16. Juni 2017, 16:32 Uhr

Canetti als ein großes Vorbild

16. Juni 2017, 16:32 Uhr

Wie ist das: Stoßen auch Kreative und Kunstschaffende bisweilen an ihre Grenzen? Für den marokkanischen Schriftsteller und Maler Mahi Binebine keine Frage: Ja! Bei ihm war’s, als er 2005 in den Slums von Casablanca für den Roman »Die Engel von Sidi Moumen« recherchierte. Abertausende Kinder und Jugendliche leben dort bildungsfern in Baracken, mehr oder weniger im Müll, haben keine Chance auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben – und sind ideale Opfer für Rattenfänger des islamistischen Terrors. »Ich musste eine Pause machen, mich einem anderen Sujet zuwenden«, sagte der 1959 geborene Autor jüngst bei Lesungen in Frankfurt. Was lag näher, als sich seiner Heimatstadt zu widmen? Binebine schrieb »Le griot de Marrakech«; auf gut 100 Seiten erzählt er darin unter anderem aus Kindheit und Jugend im Riad Zitoun Lakdim, einer Straße zwischen der Place des Ferblantiers und dem Djemaa el-Fna, dem großen Platz der Gaukler, der Geschichtenerzähler und der Garküchen. Sein großes Vorbild sei dabei Elias Canetti gewesen. Dessen famoses Büchlein »Die Stimmen von Marrakesch« (1967), verfasst nach nur dreimonatigem Aufenthalt, sei ein Meisterwerk des Beobachtens und Formulierens, sei geradezu ein Geniestreich. Binebine hat vom Vorbild gelernt. Wer in Lucien Leitess’ Marokko-Anthologie »Kulturkompass« (2008) Binebines Aufsatz »Hinter den Mauern von Marrakesch« liest, wird feststellen, dass vom eigentlich schon angesehenen »Lehrling« eine ebenfalls vorzügliche Arbeit abgeliefert wurde.

Binebine war aus Anlass des Tages der Literatur zu Gast beim Frankfurter Verein »Alondra Institute«, trat im »Haus des Buches« auf und tags darauf in der »Denkbar« im Nordend, einem, wie es heißt, Ort des öffentlichen Nachdenkens. Vorstandsmitglied Peter Ripken nannte seinen Gesprächspartner einen Visionär: Das 1999 erschienene Buch »Kannibalen« habe die oft tödlich endenden Fluchtversuche übers Mittelmeer thematisiert, als man diese Tragödie in Europa noch kaum richtig wahrgenommen habe. Binebine bringe seine Leserschaft – auch in Marokko – in Bewegung, weil er sich mit kritischen Tendenzen und krisenhaften Entwicklungen beschäftige. Fürwahr. Das trifft dann auch auf den mittlerweile verfilmten Roman »Die Engel von Sidi Moumen« und auf den aktuellen Roman »Der Himmel gibt, der Himmel nimmt« zu.

Zum Betteln erzogen

Zwar ironisch geschrieben, was bisweilen irritieren kann, legt die Geschichte den Finger in eine der größten Wunden des Landes. Ein Kind wird zum Betteln erzogen. Um dies zu erreichen, unterstützt die Mutter den krüppelhaften Wuchs des Jungen, lässt seinen Körper nicht zur Entfaltung kommen. Doch der Erzähler befreit sich aus seinen Fesseln – indem er lernt, sich also Wissen aneignet! Bildung als Schlüssel für den Weg nach vorn. »Ich fand Zuflucht im Höheren, im Blätterwerk meiner Gedanken, weit weg von dem (...) Bienenkorb, zu dem ich nicht mehr gehörte. Die Meinen wurden zu Fremden, die ich von oben herab betrachtete.«

Im Kern dreht sich auch »Die Engel von Sidi Moumen« um diesen Ansatz: Kann Bildung dazu beitragen, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten? Sich den jungen Menschen in den Bidonvilles von Casablanca zuzuwenden, hatte Binebine nach dem Anschlag 2013 in der marokkanischen Metropole beschlossen. 45 Tote und rund 100 Verletzte, das habe ihn nicht ruhen lassen, sagte er in Frankfurt. Fortan habe ihn die Frage bewegt, wie man zum Terroristen wird.

Der Protagonist ist »Jaschin«, ein Straßenfußballer, der beste Torhüter der Siedlung namens Sidi Moumen. Binebines Strategie: Gleich zu Beginn lässt er seinen Erzähler sterben, um dann die Geschichte retrospektiv aufzurollen. Den direkten Weg ins Paradies habe er nehmen wollen, der Selbstmordattentäter – und dann im Jenseits gemerkt, dass damit auch der Tod verbunden war, das Ende. Trotz Ernsthaftigkeit des Anliegens, auch hier überwiegt der scharfzüngige Ton. Die »Magie der Literatur« und »die Zauberkraft der Kunst« machten es möglich, das Thema ganz eigen, eben anders anzupacken, sagte Binebine in Frankfurt. »Aber glauben sie mir: Selbst als ich schrieb, habe ich gehofft und gezittert, dass ›Jaschin‹ nicht von seinem Tod erzählt, dass er lebt.«

Sein Anliegen sei es, unterstrich der Autor, »die Jugendlichen zu entteufeln: Dort, wo sie hausen, da haben sie nichts – außer dem Müll, in dem sie leben. Sie sind ohne positiv stimmende Perspektive, sind Opfer und keine Ungeheuer. Sie brauchen Schutz.« Stattdessen lasse der Staat 300 000 Menschen in den Slums leben, ohne Licht, Wärme und Wasser. »Gleichwohl will ich den Terrorismus nicht legitimieren. Das geht nicht, durch nichts!« Die Kinder würden »von einer religiösen Mafia geködert«.

Verstehen müsse man auch jene, die sich dem entziehen könnten und stattdessen, wie in »Kannibalen« dargelegt, übers Mittelmeer fliehen wollten. »Die sehen täglich im Fernsehen oder im Internet die reiche Welt, sehen die Frauen … sehen auch Pornos. Die fantasieren sich einen eigenen Kosmos zusammen.« Irgendwie, dies habe er oft gehört, gehe es weniger ums wirtschaftlichere Wohlergehen in Europa: »Aber sie haben das Träumen verlernt bei sich zu Hause.«

Er selbst, räumte Binebine ein, hatte mehr Glück im Leben. »Ohne meinen Hintergrund … da hätte ich einer von denen werden können.« Er aber hatte auf die Bildung gesetzt, war 1980 nach Paris gegangen, um sein in der Heimat begonnenes Mathematikstudium fortzusetzen. Mit Erfolg. Er wurde in Frankreich Lehrer, vertiefte sich daneben jedoch mehr und mehr ins Schreiben und in die Malerei. 1994 bis 1999 lebte er in New York, wo – Chapeau! – einige seiner Bilder im Guggenheim-Museum zur ständigen Ausstellung zählen. Später zog es ihn wieder nach Marokko, ohne allerdings die Wohnung in Paris aufzugeben. Hauptwohnsitz heute ist Marrakesch. Binebines Atelier namens »Al Maqam« findet sich in Tahnaout an der Straße Richtung Atlasgebirge. Als inspirierende »Schreibwerkstatt« dient ihm ein Häuschen in Diabat bei Essaouira.

Vergessen hat er die, über die er schreibt und geschrieben hat und von deren Schicksal er ein, wie er einräumt, gutes Einkommen generieren konnte, keineswegs. Beim Dreh von »Les Chevaux de Dieu«, der auch im Oscar-Wettbewerb nominierten »Sidi Moumen«-Verfilmung, hatten er und Regisseur Nabil Ayouch beschlossen, mithilfe weiterer Freunde einer Stiftung zu gründen, in der Absicht, mit deren Geld Jugend-Kulturzentren zu bauen und zu betreiben. Eines in Casablanca sei bereits fertig, vermittle insgesamt etwa 1000 Kindern Literatur und Filmkunst, Fotografie, Fremdsprachen und Malerei – also Erziehung und Bildung.

»Das sind 1000 Kinder, die wir dem Terrorismus weggenommen haben«, betonte Binebine und ergänzte, dass zu »Wir« auch die Allianz- und die Heinrich-Böll-Stiftung in Deutschland zählten. Das nächste Kulturzentrum entstehe in der Nähe von Tanger; dann habe man Fes und Marrakesch auf dem Schirm.

So bewegend wie das Leben und das Werk, so war auch der Abend mit Mahi Binebine in der kleinen »Denkbar«. Mit Kunst-Bonus für all jene, die sich ein Buch signieren ließen: Jede und jeder bekam zur Widmung eine individuell gefertigte Zeichnung. Norbert Schmidt

Die im Text erwähnten Bücher von Mahi Binebine: »Kannibalen« (1999), beim Unionsverlag vergriffen, noch erhältlich in der Ausgabe des Haymon Verlages von 2003; »Die Engel von Sidi Moumen« (2010), Verlag Lenos; »Der Himmel gibt, der Himmel nimmt« (2016), Verlag Lenos. mahibinebine.com

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