03. November 2017, 10:27 Uhr

Jugend unter Assad

Als man Hitler besänftigen wollte Ein Buch über Freiheit 18 Jahre mit Neonazis

Herbst 1938: Europa steht wegen der Sudetenkrise am Rand eines Krieges. Robert Harris erzählt in seinem neuen Polit-Thriller die Geschichte eines hoffnungsvollen Scheiterns.
03. November 2017, 10:27 Uhr
Ernste Gesichter bei der Münchner Konferenz 1938 – schon im März des Folgejahres brach Hitler (Mitte) mit der Besetzung der »Resttschechei« die Beschlüsse, die den Frieden sichern sollten: v. l. Arthur Neville Chamberlain (Großbritannien), Edouard Daladier (Frankreich), Benito Mussolini (Italien) und Graf Galeazzo Ciano (Italien). (Foto: dpa)

Der Zweite Weltkrieg wirft 1938 seine Schatten voraus. Adolf Hitler droht mit dem Einmarsch der Wehrmacht in der Tschechoslowakei, sollte das Sudetenland mit seiner mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung nicht an das Dritte Reich abgetreten werden. In dieses Spannungsfeld aus Diplomatie und Kriegsdrohung setzt Erfolgsautor Robert Harris seinen neuen Roman »München«.

Es ist nicht das erste Mal, dass der 60-jährige Brite über Nazi-Deutschland schreibt. In seinem Bestseller-Debüt »Vaterland« erzählt Harris eine dunkle Alternativ-geschichte: Wie würde eine Welt zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg aussehen, wenn Deutschland gewonnen hätte? In »München« allerdings beackert er ein Feld, das Historiker präzise erschlossen haben.

»September 1938, das war der günstigste Augenblick«, soll Hitler Anfang 1945 im Rückblick auf das Jahr vor Kriegsausbruch gesagt haben. Zwar steht damals Europa tatsächlich vor dem Abgrund der Gewalt, doch wird diese durch die Zugeständnisse an Deutschland auf der Konferenz in München vorerst noch abgewendet.

Nebencharaktere im Fokus

Wie bereits in seiner Cicero-Trilogie (in der Privatsekretär Tiro als Ich-Erzähler fungiert) blickt Harris auch in »München« durch die Augen kleiner Nebencharaktere auf die große Weltgeschichte: Der Beamte Hugh Legat hat als Sekretär direkten Zugang zum britischen Premierminister Neville Chamberlain. Sein alter Freund aus Studienzeiten, der preußische Aristokrat Paul von Hartmann, arbeitet im Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches.

Beide sind geradewegs involviert in die Geschehnisse, die sich zwischen dem 27. und 30. September 1938 erst in London und Berlin, später in München abspielen. Dort vereinbaren Großbritannien und Frankreich mit Deutschland und Italien, dass das Sudetenland friedlich an das Dritte Reich angegliedert wird. Premier Chamberlain verkündet bei seiner Rückkehr nach London: »Frieden für unsere Zeit.«

Doch lehrt die Geschichte, dass diese Hoffnung im Keim erstickt wird: Kein Jahr später ist die restliche Tschechoslowakei zerschlagen, im Herbst 1939 beginnt mit dem Einfall der Wehrmacht in Polen der Sturm über Europa. Die Appeasement-Politik Chamberlains scheitert, Zugeständnisse bewahren die Welt nicht vor dem deutschen Vernichtungskrieg.

Doch was will Harris mit dem Roman sagen? Warum behandelt er gerade jetzt diesen Stoff? Worin liegen die Verweise in die heutige Zeit? Antworten darauf gibt er im Roman keine. Dabei ist der Brite ein sehr politischer Mensch. Immer wieder kommentiert er die Entscheidungen seines Landes. So gilt er als Kritiker von Premierministerin Theresa May und des Brexit.

In »München« wird Harris fast schon zu einem Dokumentar, der Roman zum Vergrößerungsglas. Dort aber, wo der Autor in den Nischen der Geschichte Platz für fiktionale Elemente entdeckt, lässt er seinen beiden Protagonisten die nötigen Freiräume. Beide bewahren ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Zudem geht es in einem anderen Nebenstrang um eine Revolte gegen Hitler. Eine kleine Gruppe um Hartmann wünscht sich den Kriegsbefehl gegen die Tschechoslowakei. Dann, so glauben sie, würde die Militärführung putschen.

Harris macht seinen Roman zu einem kurzweiligen Seitenwender. Anders als bei »Vaterland« gibt es in »München« keine alternative Geschichte. So bleibt einer von Hartmanns Sätzen in Erinnerung: »Schrecklich, diese Hoffnung. Ohne wären wir alle viel besser dran.«

Robert Harris: »München«. Heyne, München, 432 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3453271432.

Wer Rafik Schami liest, fühlt den historischen Boden in den Gassen von Damaskus, schmeckt die gefüllten Fladenbrote der fürsorglichen Mütter und hört die Melodien auf der Laute. Auch in seinem neuen Roman »Sami und der Wunsch nach Freiheit« nimmt der Autor, der in Syrien aufwuchs und 1971 nach Deutschland kam, den Leser mit auf eine abenteuerliche Reise gen Osten. Doch es liegt ein dunkler Schatten über der Geschichte, der zusehends bedrohlicher wird: Das Regime mit seinen brutalen Geheimdiensten kommt Seite für Seite näher an die Protagonisten des Romans heran.

Im Zentrum der Geschichte stehen der Ich-Erzähler Scharif und sein bester Freund Sami. Die beiden Jungs sind, so heißt es im Roman, »die einzigen Zwillinge der Welt, die zur gleichen Stunde, aber von zwei verschiedenen Müttern zur Welt gebracht worden waren«. Zwischen Torheiten aus kindlichem Übermut, Baden im Hammam und ersten Verliebtheiten wird die Allgegenwart des unbarmherzigen Staatsapparates schnell klar. Etwa als die Kinder in der Schule jeden Morgen »Unser Präsident herrscht ewig« schreien müssen.

Syriens Präsident Baschar al-Assad nennt Schami im ganzen Roman kein einziges Mal – wohl eine Beleidigung durch Nichtnennung. Aber die willkürlichen Festnahmen, die ständige Gewalt durch Staatsdiener und die Durchdringung der Gesellschaft mit Spitzeln beschreibt er im Detail. Die Unterdrückung kleidet ein Lehrer von Sami in diese Worte: »Wir träumten alle davon, Schmetterlinge zu werden, doch man will uns nur als Raupen leben lassen.«

Vertrieben wird »Sami und der Wunsch nach Freiheit« als Jugendbuch, aber Rafik Schamis Kunst des Geschichtenerzählens zieht die Erwachsenen genauso in seinen Bann, auch wemm der 71 Jahre alte Autor seinen Roman eigentlich gezielt an Jugendliche richtet. Er habe große Hoffnung, dass dadurch deutsche Jugendliche Jugendlichen aus der Dritten Welt näherkommen würden. Bei einer Erzählung der Geschichte in Wiesbaden bestand das Publikum nach Schamis Worten aus »Jugendlichen, älteren und sehr alten Menschen«. Und sie alle hingen an seinen Lippen, sodass er, wenn er an einer spannenden Stelle scherzhaft fragte, »soll ich weitererzählen?«, immer gebanntes Nicken erntete. Doreen Fiedler

Rafik Schami: »Sami und der Wunsch nach Freiheit«, Beltz & Gelberg, Weinheim, 320 Seiten, 17,95 Euro. ISBN: 978-3407823199.

»Ich habe meine ersten 18 Jahre mit Nazis verbracht«, schreibt Heidi Benneckenstein. »Nicht aus sicherer Distanz und nicht für ein, zwei Jahre in der Pubertät, sondern mittendrin, ausschließlich und von Anfang an. Ich wurde von ihnen erzogen und aufs Leben vorbereitet. Ich wurde von ihnen geschlagen und drangsaliert, gelobt und belohnt.«

Heidi Benneckenstein geb. Redeker ist eine Insiderin, die die Parallelwelt der nationalen Rechten fast zwei Jahrzehnte lang intensiv erlebt oder vielmehr durchlitten hat, bevor sie den Absprung schaffte. Vor allem aber ist sie eine junge Frau, die zu reflektieren versteht und die ihr »Leben in einer Neonazi-Familie« heute kritisch durchleuchtet. Das macht ihre Autobiografie »Ein deutsches Mädchen« so lesenswert.

Die heute 25-Jährige stammt aus einem strammen Neonazi-Elternhaus. Nach außen hin gaben sich die Redekers zwar als freundliche bayerische Beamtenfamilie, innen jedoch wurde eine völkisch-rückwärtsgewandte und hasserfüllte Ideologie gepflegt: der Bücherschrank voller Nazi-Literatur, der Vater ein eifriger Holocaust-Leugner. Den Urlaub verbrachte die Familie entweder in Ungarn, »weil die immer ordentliche Nationalsozialisten waren«, oder in Ostpreußen, wo der Vater sich mit Gleichgesinnten traf, um ein Siedlungsprojekt zur »Regermanisierung« zu fördern.

In der Schule fällt Heidi unangenehm auf, als sie ihrer Grundschullehrerin eine einschlägige Liederfibel mit allen drei Strophen des Deutschlandliedes unter die Nase hält. Wirklich gespenstisch sind die Schilderungen über ihre Ferienlager bei der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ). Diese rechtsextreme Jugendorganisation wurde 2009 vom Bundesinnenministerium verboten. Kein Wunder, denn in den Zeltlagern der HDJ ging es zur Sache: Vorträge zur Rassenkunde, Vorführung des berüchtigten NS-Propagandafilms »Der ewige Jude«, angereichert mit den Versen eines Nazidichters.

Dazu bei den sportlichen Aktivitäten ein erbarmungsloser militärischer Drill: »Die Atmosphäre in den Lagern war elitär und von Angst geprägt. Sie diente dazu, dass wir uns einer auserwählten Minderheit zugehörig fühlen konnten.« Saufgelage waren hier verpönt. Bei anderen Neonazi-Gruppen, die Heidi Benneckenstein kennenlernte, war Saufen dagegen ein Teil der Lebensphilosophie. Mit Alkohol und Sprücheklopfen kompensieren viele junge Rechte ihre tief sitzende Unsicherheit und ihre Angst vor Frauen, meint die Autorin.

Als sie nach Passau übersiedelt, um eine Ausbildung zu beginnen, hat sie erstmals Kontakt mit der NPD, einem Stammtisch aus »einem Dutzend älterer Herren in Blousonjacken und bequemen Halbschuhen sowie fünf, sechs jüngeren Typen zwischen 20 und 30«. Sie erlebt einen zerstrittenen Haufen mit Leuten voller Profilneurosen.

In dem Buch tauchen viele bekannte Namen der rechten Szene auf, auch Ralf Wohlleben kommt vor (»extrem sonderbar«), derzeit Mitangeklagter im Münchner NSU-Prozess. Es wird klar, wie gut vernetzt die Neonazis sind. Man kennt sich, beobachtet sich, bekämpft sich. Einzusteigen ist deutlich leichter als auszusteigen. Wenn man drin ist, bietet die Szene nicht zuletzt auch soziale Sicherheit.

Heidi Benneckenstein beschreibt eindrücklich, wie sehr sie unter ihrer fremdbestimmten Kindheit und Jugend litt, wie ihr erste Zweifel an ihrem Weltbild kamen, sie aber immer wieder in die rechte Gemeinschaft zurückgezogen wurde. Viele Anläufe waren nötig, bis sie den Ausstieg schaffte. Den Wendepunkt stellt letztlich ihre Schwangerschaft mit kaum 17 Jahren dar. Eine Nazi-Zukunft möchte sie ihrem Kind nicht zumuten. Denn an ihrer eigenen Kindheit und Jugend war nichts, »worauf ich stolz und wofür ich dankbar sein konnte«. Die Aussteigerhilfe Bayern unterstützt sie und ihren Mann, den Liedermacher Felix, früher als »Flex« Star der rechten Szene. Diese sieht nun in beiden »Verräter«. Heidi Benneckenstein arbeitet heute in München als Erzieherin.

Ihre Biografie ist in der derzeit aufgewühlten Debatte um das Erstarken der Rechten ein wichtiger Beitrag. Denn ohne Selbstmitleid, mit nüchternem und klarem Blick, bietet die Autorin seltene Einblicke in eine erschreckende rechte Parallelwelt. Sybille Peine

Heidi Benneckenstein: »Ein deutsches Mädchen«. Tropen, Berlin, 252 Seiten, 16,95 Euro, ISBN: 978-3608503753.

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