Wirtschaft

Deutsche Bank zeigt Demut

Die Zeiten haben sich sehr geändert bei der Deutschen Bank. Schon ein Milliardenverlust, der deutlich kleiner ausfällt als ein Jahr zuvor, gilt als Erfolg. Konzernchef John Cryan macht Hoffnung auf bessere Zeiten. Doch von großen Versprechungen lässt er lieber die Finger.
02. Februar 2017, 22:17 Uhr
DPA
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Leistung aus Leidenschaft« – das ist passé bei der Deutschen Bank. Jahrelang warb das größte Geldhaus der Republik mit diesem Slogan um Kundschaft. Jetzt wird an einem neuen Werbespruch gearbeitet. Es ist bei Weitem nicht das Einzige, was bei dem Institut im Umbruch ist. Seit der Brite John Cryan das Sagen in den Frankfurter Zwillingstürmen hat, räumt er gehörig auf mit den Altlasten seiner Vorgänger – und schlägt einen deutlich zurückhaltenderen Ton an.

»Seit ich vor anderthalb Jahren Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank wurde, mussten wir insgesamt rund fünf Milliarden Euro für Rechtsfälle aufwenden, deren Ursachen zum großen Teil viele Jahre zurückliegen«, konstatiert Cryan gestern. »Diese Altlasten haben uns nicht nur viel Geld, sondern auch Reputation und Vertrauen gekostet.« Der Vorstand bedauere die »Verfehlungen der Vergangenheit« ausdrücklich: »Wir möchten uns dafür entschuldigen.«

Als Josef Ackermann Ende Mai 2012 nach zehn Jahren als Konzernchef abtrat, versprach er seinen Nachfolgern an der Spitze der Deutschen Bank ein »besenreines« Haus. Das entsprach – nach allem, was man seither hören und lesen konnte – nicht ganz den Tatsachen. Zinsmanipulation, dubiose Hypotheken-Deals, Geldwäschevorwürfe gegen Kunden – es ist einiges zusammengekommen an teuren Rechtsstreitigkeiten in den vergangenen Jahren. All das war auch eine Folge der Maßgabe, ganz vorne an der Weltspitze der Hochfinanz mitmischen zu wollen. Die Deutsche Bank kaufte an der Wall Street zu und baute ihre Präsenz in der europäischen Finanzhauptstadt London aus. Das klassische Spar- und Kreditgeschäft schien zu langweilig, stattdessen drehten die Deutsch-Banker das ganz große Rad am globalen Kapitalmarkt. Was folgte, waren jene Auswüchse, die der Bank bis heute zu schaffen machen.

Wie tief der einst so stolze Finanzkonzern gefallen ist, lässt sich am Börsenwert ablesen: Mit 25 Milliarden Euro schafft es der DAX-Konzern kaum mehr unter die Top 20 der europäischen Banken – selbst eine Handvoll hierzulande kaum bekannter skandinavischer Geldhäuser ist höher bewertet.

Kein Wunder: Mindestens 13 Milliarden Euro musste die Bank seit 2012 für Strafen oder Entschädigungen berappen – je nach Rechenweise fällt die Quittung sogar noch höher aus. Das Verhalten bestimmter Mitarbeiter sei »totally inacceptable« gewesen, betont Cryan – und wiederholt es zur Verdeutlichung auf Deutsch: »total inakzeptabel«.

Vor allem die Horrorwochen aus dem vergangenen Herbst haben sich eingebrannt. Die US-Justiz schockte mit einer Forderung von 14 Milliarden Dollar wegen Verfehlungen bei Hypotheken-Deals vor der jüngsten Finanzkrise – keineswegs Peanuts, nicht einmal für die Deutsche Bank. Schon wurde über Staatshilfe spekuliert, der Aktienkurs rauschte auf ein historisches Tief. Kurz vor Weihnachten war der Spuk vorbei, der Vergleich mit den Amerikanern fiel deutlich günstiger aus. »Wir wollen so etwas niemals wieder erleben«, sagt Cryan rückblickend.

Trotz der Erfahrung mit der harten Hand der US-Behörden steht für Cryan außer Frage, dass die Deutsche Bank weiterhin Geschäfte in den Vereinigten Staaten machen wird: »Natürlich bleiben wir in den USA«, betont der Konzernchef. »Wir könne nicht die internationale Bank sein, die wir sein wollen, wenn wir nicht Geschäfte in der größten Volkswirtschaft der Welt machen.«

An den Eckpfeilern der Strategie, die schon seine Vorgänger Anshu Jain und Jürgen Fitschen auf den Weg gebracht hatten, will Cryan vorerst nicht rütteln. Deutschlands größtes Geldhaus will weiterhin international vorne mitspielen, aber nicht mehr überall alles für alle Kunden machen. 2016 sei die Bank in vielen kleinen Schritten weiter vorangekommen, bilanziert Cryan. Nun keimt die Hoffnung auf bessere Zeiten. Allzu große Erwartungen dämpft der Brite aber umgehend: »Wir müssen zunächst aussäen, wenn wir später eine größere Ernte einfahren wollen – und das erfordert Geduld. Noch befinden wir uns eindeutig in der Phase, in der wir vor allem säen.«

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