03. Mai 2018, 22:34 Uhr

Neuer VW-Chef will’s wissen

03. Mai 2018, 22:34 Uhr
Avatar_neutral
Von DPA

Berlin (dpa). Der neue VW-Chef Herbert Diess will beim vielbeschworenen Kulturwandel Ernst machen und den Riesenkonzern möglicherweise weiter verschlanken. Sparten wie der Motorradbauer Ducati oder der Getriebehersteller Renk kommen auf den Prüfstand. Ausgliederungen seien »denkbar«, aber auch Erweiterungen und Wachstumsstrategien, erklärte er gestern vor den Aktionären auf der Hauptversammlung in Berlin. Damit machte er klar, dass weder Verkäufe noch Börsengänge ausgeschlossen sind.

Konzern soll »anständiger« werden

Für die nicht zum Kerngeschäft zählenden Geschäftsfelder – darunter auch MAN Diesel & Turbo, ein Anbieter von Großdieselmotoren – müssten »belastbare Zukunftsperspektiven« erarbeitet werden, kündigte er an. Das werde »in aller Ruhe und mit der gebotenen Gründlichkeit« geschehen. Die Sparte der schweren Nutzfahrzeuge – Volkswagen Truck & Bus – wiederum solle weitgehend unabhängig von der Steuerung durch den Konzern aufgestellt und »in absehbarer Zeit« fit für die Börse gemacht werden. Nach Angaben von Spartenchef Andreas Renschler wird VW hier die Mehrheit der Anteile behalten.

Dauerhafter Erfolg sei nur mit einer gesunden Unternehmenskultur möglich, betonte Diess. »Volkswagen muss in diesem Sinne noch ehrlicher, offener, wahrhaftiger, in einem Wort: anständiger werden.« Der schon von Ex-Konzernchef Matthias Müller ausgerufene Kulturwandel für mehr Kritikfähigkeit und ethisches Verhalten – angestoßen nach dem Abgasskandal mit Millionen von manipulierten Dieselautos – ließ bislang aber viele Fragen offen. Der Vorstand hat laut Diess mit »Together4Integrity« ein Programm zum Kulturwandel auf den Weg gebracht. Das interne Hinweisgeber-System soll demnach ausgebaut, Fehlverhalten kompromisslos geahndet und integres Verhalten in den Mittelpunkt gestellt werden.

Zuvor hatte der von den US-Behörden nach dem Abgasskandal eingesetzte Aufseher Larry Thompson in einem Bericht an das US-Justizministerium die interne Aufarbeitung der Affäre kritisiert. Thompson soll nach dem Abgasbetrug sicherstellen, dass sich solches Verhalten nicht wiederholt.

Nötig seien belastbare Strukturen und Prozesse – »vor allem aber müssen wir auch danach handeln«, verlangte Diess. »Mir ist es ein Anliegen, dass Volkswagen offen und transparent ist.« Dazu gehöre es auch, unbequeme Wahrheiten auszusprechen: Den Weg zu einer offeneren Unternehmenskultur, in der Widerspruch belohnt statt erstickt werde, habe man unterschätzt. »Eine Portion Demut« mahnte der neue Chef an.

Zugleich konkretisierte Diess, was er sich unter der neuen Konzernstruktur vorstellt – neben der möglichen Ausgliederung von Nicht-Kerngeschäften. Arbeitnehmervertreter hatten einen Verkauf von Renk, an dem die VW-Tochter MAN 76 Prozent hält, strikt abgelehnt. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh fragte kürzlich mit Blick vor allem auf Ducati: »Warum sollen wir nicht zukaufen, uns Partner in China suchen, vielleicht auch da in die Elektromobilität einsteigen?«

Aktionäre entlasten Vorstand

Nach dem Willen des Vorstands soll Volkswagen bei Entscheidungen und deren Umsetzung schneller werden. Die Beschlusswege seien zu lang, zudem gebe es an vielen Stellen Doppelarbeit, so Diess. Das solle anders werden: Die neuen Markengruppen heißen »Volumen« (VW, Skoda, Seat, leichte Nutzfahrzeuge, Mobilitätsdienstleister Moia), »Premium« (Audi, Porsche Holding Salzburg, Lamborghini, Ducati) und »Super Premium« (Porsche, Bentley, Bugatti).

Vor der Halle forderten Greenpeace-Aktivisten zu Beginn der Hauptversammlung, Volkswagen müsse sauberer werden. Auch die umstrittenen Tierversuche mit Affen prangerten sie an. »Herbert Diess muss bei VW endlich ein Großreinemachen anstoßen«, sagte Greenpeace-Sprecher Niklas Schinerl.

Die VW-Aktionäre haben auf der Hauptversammlung den Vorstand mit deutlicher Mehrheit für 2017 entlastet. Ex-Konzernchef Müller wurde mit 98,93 Prozent der abgegebenen Stimmen der Vertrauensbeweis gewährt, wie die Abstimmung am Abend ergab. Nachfolger Diess bekam ebenfalls 98,93 Prozent der Stimmen. Auch der Aufsichtsrat erhielt die Entlastung – Hans Dieter Pötsch als Vorsitzender des Kontrollgremiums bekam gleichermaßen 98,93 Prozent der Stimmen. VW-Aufsichtsrat und Miteigentümer Wolfgang Porsche stellte sich erneut zur Wahl – und wurde mit 98,95 Prozent der Stimmen im Kontrollgremium bestätigt.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos