04. Mai 2017, 22:10 Uhr

Brexit mit Haken

04. Mai 2017, 22:10 Uhr
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Von DPA
Mit dieser Aktion protestierten der UKIP- Politiker Nigel Farage und britische Fischer vor dem Brexit-Referendum für den Ausstieg aus der EU. (Foto: dpa)

London/Bremen (dpa). Kurz vor dem Referendum über einen EU-Austritt Großbritanniens im vergangenen Sommer spielte sich auf der Themse in London eine bizarre Seeschlacht ab. Brexit-Befürworter Nigel Farage führte eine Flotte von gut zwei Dutzend Fischerbooten an, die für den Ausstieg aus der EU warben. Auf der Gegenseite trommelte der Pop-Sänger Bob Geldof auf einem Ausflugsschiff für den Verbleib Großbritanniens in der EU. Er übertönte Farages Parolen mit dröhnender Musik aus einem Lautsprecher. Im Gegenzug bespritzen die Fischer Geldofs Gesellschaft mit Wasser.

Etwa zehn Monate nach dem Brexit-Votum gehören die Fischer in Großbritannien noch immer zu den vehementesten Befürwortern des EU-Austritts. Sie fühlen sich seit langem von der Europäischen Union stiefmütterlich behandelt. Ihr Argument: Durch die gemeinsame Fischereipolitik dürfen sie nur ein Drittel der Fische aus ihren eigenen Gewässern fangen.

Fischer aus anderen EU-Ländern fangen mehr als sieben Mal so viel Fisch in britischen Gewässern wie andersherum. Der Kabeljau aus dem östlichen Ärmelkanal steht beispielsweise zu rund 85 Prozent französischen Fischern zu.

Auch deutsche Trawler können bislang ungehindert und legal in britischen Hoheitsgewässern auf Fischfang gehen. Hering, Makrele und Blauer Wittling gehen – EU sei Dank – nicht nur in britische Netze. Doch bald könnte es in der 200-Seemeilen-Zone rund um die Insel heißen: »UK first«. Dann wäre das Gebiet in Nordsee und Nordost-Atlantik für die deutsche und die EU-Fischereiflotte tabu. Das ist genau, was zum Beispiel der Verband der schottischen Fischer SFF (Scottish Fishermen’s Federation) fordert. »Alles andere als die Wiederherstellung kompletter Kontrolle wäre ein kolossaler Betrug«, tönt SFF-Chef Bertie Armstrong.

Für deutsche Fischer wäre das ein Riesen-Problem. »100 Prozent der deutschen Nordseeherings-Quote werden in britischen Gewässern gefangen«, sagt der Vorsitzende des Deutschen Hochseefischerei-Verbandes, Uwe Richter. Das sind mehr als 50 000 Tonnen Hering pro Jahr. Der Hering gehört mit Makrele und Wittling zu den sogenannten pelagischen Fischarten. 66 Prozent der deutschen Quote davon wurden von 2014 bis 2016 laut Richter in der britischen Zone gefangen. Er rechnet schlimmstenfalls mit einem Verlust von rund 100 Millionen Euro im Jahr.

Jobs in Gefahr

Es geht also um viel, vor allem um Arbeitsplätze. Richter ist auch Geschäftsführer der Euro-Baltic Fischverarbeitung in Sassnitz-Mukran (Mecklenburg-Vorpommern), wo jährlich 40 000 Tonnen Nordseehering verarbeitet werden. Allein dort stünden 230 Arbeitsplätze auf dem Spiel, sagt Richter, der auch die Berliner Politik auf die Untiefen des Brexit-Kurses hinweist. Der Zugang zu britischen Gewässern sei für die EU-Flotte wichtig.

Sollten sich die Briten künftig nicht mehr an die EU-Quoten gebunden sehen könnte dies zu einer Überfischung von Beständen führen. »Das funktioniert natürlich so nicht. Das kann auch das Vereinigte Königreich nicht machen«, warnt Richter. »Es kann sich nicht jeder nehmen, soviel er braucht.

Bertie Armstrong von der Scottish Fishermen Federation zeigt sich verhandlungsbereit. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass sich die Briten ein viel größeres Stück vom Kuchen nehmen wollen als bisher.



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