichen Gesicht rechter Politik. Andererseits liege in ihren weiten Verflechtungen eine Gefahr, weil der Einfluss radikaler Elemente möglicherweise unterschätzt werde. Gaby Mahlberg

Seit Donald Trump im vergangenen Jahr zum US-Präsidenten gewählt wurde, machen sich viele Menschen Sorgen, welche Folgen das für das Land haben wird.

Seine Präsidentschaft hat unter anderem auch dazu geführt, dass Romane über totalitäre Herrschaft wieder stark nachgefragt sind. Neben George Orwells »1984« und dem »Bericht der Magd« von Margaret Atwood ist besonders ein älterer Roman wieder populär, der bislang in Deutschland eher wenig bekannt war: »Das ist bei uns nicht möglich« von Sinclair Lewis aus dem Jahr 1935. Jetzt ist er auch einem deutschen Lesepublikum zugänglich.

Die Ausgangssituation im Roman ähnelt ziemlich der des realen Jahres 2016. Im Amerika des Jahres 1935 sind viele Menschen stark verunsichert, fürchten um ihre wirtschaftliche Sicherheit, sehnen sich nach Ordnung und misstrauen dem Establishment.

In dieser Situation taucht ein Mann auf, der all diese Gefühle aufnimmt und für seine Zwecke nutzt: Berzelius Windrip, genannt Buzz, ein Populist wie aus dem Lehrbuch. Er setzt sich an die Spitze der »Liga der vergessenen Männer«, in der sich die von der Politik enttäuschten Amerikaner organisiert haben.

Gerissen, jovial, verschlagen und dummdreist lässt Windrip seinem Gegenkandidaten bei den Wahlen keine Chance und zieht zur allgemeinen Überraschung ins Weiße Haus ein. Sinclair Lewis zeichnet ein düsteres Bild einer Gesellschaft, die zulässt, dass ihr Staat zu einem faschistischen System wird. Axel Knönagel

Sinclair Lewis: »Das ist bei uns nicht möglich«. Aufbau Verlag, Berlin. 442 S., 24 Euro, ISBN: 978-3-351-03696-6.

Der Himmel über Barcelona steht bereits in Flammen, als eine Fliegerbombe im Wohnhaus der jungen Alicia Gris einschlägt und es dem Erdboden gleichmacht. Während sich dunkle Aschesäulen stiebend durch die Ramblas – die Küstenstraßen der Stadt – wälzen und ein sich langsam im Stadtkern ausbreitendes Glutmeer erbarmungslos nach dem Mädchen zu greifen scheint, findet dieses dank der Hilfe eines Unbekannten Zuflucht an einem mysteriösem Ort: dem »Friedhof der vergessenen Bücher«.

Es ist wohl das letzte Mal, dass Carlos Ruiz Zafón seine Leser in »Das Labyrinth der Lichter« an diesen Hort des verlorenen Wissens im Herzen Barcelonas zurückkehren lässt. Rund 16 Jahre nach der Veröffentlichung des Romans »Der Schatten des Windes«, der in 36 Sprachen übersetzt und schätzungsweise weltweit rund 15 Millionen Mal verkauft wurde, bildet der Roman den Abschluss der Tetralogie, die den Spanier in den Rang eines Literatur-Popstars erhoben hat. Lediglich Landsmann Cervantes kann wohl mit »Don Quijote« höhere Verkaufszahlen vorweisen.

Und streng genommen kämpft auch Zafóns Protagonistin Alicia Gris im neuen Werk gegen Windmühlen. Rund 20 Jahre nach jener schicksalhaften Bombennacht hat sich die junge Frau als Sonderermittlerin in der Hauptstadt Madrid einen Namen gemacht. Ein letzter Geheimauftrag der politischen Polizei führt sie zurück in ihre Heimat Barcelona, in der sie das Verschwinden von Minister Mauricio Valls, dem ehemaligen Kerkermeister des berüchtigten Foltergefängnisses von Montjuïc, untersuchen soll. Ihre einzige Spur: ein geheimnisvolles Buch aus der Serie »Das Labyrinth der Lichter« von Victor Mataix, einem ehemaligen Häftling des Kastells.

Besonderes im Ordinären

Schnell zeigt sich, wie schwer sich die Aufklärung eines Verbrechens in der wohl unbarmherzigsten Zeit der Franco-Diktatur gestalten kann. Zeugen oder Ermittler verschwinden spurlos, etwa um Wochen später als aufgedunsene Wasserleiche wieder aufzutauchen, während Mitwisser auf offener Straße liquidiert werden. Ein ominöser Widersacher zieht unterdessen hinter dem Paravent der Politik die Fäden, wodurch Alicia immer tiefer in den Sog aus Geheimnissen und Intrigen gerät. Bald schon wird klar, dass längst nicht mehr nur das Leben des Ministers auf dem Spiel steht.

Doch auch in dieser tristen Epoche hat sich Zafóns Barcelona einen Teil seiner Magie bewahrt. Das ist vor allem dem unverkennbar pittoresken Schreibstil geschuldet, mit dem der Autor auch dem Herkömmlichen und Ordinären den Anstrich des Extravaganten zu verleihen vermag. So wird der Gauner zum »Zigeunerfürsten«, ein vor sich hin rottendes Madrider Luxusetablissement zum »Selbstmordhotel« und Alicias im Schatten agierender Patron zum »Fürsten der Dunkelheit« gekrönt.

Mit der zum Teil überzogenen Romantisierung schießt Zafón immer mal wieder über das Ziel hinaus – ebenso mit der Fülle des Werkes, das mit knapp 950 Seiten wirklich kein Taschenbuchformat hat. Auch wirkt es stellenweise so, als verlasse sich der Spanier zu stark auf bewährte Elemente der Reihe. Bekannte Rätsel wie das Geheimnis um die Identität eines mysteriösen Autors, vertraute Gesichter und ihre Marotten: eine Schwäche, die dem Autor bewusst zu sein scheint. So beklagt eine Figur in seinem Roman: »Immer wirft man mir vor, ich wiederhole mich. Das ist eine Krankheit, die alle Romanciers befällt.«

Und doch sind es gerade diese Eigenheiten, die »Das Labyrinth der Lichter« vom herkömmlichen Kriminalroman unterscheiden. Die Verschrobenheit der Charaktere, die stilsicher inszenierten, oft von Ironie durchtränkten Wortgefechte und die Eindrücke einer albtraumhaft verzerrten Großstadt, in der selbst vor dem Hintergrund bösartigster Verbrechen das Grau der Alltags schwerer zu wiegen scheint.

Carlos Ruiz Zafón: »Das Labyrinth der Lichter«. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. 944 S., 25 Euro, ISBN 978-3-10-002283-7.

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