03. November 2017, 10:19 Uhr

18 Jahre mit Neonazis

03. November 2017, 10:19 Uhr

»Ich habe meine ersten 18 Jahre mit Nazis verbracht«, schreibt Heidi Benneckenstein. »Nicht aus sicherer Distanz und nicht für ein, zwei Jahre in der Pubertät, sondern mittendrin, ausschließlich und von Anfang an. Ich wurde von ihnen erzogen und aufs Leben vorbereitet. Ich wurde von ihnen geschlagen und drangsaliert, gelobt und belohnt.«

Heidi Benneckenstein geb. Redeker ist eine Insiderin, die die Parallelwelt der nationalen Rechten fast zwei Jahrzehnte lang intensiv erlebt oder vielmehr durchlitten hat, bevor sie den Absprung schaffte. Vor allem aber ist sie eine junge Frau, die zu reflektieren versteht und die ihr »Leben in einer Neonazi-Familie« heute kritisch durchleuchtet. Das macht ihre Autobiografie »Ein deutsches Mädchen« so lesenswert.

Die heute 25-Jährige stammt aus einem strammen Neonazi-Elternhaus. Nach außen hin gaben sich die Redekers zwar als freundliche bayerische Beamtenfamilie, innen jedoch wurde eine völkisch-rückwärtsgewandte und hasserfüllte Ideologie gepflegt: der Bücherschrank voller Nazi-Literatur, der Vater ein eifriger Holocaust-Leugner. Den Urlaub verbrachte die Familie entweder in Ungarn, »weil die immer ordentliche Nationalsozialisten waren«, oder in Ostpreußen, wo der Vater sich mit Gleichgesinnten traf, um ein Siedlungsprojekt zur »Regermanisierung« zu fördern.

In der Schule fällt Heidi unangenehm auf, als sie ihrer Grundschullehrerin eine einschlägige Liederfibel mit allen drei Strophen des Deutschlandliedes unter die Nase hält. Wirklich gespenstisch sind die Schilderungen über ihre Ferienlager bei der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ). Diese rechtsextreme Jugendorganisation wurde 2009 vom Bundesinnenministerium verboten. Kein Wunder, denn in den Zeltlagern der HDJ ging es zur Sache: Vorträge zur Rassenkunde, Vorführung des berüchtigten NS-Propagandafilms »Der ewige Jude«, angereichert mit den Versen eines Nazidichters.

Dazu bei den sportlichen Aktivitäten ein erbarmungsloser militärischer Drill: »Die Atmosphäre in den Lagern war elitär und von Angst geprägt. Sie diente dazu, dass wir uns einer auserwählten Minderheit zugehörig fühlen konnten.« Saufgelage waren hier verpönt. Bei anderen Neonazi-Gruppen, die Heidi Benneckenstein kennenlernte, war Saufen dagegen ein Teil der Lebensphilosophie. Mit Alkohol und Sprücheklopfen kompensieren viele junge Rechte ihre tief sitzende Unsicherheit und ihre Angst vor Frauen, meint die Autorin.

Als sie nach Passau übersiedelt, um eine Ausbildung zu beginnen, hat sie erstmals Kontakt mit der NPD, einem Stammtisch aus »einem Dutzend älterer Herren in Blousonjacken und bequemen Halbschuhen sowie fünf, sechs jüngeren Typen zwischen 20 und 30«. Sie erlebt einen zerstrittenen Haufen mit Leuten voller Profilneurosen.

In dem Buch tauchen viele bekannte Namen der rechten Szene auf, auch Ralf Wohlleben kommt vor (»extrem sonderbar«), derzeit Mitangeklagter im Münchner NSU-Prozess. Es wird klar, wie gut vernetzt die Neonazis sind. Man kennt sich, beobachtet sich, bekämpft sich. Einzusteigen ist deutlich leichter als auszusteigen. Wenn man drin ist, bietet die Szene nicht zuletzt auch soziale Sicherheit.

Heidi Benneckenstein beschreibt eindrücklich, wie sehr sie unter ihrer fremdbestimmten Kindheit und Jugend litt, wie ihr erste Zweifel an ihrem Weltbild kamen, sie aber immer wieder in die rechte Gemeinschaft zurückgezogen wurde. Viele Anläufe waren nötig, bis sie den Ausstieg schaffte. Den Wendepunkt stellt letztlich ihre Schwangerschaft mit kaum 17 Jahren dar. Eine Nazi-Zukunft möchte sie ihrem Kind nicht zumuten. Denn an ihrer eigenen Kindheit und Jugend war nichts, »worauf ich stolz und wofür ich dankbar sein konnte«. Die Aussteigerhilfe Bayern unterstützt sie und ihren Mann, den Liedermacher Felix, früher als »Flex« Star der rechten Szene. Diese sieht nun in beiden »Verräter«. Heidi Benneckenstein arbeitet heute in München als Erzieherin.

Ihre Biografie ist in der derzeit aufgewühlten Debatte um das Erstarken der Rechten ein wichtiger Beitrag. Denn ohne Selbstmitleid, mit nüchternem und klarem Blick, bietet die Autorin seltene Einblicke in eine erschreckende rechte Parallelwelt. Sybille Peine

Heidi Benneckenstein: »Ein deutsches Mädchen«. Tropen, Berlin, 252 Seiten, 16,95 Euro, ISBN: 978-3608503753.

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