28. Juli 2017, 16:13 Uhr

Hausbesetzer und Schwarzwohner

Die Welle der Hausbesetzungen erlebte in den 70er und 80er Jahren in der Bundesrepublik ihren Höhepunkt. Das führte auch zu einem Umdenken bei Stadtplanern und Kommunalpolitikern – mit sehr begrenzter Wirkung, wie das Buch »Das ist unser Haus« zeigt.
28. Juli 2017, 16:13 Uhr
Auch heute noch ein Thema: Polizisten flankieren eine Demonstration gegen eine Stadtumwandlung und zur Unterstützung der von Autonomen bewohnten Häuser in der Rigaer Straße in Berlin. Schon seit Jahren tobt im Stadtteil Friedrichshain ein erbitterter Kampf um besetzte Häuser und die sogenannte Gentrifizierung – eine mit steigenden Mieten einhergehende bauliche Aufwertung des Bezirks. (Foto: dpa)

Statt eines »langen Marsches durch die Institutionen«, wie ihn die Anhänger der 68er-Jugendrevolte propagierten, wählten rebellische Jugendliche und Mieterinitiativen in den beiden folgenden Jahrzehnten lieber den »kurzen Marsch in ein leer stehendes Haus«. Das Motto hieß »Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen«, Rio Reiser von Ton, Steine, Scherben sang »Das ist unser Haus« dazu. Und auf Transparenten hieß es: »Es ist besser, unsere Jugend besetzt leere Häuser als fremde Länder.« Die Parolen aus den 70er und 80er Jahren sind Teil der Geschichte der Hausbesetzungen, wie sie die Autoren Barbara und Kai Sichtermann, der auch Gründungsmitglied der Band Ton, Steine, Scherben war, in ihrem Dokumentationsband »Das ist unser Haus« (Aufbau Verlag) erzählen. Es ist eine umfassende und mit verschiedenen Zeitzeugenberichten auch gut lesbare Geschichte der Hausbesetzungen – sicherlich deutlich subjektiv eingefärbt, aber als Diskussionsbeitrag spannend. Hausbesetzungen gab es, wie der Band zeigt, in etwas anderer Form auch in der DDR, wo man das »Schwarzwohnen« nannte und es zunächst nur einzelne Wohnungen in meist miserablen Zuständen betraf.

Nach Ansicht der Autoren haben die Hausbesetzungen dazu beigetragen, dass bei Stadtplanern und -parlamenten in puncto »Kahlschlagsanierung« und Innenstadtgestaltung teilweise umgedacht und umgesteuert wurde, auch wenn die Themen Mieterverdrängung und Immobilienspekulation heute unter dem neuen Stichwort Gentrifizierung in den Ballungszentren wieder hochaktuell sind und inzwischen auch die Mittelschicht erreicht haben. Auch wenn die Autoren manchmal arg zur Romantisierung der Hausbesetzerbewegung neigen, etwa wenn sie ihr den vermeintlichen »Charakter einer Massenbewegung« zuschreiben oder von einem »bunten Haufen aufmüpfiger Gallier« sprechen, so verschweigen sie andererseits auch nicht die Gewaltspirale, in die Teile der Hausbesetzer in der Auseinandersetzung mit der Staatsmacht gerieten. Musiker Kai Sichtermann räumt ein, dass er und seine Band-Kollegen zeitweise sogar ernsthaft darüber diskutierten, »ob wir unsere Gitarren gegen ’ne Knarre eintauschen«.

1981 gab es der Dokumentation zufolge in 153 Städten 595 Hausbesetzungen, nicht nur in Zentren wie Berlin-Kreuzberg, im Frankfurter Westend, Köln oder Hamburg, sondern auch in vielen kleineren Städten wie Freiburg, Tübingen und Göttingen, die hier ebenfalls dokumentiert werden. Dabei gab es auch prominente Paten wie Günter Grass oder Christo und Jeanne-Claude und Joseph Beuys (»Jeder ist ein Künstler«) diskutierte mit Hausbesetzern im unausgebauten Dachgeschoss.

Nicht nur verfallende Mietshäuser wurden besetzt, auch Zweckbauten wie ehemalige Krankenhäuser wie das Bethanien in Berlin-Kreuzberg, Fabriken, Kasernen, alte Feuerwachen und Warenhäuser wie die »Tacheles«-Ruine in der Oranienburger Straße Ecke Friedrichstraße in Berlin, alles meist Gebäude aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die so vor der Abrissbirne bewahrt wurden.

Es sei kein Zufall, meinen die Autoren, dass die Denkmalschutzgesetze in den Städten zeitgleich mit dem Aufkommen der Besetzerszene reformiert worden seien. In diesem Sinne seien »die Rebellen wertkonservativ« gewesen. Heute ärgerten sich nämlich viele Städte über den damaligen Kahlschlag in ihren Regionen. Zitiert wird unter anderem der Stadtsoziologe und ehemalige Berliner Staatssekretär Andrej Holm mit seinem Buch »Wir bleiben alle«, der auf den um sich greifenden Trend in vielen Ballungsräumen verweist, wonach Immobilieninvestoren Häuser aufkauften unbekümmert um Baugeschichte und stadtsoziologische Interessen. In Berlin-Kreuzberg sind ganze Straßenzüge mit historischen Fassaden vor dem Abriss bewahrt worden, die ohne die Hausbesetzungen vermutlich allesamt der Spitzhacke zum Opfer gefallen wären, meinen die Autoren. Ursprüngliche Berliner Stadtplanungen sahen in diesen Gebieten sogar eine Trasse der Stadtautobahn vor. Heute werden die erhaltenen historischen Gebäude bei Stadtführungen stolz den Touristen gezeigt. Das ehemalige Ufa-Filmkopierwerk in Berlin-Tempelhof, das Ende der 70er Jahre besetzt wurde, ist heute ein anerkanntes internationales Kulturzentrum mit legalisierter Selbstverwaltung.

Ein aufschlussreiches Extrakapitel ist dem »Schwarzwohnen« in der DDR gewidmet. Dort ging es meist nur um einzelne Wohnungen, ganze Häuser wurden dort erst im Zuge der Wende besetzt, zuerst im besonders heruntergekommenen Prenzlauer Berg mit der Schönhauser Allee und Umgebung und später auch in der Mainzer Straße in Friedrichshain. Die Rigaer Straße machte sogar noch bis in diese Tage von sich reden. Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 führten die ungeklärten Eigentumsverhältnisse auf dem Wohnungsmarkt zu einem Vakuum und Durcheinander, wie es in der Dokumentation heißt, was von der subkulturellen Szene schnell genutzt wurde und eine neue Besetzungswelle auslöste. Auch in Potsdam und Leipzig wurden Häuser besetzt.

Barbara Sichtermann/Kai Sichtermann: Das ist unser Haus. Eine Geschichte der Hausbesetzung. Aufbau Verlag, Berlin, 300 Seiten, 26,95 Euro, ISBN 978-3-351-03660-7

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