06. Oktober 2017, 22:36 Uhr

Ausweg aus der Zinsfalle Weniger Privatinsolvenzen – starker Rückgang in Hessen Ryanair: Ermittlungen gegen Piloten abgeschlossen Bieterfrist verlängert

06. Oktober 2017, 22:36 Uhr
Immer mehr Anbieter von Lebensversicherungen wollen in der Zinsflaute hochdotierte Altverträge loswerden. Der Bund der Versicherten warnt vor Folgen für die Kunden. (Foto: dpa)

Frankfurt/Main (dpa). Käufer für teure Altverträge gesucht: Deutschlands Lebensversicherer suchen nach Auswegen aus der Zinsfalle. Im Visier sind dabei auch hoch verzinste Altpolicen klassischer Lebens- und Rentenversicherungen, die manche Unternehmen gern loswerden werden möchten. Inzwischen denken auch Branchengrößen wie Ergo oder Generali über eine Trennung nach. Dabei gibt es zwei Wege: Der Versicherer überträgt alte Bestände samt Eigenmitteln und Kapitalanlagen an ein Abwicklungsunternehmen, das diese weiterführt und alle Rechte und Verpflichtungen übernimmt. Oder der Lebensversicherer samt Mitarbeitern wechselt den Eigentümer. Auch hier müssen die Belange der Versicherten gewahrt werden, wie die Finanzaufsicht BaFin betont. Die Assekuranzen leiden unter der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Den Lebensversicherern fällt es zunehmend schwer, die Zinsen für die hohen Garantieversprechen der Vergangenheit von bis zu vier Prozent am Kapitalmarkt zu erwirtschaften. Viele Unternehmen bieten mittlerweile Produkte ohne klassischen Garantiezins an. Nun wollen manche die Altverträge loswerden.

Der Versicherungsriese Generali schließt einen Verkauf seiner Lebensversicherungssparte in Deutschland nicht aus. Die Düsseldorfer Ergo-Versicherung sucht nach einem möglichen Käufer für sechs Millionen alte Lebensversicherungsverträge. »Wir sondieren den Markt und prüfen, was es überhaupt für Möglichkeiten gibt«, sagte eine Ergo-Sprecherin jüngst. Dabei handelt es sich um Verträge, die einst unter den Marken Hamburg-Mannheimer und Victoria-Versicherung verkauft wurden.

Auch der Chef von Axa Deutschland, Alexander Vollert, sieht für die Bestände mit klassischen Garantien in einer Übertragung auf eine Abwicklungsplattform durchaus eine Option. »Unter spezifischen Umständen kann es sinnvoll sein, wenn die Plattformen in der Lage sind, Kosten- und Skalenvorteile herzustellen«, sagte Vollert jüngst der »Börsen-Zeitung«. Über allem stehe aber, »dass es für den Kunden nicht von Nachteil sein darf, wenn sein Vertrag von einer Abwicklungsplattform verwaltet wird«.

Der Bund der Versicherten (BdV) spricht von einem »Erdbeben« in der deutschen Versicherungslandschaft und warnt vor Folgen für die Kunden. »Wenn ein Investor diese Bestände kauft, dann tut er das mit dem Ziel, möglichst viel Rendite zu erwirtschaften. Das geht aber nur, wenn er den Versicherten möglichst viele Überschüsse vorenthält und in die eigene Tasche steckt«, befürchtet BdV-Chef Axel Kleinlein.

Über die Höhe der Überschussbeteiligung entscheiden Versicherer jedes Jahr je nach Wirtschaftslage und Anlagestrategie neu. Hinzukommt der vom Bundesfinanzministerium festgelegte Garantiezins. Beides zusammen ergibt die laufende Verzinsung.

Versicherungsexperte Lars Gatschke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) warnt indes vor Panik. »Die Frage, ob Kunden bei Abwicklern geringere Überschüsse erzielen, gleicht einem Blick in die Glaskugel.« Die Käufer könnten möglicherweise kosteneffizienter arbeiten und einen Teil der Ersparnis an die Kunden weitergeben. Im Gegensatz zu klassischen Versicherungsunternehmen brauchen Abwickler keinen Vertrieb und müssen keine neuen Produkte entwickeln. Gatschke rät betroffenen Kunden, die jährliche Standmitteilung, die Aufschluss über die Entwicklung ihrer Lebensversicherung gibt, genau zu lesen. »Dann kann ich immer noch die Reißleine ziehen und mir beispielsweise überlegen, ob ich noch weiter Geld reinstecken will.«

Hamburg (dpa). Die Zahl der Privatpleiten in Deutschland ist einer Untersuchung zufolge auf den niedrigsten Wert seit 2005 gesunken. Nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel mussten im ersten Halbjahr 45 145 Privatpersonen Insolvenz anmelden – 13,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das sei der inzwischen siebte Rückgang in Folge und der niedrigste Stand seit 2005, heißt es in dem gestern veröffentlichten »Schuldenbarometer«. Für das Gesamtjahr werden rund 88 000 Privatinsolvenzen erwartet.

Die meisten Fälle je 100 000 Einwohner gab es trotz eines Rückgangs von 27,3 Prozent mit 81 in Bremen, gefolgt von Hamburg und Schleswig-Holstein mit 77 beziehungsweise 75.

Am wenigsten Privatinsolvenzen – und mit 30,4 Prozent den gleichzeitig größten Rückgang – meldete Hessen mit 40 Fällen je 100 000 Einwohner. Der Bundesdurchschnitt lag den Angaben zufolge in den ersten sechs Monaten bei 55. Einen Anstieg der privaten Insolvenzen um 8,9 Prozent habe allein Thüringen verzeichnet.

Dublin/Koblenz (dpa). Die langjährigen Ermittlungen wegen Scheinselbstständigkeit gegen Hunderte Piloten der Fluggesellschaft Ryanair sind abgeschlossen. Das teilte die Staatsanwaltschaft Koblenz am Freitag mit. Ob es zu Anklagen kommen wird, war zunächst nicht bekannt. Weiterhin im Visier der Ermittler sind vier aktuelle und ehemalige Verantwortliche des irischen Billigfliegers. Sie werden verdächtigt, Piloten systematisch zur Scheinselbstständigkeit angestiftet zu haben. Die Ermittlungen dauern voraussichtlich noch bis 2018 an, wie Oberstaatsanwalt Rolf Wissen der Deutschen Presse-Agentur mitteilte.

Die umfangreichen Ermittlungen hatten 2011 begonnen. Gegenstand des Verfahrens ist der »Verdacht der Lohnsteuerhinterziehung sowie des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt zum Nachteil verschiedener Sozialkassen«.

Berlin (dpa). Der Verkauf der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin zieht sich hin. Die Angebotsfrist für die Techniksparte wurde zum zweiten Mal verlängert. Angebote sind nun noch bis zur übernächsten Woche möglich, wie ein Sprecher am Freitag der Deutschen Presse-Agentur sagte. Ursprünglich sollte die Frist Mitte September enden, dann an diesem Freitag. Neue Angaben zu vorliegenden Angeboten machte das Unternehmen nicht. Der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus hatte im September von drei Offerten gesprochen. Bekannt ist, dass der Berliner Logistiker Zeitfracht das Technikgeschäft weiterführen will.

Noch steht aber der Verkauf des Flugbetriebs der Air Berlin aus. Wer die Technik übernehmen will, kann daher nicht sicher sein, dass dieser Bereich seine Wartungsaufträge behält. Damit hatte Air Berlin schon die erste Bieterfrist-Verlängerung für die Technik begründet, nun auch die zweite. »So ermöglichen wir den Bietern, sich ein genaueres Bild vom Verlauf des Vergabeverfahrens für die Air Berlin zu machen und dementsprechend ihre Angebote für die Air-Berlin-Technik zuzuschneiden«, erklärte der Firmensprecher.

Die bisher zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft mit mehr als 8000 Beschäftigten hatte Mitte August Insolvenz angemeldet. Vorerst geht der Flugbetrieb weiter, weil der Bund mit einem Kredit einsprang.

Kebekus und Vorstandschef Thomas Winkelmann verhandeln mit der Lufthansa und mit Easyjet über den Verkauf, das Geschäft soll bis zum kommenden Donnerstag unter Dach und Fach gebracht werden.

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