Umwelt & Wissenschaft

Tumor gibt Forschern Rätsel auf

Ein paar Meeresschildkröten ziehen behäbig ihre Bahnen in den großen Becken, eine schöne Fotokulisse. Aber der friedliche Eindruck trügt. In einem Schutzprojekt im Ferienort Praia do Forte nördlich von Salvador in Brasilien leben kranke Meeresschildkröten. Das Projeto Tamar bietet hier ein Refugium, damit die Tiere wieder zu Kräften kommen. Aber sie geben Rätsel auf.
22. Juni 2017, 17:50 Uhr
DPA
Schildkröte_095031
Durch das Virus gehen die Populationen einiger Meeresschildkrötenarten zurück. Ihr Aussterben scheint ein realistisches Szenario. (Foto: dpa)

Ein paar Meeresschildkröten ziehen behäbig ihre Bahnen in den großen Becken, eine schöne Fotokulisse. Aber der friedliche Eindruck trügt. In einem Schutzprojekt im Ferienort Praia do Forte nördlich von Salvador in Brasilien leben kranke Meeresschildkröten. Das Projeto Tamar bietet hier ein Refugium, damit die Tiere wieder zu Kräften kommen. Aber sie geben Rätsel auf.

Durch ein Herpes-Virus erkranken immer mehr Schildkröten an der sogenannten Fibropapillomatose. Dabei wachsen den Reptilien Tumore. Sie ist seit den 1930er Jahren wissenschaftlich beschrieben. Seit den 1990er Jahren beobachten Forscher eine weltweite Verbreitung.

Beim Projeto Tamar kämpft man gegen das Problem. »Wir haben das bislang ausschließlich bei den Grünen Meeresschildkröten beobachtet«, sagt Frederico Tognin. Er ist Biologe bei dem Projekt, das entlang der 7500 Kilometer langen Küste Brasiliens 22 Stationen unterhält, um den Lebens- und Brut-raum der Reptilien zu schützen. »Bislang konnten wir nicht herausfinden, warum nur diese eine Art betroffen ist«, sagt er.

»Das Aussterben ist leider ein realistisches Szenario«, sagt Mathias Ackermann, Virologe an der Universität Zürich. Das Virus setzt den Tieren zusätzlich zu, beschleunigt so die Abnahme der Populationen. Er erforscht die Krankheit und sucht unter anderem einen Impfstoff gegen die Viren. Dazu ist er regelmäßig auf Hawaii. Dort sind fast 90 Prozent der Meeresschildkröten von Tumoren befallen.

Regionale Unterschiede

»Es gibt beträchtliche regionale Unterschiede«, erklärt Ackermann. Niemand weiß, wo und warum sich manche Schildkrötenarten häufiger mit dem Virus infizieren als andere. Das Virus ist in den Meeren von Natur aus vorhanden. Per se tödlich sind die Tumore nicht. »Diese sind mehrheitlich gutartig, langsam wachsend, selten invasiv und haben eine geringe Neigung zur Metastasenbildung«, sagt Ackermann.

Es sind vor allem junge Tiere, die erkranken. Von rund 1000 Schildkröteneiern erreicht im Schnitt ohnehin nur ein Jungtier das Alter der Geschlechtsreife. Alle anderen werden als Ei vom Menschen oder Tieren ausgegraben, auf dem Weg vom Strand ins Meer gefressen, oder sie dienen später anderen Tieren als Beute. Viele Meeresschildkröten landen zudem immer noch auf der Speisekarte oder ersticken als Beifang in den Netzen der Fischindustrie.Eine Möglichkeit könnte sein, die Tiere zu impfen. Doch soweit ist die Forschung noch nicht. »Man kann das Virus bislang nicht in Zellkultur isolieren«, sagt Ackermann. Aber das wäre nötig, um Antikörper gegen den Erreger herstellen zu können. Eine Impfung von Meeresschildkröten sieht Tierärztin Virginia Ferrando kritisch. »Es ist grundsätzlich keine gute Idee, Wildtiere zu impfen«, sagt sie. Zudem sei das Herpesvirus nur die Hauptursache. Parasiten, die Anfälligkeit des Immunsystems sowie Verunreinigungen kommen auch als Auslöser in Betracht. Die Forscher haben noch andere Probleme. Meeresschildkröten legen viele tausend Kilometer zurück, sind jahrelang im Meer unterwegs. Eine Infektion kann jederzeit erfolgen, Symptome können jedoch erst sehr viel später. Auslöser ist dann oft Stress. Stress kann für Meeresschildkröten in Ufernähe auftreten, durch Wasserverschmutzung und Futtermangel – oft durch menschengemachte Ursachen, auch durch die Folgen des Tourismus an den Küsten.

Einige der Schildkröten im Projeto Tamar dürfen bald wieder raus aus den Becken. Dann bekommen sie einen kleinen Chip und werden freigelassen. Vielleicht können diese Tiere den Forschern helfen, die Tumorbildung besser bekämpfen zu können.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/ueberregional/mantelredaktion/umwelttechnikwissenschaft/Umwelt-Wissenschaft-Tumor-gibt-Forschern-Raetsel-auf;art520,274091

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung