15. September 2017, 14:06 Uhr

Ein besorgter Optimist »Ich habe einen Traum« Wiedersehen mit Herrn Lehmann

15. September 2017, 14:06 Uhr
Auch im neuen Buch schreibt Follett flüssig und überfrachtet den Leser nie mit Namen oder Strängen. (Foto: dpa)

Ken Follett ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Welt. 27 Jahre nach »Die Säulen der Erde«, legt er zum zweiten Mal einen Nachfolger für den Bestseller vor. »Das Fundament der Ewigkeit« ist zugleich ein Spionageroman. Im Interview erzählt Follett (68) auch, was er von Geheimdiensten hält.

Historische Romane sind sehr beliebt, Spionageromane auch. Mit Ihrem historischen Spionageroman wollten Sie jetzt wohl auf Nummer Sicher gehen.

Ken Follett: Ja, das könnte man meinen. Und so falsch ist das auch gar nicht. Ja, ich wollte eine wunderbare Geschichte, die in weiter Vergangenheit spielt, mit der Spannung eines Spionageromanes verbinden.

Am Ende eines Kapitels heißt es über Ihren Helden: »Ned hatte das Gefühl, dass die ganze Welt verkommen ist.« Ist das auch Ihr Eindruck über unsere Welt?

Follett: Nun, Ned sagt das, nachdem er die Grauen der Bartholomäusnacht mitbekommen hat, in der Tausende Menschen abgeschlachtet wurden. Da kann man diese negative Grundhaltung verstehen, finde ich. Ich selbst würde so etwas heute aber nicht sagen. Aber für Ned in dieser Situation sind diese Gedanken doch verständlich.

Sie sind also selbst ein eher optimistischer Mensch?

Follett: Oh, ja, auf jeden Fall.

Unsere Welt scheint aber gerade aus den Fugen zu geraten...

Follett: Ja, es gibt ein paar Echos des 16. Jahrhunderts in unserer Zeit. Im 16. Jahrhundert gab es Krieg und Gewalt, Mord und Folter. Und der Grund waren religiöse Feindseligkeiten. Das beobachten wir in unserem Jahrhundert in der Tat auch, sehr zu meinem Missfallen. Ich habe erwartet, dass die Leser diese Parallelen sehen und die Punkte verbinden zwischen dem 16. Jahrhundert, über das ich geschrieben habe, und das 21. Jahrhundert, das sie selbst erleben.

Religiöser Terror ist heute islamistischer Terror. Sind Sie beunruhigt?

Follett: Oh ja, natürlich. Jeder in der Welt ist besorgt. Sind wir nicht alle bedroht? Sind wir nicht alle bestürzt, wenn unschuldige Menschen aus idiotischen Gründe getötet werden?

Was denken Sie über Geheimdienste? Wichtige Waffe einer wehrhaften Demokratie oder gefährlicher Staat im Staate?

Follett: Sie leisten eine wichtige Arbeit und kein Staat kann auf sie verzichten. Sehr viele Terroranschläge konnten verhindert werden, weil Geheimdienste die Terrorzellen und Verschwörungen rechtzeitig bekämpfen konnten. Viele Menschenleben wurden so gerettet. Das Problem ist, dass der Geheimdienst ein geheimer Dienst und damit sehr schwer zu kontrollieren ist. Alle Premierminister und Präsidenten und Kanzler dachten immer, sie hätten ihren Dienst unter Kontrolle. Das ist jedoch eine unglaublich schwere Aufgabe. Es ist aber in einer Demokratie auch eine so wichtige Aufgabe, diese Kontrolleure zu kontrollieren.

In Ihren Büchern sind die Bösen immer sehr böse und die Guten tadellos. Trauen Sie Ihren Lesern nicht zu, Zwischentöne zu sehen?

Follett: Hmmm, ich sehe es eher nicht so. Diese Charaktere sind kompliziert. Und jeder Mensch hat auch irgendwie eine böse Seite. So ist die Welt nun einmal und böse Menschen sind oft einfach abgrundtief böse. Das heißt nicht, dass sie nicht auch charmant sein können, wie etwa Pierre in meinem Buch, ein sehr charmanter und sexy Mann. Und Ned ist nicht komplett ein Heiliger. Er macht auch Dinge, für die er sich schämt. Zum Beispiel verhört er einen Verdächtigen, während im nächsten Raum ein anderer unter der Folter vor Schmerzen schreit. Wir würden wohl alle sagen, dass das eine boshafte Tat ist, aber er macht es. Er fühlt sich schlecht dabei, macht es aber trotzdem. Er ist kein Heiliger.

Sie bekommen viel Fanpost. Aber worüber beschweren sich Leser bei Ihnen?

Follett: Oh, interessante Frage! Am meisten beschweren sich die Leute eindeutig über Sexszenen. Einige meiner Leser würden es bevorzugen, diese Teile nicht in den Büchern zu haben, die meisten wollen sie behalten, andere wollen sogar mehr. Das habe ich in Gesprächen nach Lesungen herausgefunden. Andere haben Probleme mit grausamen Szenen, mit Folter. Gerade Frauen sagen mir oft, dass sie diese Stellen überblättern. Das tut mir ehrlich leid, aber ich glaube nicht, dass es richtig wäre, sie einfach auszulassen. Ich schreibe oft über Geschichte und da war all das allgegenwärtig, Krieg, Gewalt und Tod. Ich kann es nicht einfach ignorieren.

Die letzte Frage muss natürlich lauten: Woran arbeiten Sie gerade?

Follett: Ich arbeite an einer neuen Geschichte, aber ich bin noch ganz am Anfang und deshalb möchte ich noch nichts darüber sagen. Ich habe mich noch nicht festgelegt und vielleicht lasse ich es auch. Solange ich mich nicht entschieden habe, möchte ich auch keine Details über ein neues Buch preisgeben.

»Ich wollte nicht weg von hier«, schreibt Reem Sahwil in ihrer Autobiografie. Ein Satz, der die kindliche Erinnerung von »Merkels Flüchtlingsmädchen« aus Rostock an das Flüchtlingslager Wavel in Ost-Libanon zusammenfasst. Vor allem wohl aber an die Menschen dort. »Hier in Wavel kannte ich alles, hier hatte ich meine Familie, die mir bei allem half, meine Freundin Jana, die mich unterstützte«, erzählt die heute 16-Jährige in dem 239 Seiten umfassenden Buch über ihr bisheriges Leben und die Geschichte einer palästinensischen Familie ohne wirkliche Heimat.

Öffentlich bekannt wurde die damals 14-Jährige durch die Begegnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Juli 2015 in Rostock. Vor laufender Kamera schilderte die Palästinenserin ihre Angst vor Ausweisung. Merkel antwortete, Deutschland könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Daraufhin fing Reem an zu weinen. Merkel versuchte zwar zu trösten und streichelte sie. Doch im Internet gab es damals einen Sturm der Entrüstung über die nüchterne, angeblich kaltherzige Antwort.

Das Buch zeichnet den mitunter leidvollen Weg Reems nach. Sie wird – wie ihre Geschwister – in vierter Generation in dem Flüchtlingslager Wavel geboren. Sie kommt zu früh auf die Welt. Weil die medizinische Versorgung im Lager katastrophal ist, wird sie nicht ausreichend beatmet.

Das hat Folgen. Als andere Kinder schon laufen, sitzt Reem im Rollstuhl. Bis heute ist ein Teil ihres Körpers gelähmt. Durch einen Onkel in Düsseldorf erfahren Reems Eltern von einer Stammzellentherapie, die dem Kind helfen könnte. So fliegt Reems Mutter mit dem Mädchen und dessen kleinem Bruder 2010 das erste Mal zur Behandlung nach Deutschland.

Zu sich gefunden

Es soll der Anfang einer Odyssee sein, die Reem auf jugendliche, manchmal noch kindhafte Weise beschreibt, unterstützt von der Co-Autorin Kerstin Kropac. Reem berichtet von den vielen Krankenhausaufenthalten in Düsseldorf, der Weiterreise im Zug ins schwedische Malmö, und sie erzählt von den Sorgen der Mutter, als der Vater kein Ausreisevisum bekommt. Der kommt schließlich über die Balkanroute nach Europa. Und sie erinnert sich daran, wie die Familie Schweden wieder in Richtung Deutschland verlassen muss, weil es das Dublin-Abkommen so verlangt. »Dieses Mal würden wir wie ein Boot ohne Steuerung in den Behördenwellen hin und her geworfen werden. Irgendwohin. Deutschland war groß. Und fremd«, beschreibt Reem ihr Empfinden von damals. Der Flüchtlingsverteilungsschlüssel brachte die Familie Sahwil schließlich nach Rostock. Anfangs, so schreibt Reem, sei »Rostock« ein ebenso komischer Name gewesen wie »Horst«, ein abgelegenes Dorf mit der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern. Inzwischen sei die Hansestadt aber Heimat geworden – auch dank vieler Unterstützer und Freunde, betont sie.

Die 16-Jährige kann heute selbstständig laufen, ihre Mutter arbeitet als Sozialarbeiterin. »Wir leben alle zufrieden in Rostock. Wir haben hier nicht nur unser Zuhause, vor allem auch zu uns gefunden«, schreibt Reem. Sie will nicht weg. Doch der Aufenthaltsstatus der Familie gilt, so steht es im Buch, vorerst nur bis Oktober 2017. dpa

Reem Sahwil: »Ich habe einen Traum – Als Flüchtlingskind in Deutschland«. Heyne Verlag, 240 S., 9,99 Euro, ISBN 978-3-453-60392-9

Es gibt wohl kaum eine Buchhandlung, die »Herr Lehmann« nicht auf Lager hat. Die Geschichte um Frank Lehmann und Berlin-Kreuzberg kurz vor dem Mauerfall war 2001 das literarische Debüt von Musiker Sven Regener. Es war ein Knaller, auch dank des Kinofilms mit Christian Ulmen. In der Lehmann-Trilogie folgten zwei weitere Bücher. Seine Bücher sind witzig, ohne flach zu sein: England hat Nick Hornby, Deutschland Sven Regener.

Bis heute sieht er sich als »Rockmusiker, der Bücher schreibt«. Mit seinem neuen Buch »Wiener Straße« schafft es der 56-Jährige, der aus Bremen kommt und in Berlin lebt, erstmals auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis. Darin erzählt Regener Episoden, die 1980 im Kreuzberg der leicht Verpeilten, der Hausbesetzer und Künstler spielen. Frank Lehmann, der immer noch nicht »Frankie« genannt werden will, ist darin eine von vielen Figuren. Regener wolle Herrn Lehmann nicht wie Winnetou zu Tode reiten, versichert der Verlag. Auch Lehmanns Kumpel Karl Schmidt kommt wieder vor.

Lebensgefühl der 80er

Worum es geht? Um vieles. Um das Kreuzberger Leben und die Kunst, die aus einem Stück verkohlten Kuchen mit Deutschlandfähnchen bestehen kann. Um den Gang in den Baumarkt. Um das Café Einfall in der Wiener Straße und die hochkomplexe Kaffeemaschine. Um Typen mit Namen wie Kacki, P. Immel oder H. R. Ledigt. Um Fernsehdreharbeiten mit Punks und um Schwangerschaftskurse, bei denen die Männer Umschnallbäuche bekommen, damit sie mit den Frauen mitfühlen können. Ein nostalgisches Berlin-Buch ist »Wiener Straße« nicht geworden. In welcher Zeit das Ganze spielt, setzt Regener sparsam ein. Die Leute trinken noch keinen Latte Macchiato, sondern wenn überhaupt, dann Milchkaffee, wegen Frankreich. Im Zug Richtung Berlin gibt es Ärger vom DDR-Oberfähnrich, wenn der Reisepass abgelaufen ist. Und Herr Lehmann? Der putzt das Einfall. Das Café gibt es nicht in Wirklichkeit, die Wiener Straße schon. Die Bar Madonna erinnert dort noch an BRD-Zeiten.

Im Buch kommt viel vom leicht verpeilten Kreuzberger Lebensgefühl der 80er rüber, als das Viertel noch alternativer war. Regeners Episoden zu lesen, macht Spaß – wegen der Dialoge. Mit den Figuren wird es etwas unübersichtlich. Manche würde man gerne näher kennenlernen. Aber das kann ja noch kommen. dpa

Sven Regener: »Wiener Straße«. Galiani Berlin, 304 S., 22 Euro, ISBN 978-3-462-31749-7

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