20. Dezember 2019, 14:56 Uhr

Doppelmord zu Weihnachten

Kriminalroman, philosophische Fabel, Psychogramm einer Außenseiterin: Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk wandelt zwischen den Genres und zeichnet die Konturen einer zerbrochenen Welt.
20. Dezember 2019, 14:56 Uhr
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Von DPA

Alles ist bereit für eine schöne Feier am Heiligabend im Landhaus von Sir Eustace Vernon in der Nähe des kleinen Ortes Mapleton. Mitten in einer gelungenen Feier lässt der Brite Brian Flynn seinen Krimi »Die Morde von Mapleton« beginnen. Die Gäste vergnügen sich und haben Spaß mit den Knallbonbons, die in den englischsprachigen Ländern traditionell zu Weihnachtsfeiern gehören. Dann geschieht etwas Unerwartetes: »Urplötzlich nahm Sir Eustace’ Gesicht die Farbe von Zigarrenasche an, und in seinen Augen stand eine unerklärliche Angst.« Schon nach ein paar Seiten ist klar, dass diese Feier kein glückliches Ende nehmen wird.

Und tatsächlich erschüttert schon wenige Minuten später ein Schrei die Gäste: »Ein Schrei der Angst - und mehr als nur gewöhnlicher Angst. Panik sprach aus ihm und darüber hinaus das schiere Entsetzen.« Und tatsächlich entdecken die Gäste eine Leiche. Allerdings ist der Tote nicht der Gastgeber, der die Feier überstürzt verlassen hatte. Bei dem Toten handelt es sich um den Butler. Bei der Leiche wird ein Knallbonbon gefunden. Und schon bald verrät die Leiche ein überraschendes Geheimnis.

Auch Sir Eustace wird gefunden. Die zum Landhaus gerufenen Polizisten entdecken seine Leiche in der Nähe eines Bahnübergangs. War es ein Unfall oder Selbstmord? Bevor die Ermittler diese Frage beantworten können, wird auch an dieser Leiche ein Knallbonbon mit einer düsteren Botschaft gefunden.

Die Ermittler stehen vor immer neuen Rätseln. Auch wenn der Polizeichef von Mapleton persönlich ermittelt und in dem jungen Anthony Bathurst einen intelligenten und aufmerksamen Assistenten an seiner Seite hat, so verzweifelt er doch fast an den vielen falschen Fassaden und überraschenden Informationen.

Brian Flynn (1885-1958) veröffentlichte »Die Morde von Mapleton« im Jahr 1929. Damit gehört das Buch in das Zeitalter der großen klassischen Krimiautoren wie Agatha Christie und Arthur Conan Doyle. Wie diese, so lässt auch Flynn seine Leser miträtseln, wer denn nun der Täter war und aufgrund welcher Details der Fall gelöst werden kann. Allerdings ist der Erzählstil weitaus gemächlicher und auch umständlicher, als es modernen Krimis üblich ist.

»Hier stimmt etwas Wesentliches nicht. Wir übersehen etwas Entscheidendes«, klagt Bathurst mitten in seinen Untersuchungen. Cleverer zu sein als die Ermittler und den Fall vor ihnen zu durchblicken, war immer ein Teil des Reizes der klassischen britischen Krimis. In »Die Morde von Mapleton« verbindet Flynn die Krimihandlung geschickt mit den Traditionen der Weihnachtsfeierlichkeiten. dpa

Brian Flynn: »Die Morde von Mapleton«. DuMont Buchverlag, Köln, 316 S., 18 Euro, ISBN 978-3-8321-8106-2

Zu Lebzeiten galt er als Außenseiter, seine Werke wurden kaum rezipiert. Friedrich Hölderlin (1770-1843), der große Unbekannte der deutschen Literatur, ist mittlerweile zu einer fernen Figur geworden. Die meisten dürften lediglich noch ein paar Verse des Schwaben im Ohr haben: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«, oder die Sentenz »Was bleibet aber, stiften die Dichter«, die Schlusszeile aus dem späten Gedicht »Andenken«.

Sein ambitionierter philosophischer Briefroman »Hyperion« ist, ganz anders als Goethes »Werther«, aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden, und Hölderlins einziges Drama »Der Tod des Empedokles« kennen auch höchstens noch einige Germanisten.

Am 20. März 2020 jährt sich Hölderlins Geburtstag zum 250. Mal. Aus diesem Anlass legt der Philosoph und Essayist Rüdiger Safranski eine neue, lesenswerte Biografie des Poeten vor, die sich nicht als reine Lebensbeschreibung versteht, sondern das geistig-philosophische Umfeld beleuchtet und auch etliche Werke interpretiert - ganz ähnlich wie in den großen Monografien zu Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe.

Hölderlin selbst sah sich als »Dichter in dürftiger Zeit«. Früh verlor er Vater und Stiefvater, die Beziehung zur frommen Mutter war innig, aber bis ins Erwachsenenalter belastet von der Weigerung des Sohnes, Pfarrer zu werden. Das geistliche Amt bot materielle Sicherheit, auf dem Tübinger Stift wurde der Student darauf vorbereitet. Aber Hölderlin hatte anderes im Sinn. Er gründete einen Freundschaftsbund mit seinen Zimmergenossen Hegel und dem frühreifen, hochbegabten Schelling. Sie waren entflammt von den Ideen der Französischen Revolution und verfassten gemeinsam das »älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus«. Aber die Philosophie konnte den aufstrebenden Poeten nicht ernähren.

So blieben ihm nur wechselnde Anstellungen als Hofmeister bei wohlhabenden Familien, wo der hochgebildete, sensible Hölderlin zwar für die Erziehung der Kinder zuständig war, aber letztlich zu den Dienstboten gezählt wurde. In dieser Funktion lernte er 1795 seine große Liebe Susette Gontard kennen, die Frau eines Frankfurter Bankiers. Da hatten sich zwei verwandte Seelen gefunden, aber die jahrelange Beziehung musste geheim bleiben, und war letztlich zum Scheitern verurteilt. Hölderlin blieb nur das Reich der Poesie, als Diotima taucht seine 1802 gestorbene Geliebte in vielen Gedichten wieder auf.

Prekäre Lebenssituation

Kenntnisreich entfaltet Safranski die prekäre Lebenssituation Hölderlins, der bis zu seinem endgültigen geistigen Zusammenbruch immer auch glückliche und hochproduktive Zeiten im Kreise von Freunden und Gönnern erleben durfte. Nach 1800 entstanden die großen Oden und Elegien wie »Brot und Wein«, »Andenken« oder »Patmos« und die »Vaterländischen Gesänge«, die später fälschlicherweise den Ruf Hölderlins als völkischer Nationaldichter begründen sollten.

Aber dieser Autor lässt sich nicht vereinnahmen: zu autonom sind seine Gedichte, weit entfernt von naiver Erlebnislyrik, hochkomplexe Gebilde, die sich selten auf eine Aussage reduzieren lassen. Die späte Lyrik Hölderlins hat Generationen von Interpreten beschäftigt, die Rezeptionsgeschichte kommt bei Safranski im letzten Kapitel etwas kurz. «Das Leben als Kunstwerk«, so lautete der Untertitel von Safranskis Goethe-Biografie. Im Falle Hölderlins könnte man vom Leben als Bruchstück oder Fragment sprechen.

Immer wieder muss der Dichter weiterziehen, am Ende scheint er sich entziehen zu wollen. Im Winter 1801 geht er zu Fuß von Stuttgart nach Bordeaux, um erneut eine Hauslehrerstelle anzutreten. Einige Monate später ist er wieder in Schwaben, hat allerdings, im Gegensatz zu Schiller, das Meer mit eigenen Augen gesehen.

Aber sein Glück ist aufgebraucht: Im Mai 1807 bezieht der als unheilbar aus der Klink Entlassene das Turmzimmer beim Schreinermeister Zimmer in Tübingen, wo er 36 Jahre lang bis zu seinem Tod wohnt. »Hälfte des Lebens« heißt eines der bekanntesten Gedichte Hölderlins: zwei Strophen, 14 Zeilen, erst üppige Natur, dann Winter und Kälte: »Die Mauern stehn sprachlos und kalt/im Winde klirren die Fahnen«. dpa

Rüdiger Safranski: »Hölderlin«. Hanser Verlag, München. 336 S., 28 Euro, ISBN 978-3-446-26408-3

Ihre Bücher lagen schon länger in deutschen Übersetzungen vor, aber erst mit dem Literaturnobelpreis bekommt die 1962 im polnischen Sulechów geborene Olga Tokarczuk jetzt die verdiente Aufmerksamkeit. Es gilt, eine große europäische Autorin zu entdecken, die uns einiges über die brüchige Verfassung unserer Gegenwart zu berichten hat. Im Züricher Kampa Verlag werden die Romane und Erzählungen von Olga Tokarczuk nun neu aufgelegt.

Ein guter Einstieg in ihr Werk, aus dem das über 1000-seitige historische Panorama »Die Jakobsbücher« herausragt, bildet der 2009 erstmals in Polen erschienene Roman »Gesang der Fledermäuse«. Wir lernen die wunderbar eigensinnige Ich-Erzählerin Janina Duszejko kennen, die auf einem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze lebt. Die ältere Frau lebt allein, hat nur wenige Nachbarn, und kümmert sich ansonsten im Winter um die Ferienhäuser der Städter.

Recht der Natur

Ihre große Leidenschaft ist die Astrologie, Janina berechnet für alle Menschen, denen sie begegnet, die Horoskope. Im Dorf gilt sie als schrullige Alte, obwohl sie an der Schule Englischunterricht gibt und früher sogar Ingenieurin war. Zumindest behauptet sie das. Ihren klapprigen Wagen nennt sie »Samurai«, als würde sie damit in den Krieg ziehen.

Der Roman beginnt mit dem Tod ihres Nachbarn Bigfoot, eines brutalen Jägers und Einzelgängers, der an einem Rehknochen erstickt ist. Janina dagegen respektiert die Tiere, isst kein Fleisch und verachtet die Ignoranz und Brutalität ihrer Mitmenschen gegenüber der Natur: »Hat eine Distel kein Recht auf Leben oder eine Maus, die in Lagerräumen Getreidekörner frisst? Bienen und Drohnen, Unkraut und Rosen«, fragt sich die Ich-Erzählerin, für die alles Kreatürliche sein eigenes Recht besitzt.

Die Tiere rächen sich

Janina scheint sich immer mehr in ihre eigene Welt zurückzuziehen. Sie erforscht die ewige Ordnung der Sterne, aber auf der Erde sieht sie nur Defizite und Bruchstücke. Dann wird der örtliche Kommissar tot im Brunnen gefunden, und es folgen weitere mysteriöse Todesfälle. Alles Männer, alles Jäger, korrupte Gestalten. Für Janina liegt die Sache klar auf der Hand: Die Tiere rächen sich.

Klug hält der Roman, der ganz aus der eher diffusen Perspektive der Ich-Erzählerin geschrieben ist, die Balance zwischen einem Realismus, der die Härten des polnischen Winters schonungslos zeigt, und übernatürlichen Elementen, die in den Fugen dieser zerbrochenen Welt immer wieder aufblitzen.

Janina ist hochintelligent, hat aber nach Meinung der Leute einen »Sprung in der Schüssel«. Sie erfindet Namen für ihre Nachbarn, nennt den lärmigen Ortsgeistlichen »Pfarrer Raschel« oder die nette Verkäuferin im Secondhand-Laden »Buena Noticia«. Und dann darf sich Janina sogar kurzzeitig in einen Käferforscher verlieben, ein Joint kommt dazu, es ist Frühling, und in den düsteren, aber auch humorvollen Roman fällt ein heller Sonnenstrahl.

Tokarczuk jongliert meisterhaft mit den Genres, kombiniert Elemente des Kriminalromans mit philosophischen Passagen und dem faszinierenden Psychogramm einer Frau, die nicht verstehen mag, warum Menschen sich über die Natur stellen. Polen wird für sie dann zum »Land der neurotischen Individualisten«, auch die katholische Kirche und deren Bigotterie kann sie nicht ausstehen. Bis zum überraschenden Finale entwickelt dieser »Gesang der Fledermäuse« schließlich einen sirenenhaften Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Olga Tokarczuk: »Gesang der Fledermäuse«. Aus dem Polnischen von Doreen Daume. Kampa Verlag, Zürich, 307 S., 24 Euro, ISBN 978-3-311-10022-5



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