06. Oktober 2017, 15:23 Uhr

Blick auf den Frankreich-Büchertisch

06. Oktober 2017, 15:23 Uhr

Das hört sich gut an, kann einen aber auch erschlagen: 180 Autoren, die in französischer Sprache publizieren, werden nach Angaben der Buchmesse-Leitung aus Anlass des Frankreich-Ehrengastauftrittes erwartet während der kommenden Woche. Darunter Philippe Dijan, Michel Houellebecq, Édouard Louis, Yasmina Reza, Leïla Slimani und Amélie Nothomb. Nahezu 150 deutschsprachige Verlage haben mehr als 550 Titel aus dem Französischen ins Deutsche übertragen. Bald 270 Verlage und Aussteller aus Frankreich und französischsprachigen Ländern schlagen auf.

Der Büchertisch ist also randvoll. An dieser Stelle unterbreiten wir daraus eine kleine Auswahl an Neuem, das an langen Abenden zu lesen und hier im Blatt vorzustellen wir uns vornehmen werden.

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Von Leïla Slimani , einem neuem Literatur-Star Frankreichs, war hier vor vier Wochen die Rede: »Dann schlaf auch Du« ist harte Kost. Diese Geschichte einer Familie mit Nanny ist zudem so überzeugend, dass die aus Marokko stammende Autorin dafür 2016 den Prix Goncourt gewann. Vertieft werden muss auch nicht der auf dieser Seite bereits formulierte Hinweis auf Annie Ernaux und »Die Jahre« sowie Didier Eribon und »Gesellschaft als Urteil« .

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Suhrkamp legte im August ein weiteres Buch von Marie NDiaye vor: »Die Chefin« heißt der »sinnliche, subtile und elegante Roman einer Köchin«. Klingt gut. Eine Frau aus bescheidenen Verhältnissen eröffnet in Bordeaux ein Restaurant und wird schnell mit einem Stern ausgezeichnet. Welche Künste hat sie gelernt und neu interpretiert? Wie ist sie zur berühmten Chefköchin geworden? Die Autorin gibt Antworten, nimmt »die Leser mit auf eine biografische Erkundungsreise, die sich – aufgrund der Sprache, der rhythmischen Satzgebilde, dem Ausgreifen in alle Bedeutungsnuancen, der Verzögerung im Erzählablauf und durch die alles umfassende Bewegung der Sprache – in ein Erlebnis verwandelt«.

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»Der Triumph der Literatur über die Niederlagen, die das Leben bereithält«, schrieb »Le Monde« 2015 über Sophie Divrys Improvisationsroman »Quand le diable sortit de la salle de bain« , der Ende September bei Ullstein in deutscher Übersetzung erschien. Ausgangspunkt: Journalistin Sophie – ja! – verliert ihre Festanstellung bei einer Tageszeitung, will, um zu überleben, ihren ersten großen Roman schreiben. Doch es reicht (zunächst) nicht bis hin. »Aus den misslichen Abenteuern einer jungen Arbeitslosen zaubert Divry eine sprachmächtige, verspielte und zugleich hinreißend bissige Gesellschaftskritik«, urteilte ein Kritiker.

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Geschichte liegt auch auf dem Büchertisch: In »Das Versteck « (Hanser Verlag) erzählt Christophe Boltanski die Geschichte seiner jüdischen Familie in der Pariser Rue de Grenelle. Im Hof des Hauses steht ein kleiner Fiat 500, den die Oma schwungvoll fährt, weil man dann nichts von ihrer Gehbehinderung merkt. Im Parterre führt Opa seine Arztpraxis, seit er seine Stelle in einem Pariser Krankenhaus verlor. Er erkannte die Gefahr unter der Herrschaft des Nationalsozialismus erst spät. Seine Frau griff zu einer List: Sie ließ sich offiziell scheiden und versteckte ihren Mann in einem Gelass zwischen Bad und Schlafzimmer.

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Am Ende noch dieser Tipp, nachgerade für die Sparte der Frankophilen mit Maghreb-Affinität: »Die Großmächtigen« (Aufbau Verlag) von Hédi Kaddour . In den frühen 1920ern schien die Welt in der Stadt Nahbès zu aller Zufriedenheit aufgeteilt – bis in dem Wüstenort ein US-amerikanisches Filmteam aufschlägt. Für einen Moment begegnen sich die Amerikanerin Kathryn und Raouf, der Sohn des Caïd, die junge Witwe Ranja, der altersmilde Kolonialist Ganthier und die kesse Pariser Journalistin Gabrielle in einer ebenso unbeschwert wie abenteuerlich anmutenden Utopie – ehe der Autor einen jeden wieder an seinen Platz verweist. Das Buch berge den »Zündstoff einer ganzen Epoche«, sei »ein großer Weltroman«, meinte »Le Monde des Livres«.

Dann wollen wir mal schauen. Ach was: Lesen wollen wir! Tagelang. Nächtelang. (no)

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