29. Mai 2017, 21:26 Uhr

Lokale und globale Interessen

29. Mai 2017, 21:26 Uhr
A. Bausch

Gießen (gäd). Für Diskussionen nicht nur in der Wirtschaft sorgen immer wieder Übernahmen deutscher Firmen durch chinesische Unternehmen. Ein solcher Fall war der Kauf des Roboterbauers Kuka durch den chinesischen Hausgerätehersteller Midea. Letztlich hatte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) den Weg für die Übernahme freigemacht. Allerdings pocht der Wirtschaftsminister seit Längerem auf eine stärkere politische Einflussnahme gegen unerwünschte ausländische Investoren als derzeit im Außenwirtschaftsgesetz (AWG) vorgesehen. Prof. Dr. Andreas Bausch von der Justus-Liebig-Universität Gießen hat in dieser Zeitung bereits Grundbegriffe rund um Übernahmen erklärt. Im zweiten Teil wird heute die politische Komponente beleuchtet – auch das Außenwirtschaftsgesetz.

Herr Prof. Bausch, welche Rolle spielt die Politik beim Thema Übernahmen?

Prof. Andreas Bausch: Speziell bei Übernahmeversuchen ausländischer Bieter kommt dem 2013 novellierten Außenwirtschaftsgesetz Bedeutung zu. Denn das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) kann hiernach Übernahmen von Ausländern untersagen, wenn es dadurch ein Risiko zum Beispiel für die öffentliche Ordnung oder die Sicherheit des Landes sieht. Man denke beispielsweise an die Übernahme von Energie-, Rüstungs- und IT-Sicherheitskonzernen.

Ohnehin sollte in der öffentlichen und politischen Diskussion dem Thema Industriepolitik größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Richtig erscheint zwar auch hier die Devise: So wenig wie möglich und so viel wie nötig. Doch nur allzu häufig wird verkannt, dass es sich bei Arbeitsmärkten zumeist um lokale Märkte handelt, während der für Unternehmensübernahmen ein globaler Markt ist. Und so stehen nicht selten lokale gesellschaftliche Interessen in Konkurrenz zu globalen finanzwirtschaftlichen Interessen, die dem freien Spiel der Wettbewerbskräfte eben nicht alleine überlassen werden sollten.

Es wird immer auf die Synergieeffekte hingewiesen. Was versteht man darunter?

Bausch: Allgemein gesprochen steht Synergie für das ökonomische Phänomen, dass die geschickte Kombination von einzelnen Teilen – also ihr Zusammenwirken (von syn = zusammen und ergon = Werk) – einen höheren Wert besitzt als die Summe der einzelnen Teile. Wer sein Mobiltelefon in seine Einzelteile zerlegt, wird feststellen, dass sie oder er für das Gesamtprodukt mehr bereit sein wird zu zahlen als nur die Summe für die enthaltenen Bestandteile. Bei Übernahmen und Fusionen steht Synergie für die positiven Effekte, die aus der engeren Zusammenarbeit der beteiligten Unternehmen möglich sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bausch: Umsatzsynergien entstehen zum Beispiel, wenn vorhandene Vertriebskanäle des einen Unternehmens direkt dafür genutzt werden können, zusätzlich die Produkte des anderen Unternehmens zu verkaufen. Der Kunde wird die Annehmlichkeit vielleicht schätzen, nun alles aus einer Hand beziehen zu können, etwa Strom und Gas mit einem kombinierten Tarif von nur einem Anbieter. Kostensynergien entstehen zum Beispiel dadurch, dass nach einem Zusammenschluss bestimmte Funktionen im Unternehmen wie Teile des Personalbereichs, der Buchhaltung oder des Einkaufs zusammengelegt und insgesamt mit geringerem Personalaufwand zu bewerkstelligen sind.

Kann man von einer zunehmende Konzentration in der Wirtschaft durch eine Zunahme von Übernahmen sprechen? Wenn ja, warum ist das so?

Bausch: Dies erleben wir tatsächlich bei zunehmendem Reifegrad von Branchen. So hat die Anzahl der Wettbewerber zum Beispiel in der Automobilbranche oder im Einzelhandel in den zurückliegenden Jahrzehnten massiv abgenommen. Ökonomisch wird dies immer wieder mit Größenvorteilen begründet. Dass allerdings ein Mehr an Unternehmensgröße häufig mit Trägheit und reduzierter Beweglichkeit einhergeht, wird gerne übersehen.

Gibt es auch noch einen anderen Weg, das Unternehmen neu aufzustellen?

Bausch: Dieser Konzentration wirken heute interessanterweise andere Entwicklungen entgegen: So erleben wir gerade eine Phase, in der es gehäuft zu sogenannten Auf- und Abspaltungen kommt, also genau dem Gegenteil eines Zusammenschlusses. E.ON und Uniper oder RWE und Innogy sind Beispiele für 2016 vollzogene Aufspaltungen. Die Spaltung der Metro in einen Lebensmittelhändler und einen Elektronikhändler wird für dieses Jahr erwartet, und über eine mögliche Abspaltung der Medizintechnik vom Siemens-Konzern wird spekuliert. Zudem entstehen heute im Zusammenhang mit der Digitalisierung mehr denn je junge Unternehmen (Start-ups), die schon nach kurzer Zeit zu ernsthaften Konkurrenten erfolgreicher Marktführer aufsteigen. Außerdem stellen wir fest, dass sich Branchengrenzen zunehmend auflösen, insbesondere wenn sich Ökosysteme um integrierte Lösungen wie Smart Home, Industrie 4.0, Sustainable City und Ähnliches bilden. All dies hat spürbare Auswirkungen auf Wettbewerb und Konzentration. Während bei Übernahmen vor allem auf Größenvorteile gesetzt wird, sind es bei diesen neueren Bewegungen eher Agilitäts-, Innovations- und Netzwerkvorteile, die angestrebt werden.

Bei Übernahmen haben die Arbeitnehmer oft Angst um ihre Arbeitsplätze...

Bausch: In Deutschland haben wir eine ausgeprägte arbeitsrechtliche und unternehmerische Mitbestimmung, die einen gewissen Schutz mit sich bringen, vor allem aufgrund definierter Mitwirkungsrechte an der Unternehmensleitung. So waren in Deutschland feindliche Übernahmen bis in die 1990er Jahre völlig unüblich – und sind auch heute noch hierzulande von geringerer Bedeutung als zum Beispiel in den USA –, da vermutlich die Zustimmungserfordernisse der Arbeitnehmervertreter in mitbestimmten AGs Investoren vor einer feindlichen Übernahme zurückschrecken lassen. Wenn es tatsächlich um die Wettbewerbsfähigkeit und das Überleben eines Unternehmens geht, wird man Restrukturierungen und gebenenfalls Arbeitsplatzabbau im Zuge von Übernahmen in Kauf nehmen müssen. Geht es stattdessen schlichtweg um noch mehr Wertsteigerung eines ohnehin profitablen Unternehmens zulasten der Arbeitnehmer und der Gesellschaft, werden sicherlich selbst liberale Geister ihre ansonsten marktorientierte Haltung infrage stellen.

Professor Dr. Andreas Bausch ist Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sein Forschungsinteresse liegt unter anderem auf den Gebieten strategisches und internationales Management, Transaktionen im Unternehmensbereich wie Übernahmen, Fusionen oder Kooperationen sowie wertorientierte Unternehmensführung.

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