18. August 2017, 15:07 Uhr

Junge Witwe ermittelt im Vivarais

18. August 2017, 15:07 Uhr
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Von Norbert Schmidt

Sie liebt die abseitige Wohnlage, den geruhsamen Alltag jenseits der Ballungsräume: Die meiste Zeit des Jahres lebt die Schriftstellerin Cora Stephan alias Anne Chaplet in Ilsdorf im Vogelsberg, einem Ortsteil von Mücke, drei bis vier Monate lang aber auch in Laurac, einem Nest im Vivarais. Nun ist sie drauf und dran, diesem südfranzösischen Landstrich am Fuße der Cevennen, gelegen etwa 40 Kilometer westlich von Montélimar, hier bei uns ein literarisches Denkmal zu setzen. Am Donnerstag erschien bei Kiepenheuer & Witsch der Kriminalroman »In tiefen Schluchten«, der das Zeug dazu hat, ein Bestseller zu werden auf dem nach wie vor wachsenden, von Jean-Luc Bannalecs Bretagne-Büchern sowie Martin Walkers Perigord-Romanen angeführten Markt der in Frankreich spielenden Regionalkrimis.

Hauptfigur bei Chaplet ist eine verwitwete Juristin aus Deutschland namens Tori Godon, die mit ihrem Mann nach Belleville in ein mystisches Haus gezogen war. Der Verstorbene hatte hugenottische Vorfahren, woraus wiederum der Roman einen Teil seiner durchgängig spannenden Handlung bezieht. Zunächst geht es aber um einen niederländischen Höhlenforscher, der sich in diesem fiktiven Dörfchen einquartiert – und urplötzlich von der Bildfläche verschwindet.

Als dann der alte Didier Thibon tot aufgefunden wird, der Tori und womöglich auch dem Holländer von Schätzen und Verstecken in den Höhlen erzählt hatte, zudem von »einer Schande«, nimmt die Geschichte an Fahrt auf.

 

Nur keine Langeweile

 

Da niemand einen möglichen Zusammenhang erkennt und keiner ernsthaft nach dem verschollenen Gast sucht, nimmt die 42-jährige Anwältin das Heft des Handelns in die Hand – und landet in einer Felsspalte, unmittelbar bei dem verletzten Mann. »Hängt das mit den Widerstandskämpfern der Hugenotten zusammen, die hier im 18. Jahrhundert Zuflucht fanden?«, lautet eine der Fragen im Klappentext des Buches. Oder mit der Résistance-Bewegung während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg?

Das Buch lebt von den unverwechselbaren, sprachlich fein herausgearbeiteten Charakteren der handelnden Personen, von seinen historischen Verflechtungen und der mithin akribischen Beschreibung einer wilden, geradezu elementaren Landschaft. Da fällt es Chaplet leicht, ganz bewusst auf eine Reihe von Stereotypen zu verzichten, die Regionalkrimis gemeinhin eigen sind. So haben wir es nicht mit einem aus Paris in die Provinz versetzten Ermittler zu tun, der nebenbei noch einmal auf Freiersfüßen lustwandelt.

Ohnehin pflegt die Autorin einen zurückhaltenden Umgang mit derlei Herzensdingen, deutet diese eigentlich nur an. Zu guter Letzt lässt sie – im Gegensatz zu den schreibenden Kollegen und Kolleginnen dieses Genres – kulinarische Exkurse außen vor.

Chaplet-Leser werden es kennen, und die 66-jährige Journalistin und Schriftstellerin gibt selbst eine Antwort darauf. »In all meinen bisherigen Krimis sind die ›Kommissare‹ eher Randfiguren«, sagte sie unlängst im Gespräch mit dieser Zeitung. »Ich finde es interessanter, Mord- und andere Fälle durch die Augen der etwas weniger professionellen Privatermittler zu sehen.« Das mit der Kulinarik hält sie für »ein wenig abgenudelt«. Immerhin erfahre man bei ihr, wie es auf den wunderbaren Märkten in Les Vans oder Joyeuse zugeht.

Letztlich macht auch das mit der Liebe Sinn. »In tiefen Schluchten« sei – den Leser wird’s freuen – »der Beginn einer Serie. Da werden erstmal die Fährten gelegt, aber es wird nicht alles gleich aufgelöst. Das wäre ja langweilig.« Eine Liebesgeschichte müsse »zart beginnen und sich erst langsam steigern. Oder? Auch steht den Liebenden ja oft das eine oder andere im Weg, manchmal auch eine Leiche«.

Was darf man hervorheben, ohne allzu viel zu verraten? Eine Frau namens Solange muss erwähnt werden, die seit Jahrzehnten tot ist, konkret seit Juni 1944 – vordergründig ermordet aus Rache, weil sie mit dem Feind kollaboriert habe, tatsächlich aber aus ganz gemeiner Eifersucht. »Vielleicht hat sie jemanden verraten«, lässt die Autorin einen Freund von Tori sagen. »Vielleicht liebte sie den falschen Mann. Vielleicht kam sie nicht aus der richtigen Familie.« Die Säuberung nach Abzug der Besatzer sei für viele eine gute Gelegenheit gewesen, alte Rechnungen zu begleichen. »Die Eifrigsten beim reinigenden Blutbad waren oft jene, die noch nicht lang auf der neuerdings richtigen Seite standen.« Ein Fest sei es gewesen »für alle, die sich für ihre eigene Schwäche an anderen rächen wollten«.

Das erinnert, weit zurück, an Marguerite Duras’ »Hiroshima, mon amour«. Oder an den kürzlich auf dieser Seite vorgestellten Roman »Ich schreibe Ihnen im Dunkeln« von Jean-Luc Seigle.

Nicht alles bei Anne Chaplet ist Mord und Totschlag. Köstlich etwa, wie sie sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Alteingesessenen und den zugereisten »Aussteigern« beschäftigt. Letztere hätten in den 1970ern die Flucht vor den »Zwängen des Systems« angetreten und sich in den fast leeren Dörfern des kargen Landes niedergelassen. Wohl in dem Glauben, ein Leben dort mache frei. Eine Vorstellung, so lesen wir bei Anne Chaplet, die es wissen muss, »die echte Landbewohner eher bizarr gefunden haben dürften«.

Wer dieses Buch gelesen hat, möchte sich am liebsten aufmachen in den Süden, um etwas von dieser Atmosphäre einzufangen, die einem die Erzählung von der ersten bis zur letzten Seite vermittelt. Apropos: Ganz am Ende, nach der Auflösung des Falles, betont Anne Chaplet, ihr Belleville sei zwar nur ein Ort der Imagination. »Aber alles andere kann man sehen, spüren, riechen, kurz: entdecken.« Folgen Namen von Cafés und Gaststätten samt Adressen sowie Hinweise auf Weingüter, Hotels, Museen und Wochenmärkte.

Insgesamt eine sehr anregende Angelegenheit! Norbert Schmidt

 

In tiefen Schluchten, Anne Chaplet. KiWi-Taschenbuch, 320 Seiten, ISBN 978-3-462-05042-4. Preis 9,99 Euro



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