04. Oktober 2019, 15:35 Uhr

Der Kritiker als besserer Autor

Der Schriftsteller und sein Kritiker - eine Liebesbeziehung ist das selten. Im Fall von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki wurde es ein Zweikampf und ein über die Jahrzehnte öffentlich ausgetragenes Duell, wie es Volker Weidermann in seinem neuen Buch nennt.
04. Oktober 2019, 15:35 Uhr
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Von DPA
Beharkten sich ein Leben lang: Autor Günter Grass (r.) und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. (Foto: dpa)

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass (»Die Blechtrommel«) und der »Star-Kritiker« Marcel Reich-Ranicki lieferten sich über Jahrzehnte ein öffentlich ausgetragenes Duell, das nicht nur Literaturgeschichte geschrieben hat. Mit den Kapiteln Warschauer Getto und Waffen-SS beschwor es auch die dunklen Schatten der jüngeren deutschen Vergangenheit herauf. Der »Spiegel«-Autor Volker Weidermann, Gastgeber des aktuellen »Literarischen Quartetts« und damit Nachfolger von Reich-Ranicki, hat die Geschichte und Geschichten der beiden jetzt in seinem neuen Buch »Das Duell« aufgeschrieben.

Dabei lässt Weidermann über weite Strecken des Buches noch einmal beider Lebensläufe Revue passieren, die in dieser geglückten Collagentechnik auch äußerst lebendig jüngere deutsche Geschichte widerspiegeln. Der in Polen 1920 geborene, in Berlin zur Schule gegangene, 1938 ausgewiesene und in den 50er Jahren in die Bundesrepublik gegangene Thomas-Mann-Verehrer Reich-Ranicki war Überlebender des Warschauer Gettos. In der Bundesrepublik konnte Reich-Ranicki den »Wunschtraum meiner Jugend«, wie er schreibt, »in Deutschland als Kritiker deutscher Literatur zu arbeiten«, verwirklichen.

Der in Danzig 1927 geborene jugendliche NS-Anhänger und »Hitlerjunge« Grass, der bis zum Schluss an Hitlers »Endsieg« glaubte, wurde noch in den letzten Kriegstagen als 17-Jähriger Angehöriger der Waffen-SS, was erst 2006 durch sein Buch »Beim Häuten der Zwiebel« öffentlich wurde. Beider Geschichten wurden schon längst ausführlich erzählt, lesen sich aber in Weidermanns Zusammen- und Gegenüberstellung als verblüffend dichte deutsche Zeitchronik in sehr lebendiger Form, wenn auch manchmal nicht ohne dichterische Freiheiten bei atmosphärischen Schilderungen oder mit Pathos.

Weidermanns Buch ist auch ein literarischer Spaziergang durch die wechselvolle Werkgeschichte des Literaturnobelpreisträgers, wobei er bemerkenswerterweise »Das Tagebuch einer Schnecke« als das »autobiografischste Buch« von Grass bezeichnet, mehr noch als »Beim Häuten der Zwiebel«, weil es unter anderem die Wahlkampfauftritte des Schriftstellers in Erinnerung ruft und weil es auch die Geschichte der Danziger Juden in der NS-Zeit und ihr Verschwinden schildert.

Seltsame »Hassliebe«

Die seltsame »Hassliebe« zwischen Autor und Kritiker beginnt mit Reich-Ranickis Ablehnung der 1959 allgemein als sensationell aufgenommenen »Blechtrommel« als »Schaumschlägereien« auf einer »Trommel aus Blech«. Das Buch sei kein guter Roman, »doch in dem Grass scheint - alles in allem - Talent zu stecken«. Die »Hassliebe« findet ihren Höhepunkt im Verriss der Treuhand-Fontane-Parabel als Roman eines deutschen Jahrhunderts, »Ein weites Feld« 1995, wo Reich-Ranicki allerdings zur Mehrheit der kritischen Stimmen gehörte.

In seiner »Blechtrommel«-Kritik vom Januar 1960, die er später teilweise revidieren wird, wurde schon Reich-Ranickis Neigung deutlich, dem Schriftsteller mit einer Rezension auch »gute Ratschläge« zu geben und am Beispiel bestimmter Stellen zu zeigen, wie man ein besseres Buch schreibt - der Kritiker als der bessere Autor sozusagen. Mit seiner 1999 erschienenen Autobiografie »Mein Leben« gelang Reich-Ranicki übrigens auch zu seiner eigenen Überraschung ein sensationeller Bestseller.

Das Verhältnis zwischen Grass und Reich-Ranicki bleibt nicht nur auf literarischem Gebiet spannungsreich und misstrauisch: »Was sind Sie denn nun eigentlich - ein Pole, ein Deutscher oder wie?« fragt Grass 1958 den in Polen geborenen Reich-Ranicki bei ihrer ersten Begegnung bei einer Tagung der »Gruppe 47«. Mit dieser Begegnung beginnt Reich-Ranicki bezeichnenderweise auch seine Autobiografie »Mein Leben«.

Zur deutschen Nachkriegsliteratur und zu deren Protagonisten wie Günter Grass wird sich Reich-Ranicki ab 1960 permanent zu Wort melden, und das immer lautstärker. Zu den Versuchen, ihn von der »Gruppe 47« wieder fernzuhalten, schreibt Weidermann: »Er wird bleiben. Und zwar laut.« Auch im Fall Grass. Es sei bedauerlich, sagt Grass auf einer Tagung der »Gruppe 47« in Anwesenheit Reich-Ranickis, dass das deutsche Scheidungsrecht keine Trennung zwischen Autor und Kritiker vorsehe und er offenbar ein Leben lang »an diesen Mann gekettet« sei. Der »berühmteste Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur, auf seine Weise der Nachfolger auf dem Stuhl von Thomas Mann« (Fritz J. Raddatz) sieht sich als lebenslängliches Opfer der Kritik, bei Reich-Ranicki sieht er sogar Größenwahn im Spiel nach dessen Fernsehkarriere.

»Recht haben Sie, so ist es«, kontert der »Großkritiker«, denn »ohne Größenwahn gibt es keine Kritik - und das gilt natürlich auch für mich, und gibt es ohne Größenwahn Literatur?« Vielleicht sei es ja gerade der Größenwahn, der sie beide verbinde.

Volker Weidermann: »Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki«. Kiepenheuer & Witsch, 310 S., 22 Euro, ISBN 978-3-462-05109-4



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