23. April 2018, 20:40 Uhr

Vom Verbraucher zum Kunden

23. April 2018, 20:40 Uhr
Avatar_neutral
Von DPA
Den Stromlieferanten wechseln wie das Bankkonto oder den Handy-Vertrag: Seit 20 Jahren geht das. (Foto: dpa)

Bonn (dpa). Strom- und Gaskunden in Deutschland haben die Wahl. Sie können im Schnitt unter weit mehr als 100 Anbietern aussuchen – und wenn sie es geschickt anstellen im Vergleich zur teuren Grundversorgung ihres angestammten Lieferanten einiges sparen. Möglich ist dies seit 20 Jahren: Am 24. April 1998 trat das Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftrechts in Kraft. Bis dahin war der Strom- und Gasverkauf ein streng abgeschottetes Geschäft, das von Stadtwerken und anderen Versorgern mit Gebietsmonopol betrieben wurde.

Keine sinkenden Preise

»Erst durch die Liberalisierung ist der Verbraucher zu einem Kunden mit Wahlmöglichkeiten geworden«, sagt Thomas Banning, Chef des Düsseldorfer Ökoanbieters Naturstrom. Doch längst nicht alle nutzen das. Nach Angaben der Bundesnetzagentur hatten 2016 noch gut 30 Prozent der Haushalte einen besonders teuren Grundversorgungsvertrag beim Strom. Rund 3,6 Millionen Haushalte haben 2016 den Stromanbieter unabhängig von einem Umzug gewechselt. »Viele Verbraucher mit wenig Geld hängen in der Grundversorgung fest«, sagt Udo Sieverding, Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW. Für die Stromversorger sei das dagegen ein lohnendes Geschäft.

Die Preisspanne zwischen der örtlichen Grundversorgung und dem günstigsten Tarif ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen, wie das Vergleichsportal Verivox errechnet hat: Bei einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden von durchschnittlich 100 Euro im Jahr 2007 auf jetzt 470 Euro.

Erwartungen, die Liberalisierung würde zu sinkenden Strompreisen führen, erfüllten sich nach dem Start nur zwei Jahre. Seitdem sind die Tarife kräftig gestiegen. Musste ein durchschnittlicher Haushalt nach Zahlen des Branchenverbands BDEW 1998 umgerechnet gut 17 Cent pro Kilowattstunde zahlen, so sind es aktuell fast 30 Cent. Preistreiber sind Steuern, Abgaben und Umlagen sowie die Netzentgelte, die private Verbraucher zuzüglich zum Kilowattstundenpreis zahlen müssen. Sie machen inzwischen rund 78 Prozent der Stromrechnung aus.

Der Wettbewerb ist hart und hat manche schwarzen Schafe angelockt. Spektakulär waren die Insolvenzen von Teldafax und Flexstrom, die Hunderttausenden Kunden günstigen Strom gegen Vorkasse verkauft hatten. »Das Modell Vorkasse ist seitdem vom Markt«, sagt Verbraucherschützer Sieverding. Heute werde mit Bonuszahlungen oder Tabletcomputern geworben.

Auf dem wachsenden Markt der Stromdiscounter sind auch die Energieriesen aktiv – etwa EON mit der Marke E wie einfach, die RWE-Tocher Innogy mit Eprimo oder EnBW mit Yello. Alle haben Ökotarife im Angebot. . Echte Ökoenergie sei vieles aber nicht, bemängelt Naturstrom-Chef Banning. »Der Begriff ist nicht gesetzlich normiert.«

Beim Gas kam der Wettbewerb erst vor zehn Jahren in Schwung, als das Bundeskartellamt die großen Gaskonzerne zur Öffnung ihrer Netze zwang. Inzwischen gibt es mehr als 500 überregionale Gaslieferanten.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos