25. August 2017, 15:07 Uhr

Humorvoll ins Herz gebohrt

Dass die Finnen ein komisches Völkchen sind, ist hinlänglich bekannt. Ihr Humor ist sehr speziell, kommt aber durchaus auch außerhalb der Landesgrenzen an. Wie man aus einer originellen Idee eine herzerwärmende Familiengeschichte amüsant erzählen kann, das beweist nun Miika Nousiainen mit seinem Roman »Die Wurzel alles Guten«.
25. August 2017, 15:07 Uhr
Von Helsinki starten die Halbbrüder ihre Spurensuche nach dem verschollenen Vater um die ganze Welt. (Foto: dpa)

Hand aufs Herz: Wer sitzt schon gern auf einem Zahnarztstuhl? Auch den Werbefachmann Pekka Kirnuvaara zieht es erst in die Praxis, als die Schmerzen unerträglich werden. Überhaupt läuft es für Pekka gerade nicht so gut – im Job und in der Familie: Seine Frau hat ihn verlassen, die Kinder darf er nur selten sehen. Seltsamerweise trägt der behandelnde Arzt denselben ungewöhnlichen Nachnamen wie er. Und er hat auch noch die gleiche Nase. Doch auf bohrende Nachfragen Pekkas zückt Esko Kirnuvaara erst einmal genervt seine Bohrer, um der Zahnschmerzen Herr zu werden.

Nur widerstrebend willigt der ordnungsliebende Esko in ein Treffen mit dem chaotischen Pekka ein. Und beide stellen erstaunt fest, dass sie trotz ihres erheblichen Altersunterschieds wohl den gleichen Vater haben, der sich irgendwann in ihrer Kindheit aus dem Staub gemacht hat.

Was der 43-jährige Finne Miika Nousiainen nun auf 256 Seiten in »Die Wurzel alles Guten« erzählt, ist urkomisch und anrührend zugleich. Es ist bereits Nousiainens vierter Roman, doch der erste, der ins Deutsche von Elina Kritzokat übersetzt wurde. Eine wunderbare Geschichte einer einmaligen Familienzusammenführung, die ihre Kreise in der ganzen Welt zieht. Denn die ungleichen Halbbrüder machen sich nun auf die gemeinsame Suche nach ihrem verschollenen Vater – und finden dabei immer neue Geschwister. Bis nach Thailand und Australien führt die Reise – und je weiter sich die beiden vom kühlen Finnland entfernen, desto näher kommen sie sich. Der schräge Roadtrip mag ein wenig an den »Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand« erinnern, folgt jedoch seinen ganz eigenen Gesetzen.

Der Clou: Nousiainen hat die einzelnen Kapitel, die aus abwechselnder Perspektive mal von Pekka, mal von Esko geschildert werden, mit trockenen zahnärztlichen Anweisungen überschrieben, die genau den Nerv der jeweiligen Befindlichkeiten treffen und wohl beim Leser schmerzliche Erinnerungen an die letzten Zahnarztbesuche wecken dürften. So folgt auf das Kapitel »Öffnung – Aufbohren des Zahns. Der Zahnarzt muss an die entzündete Wurzel gelangen« logischerweise die »Reinigung des Wurzelkanals – Öffnung des Kanals zwecks gründlicher Reinigung und vollständiger Entfernung von Bakterien«.

Das hört sich alles schlimmer an, als es tatsächlich ist. Wenn auch Zahnschmerzen Pekkas ständiger Begleiter sind, der es im Übrigen mit der Mundhygiene nicht so genau nimmt, kann er sich glücklich schätzen, einen derart patenten Bruder zu haben, der nicht nur ihn, sondern am Ende gar die ganze thailändische Verwandtschaft von dieser Pein befreit.

Der finnische Autor versteht sich ganz ausgezeichnet aufs Fabulieren. Gern folgt man ihm auf dieser außergewöhnlichen Reise zu sich selbst, die einige erkenntnisreiche Weisheiten parat hält. Ein willkommener Stimmungsaufheller für die anstehenden trüben Herbsttage.

Miika Nousiainen: »Die Wurzel alles Guten«. Verlag Nagel & Kimche. 256 S., 20 Euro, ISBN 978-3-312-01038-7.

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