16. Februar 2017, 17:18 Uhr

Sozialismus im Weltall

16. Februar 2017, 17:18 Uhr

Mit der Rakete »Sojus 31« startete Sigmund Jähn am 26. August 1978 vom russischen Raumfahrtzentrum Baikonur aus, gemeinsam mit dem sowjetischen Kosmonauten Waleri Bykowski (82). Sieben Tage, 20 Stunden und 49 Sekunden blieb er im All. Am 13. Februar feierte Jähn nun seinen 80. Geburtstag – ganz privat. Für größere Aktionen habe ihm einfach die Zeit und auch die Stimmung gefehlt, teilte er mit. Bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten vor allem in Ostdeutschland ist er regelmäßig von Autogrammsammlern umlagert. Sein Flug machte den Oberstleutnant der DDR-Volksarmee über Nacht in der sozialistischen Welt berühmt. Der Arbeiter- und Bauerstaat war nun Raumfahrernation. Den Namen seines Geburtsortes Morgenröthe-Rautenkranz im sächsischen Vogtland kannte fortan jedes DDR-Schulkind. Erst 1983 folgte als zweiter Deutscher Ulf Merbold aus dem Westen. Er war als einziger Deutscher dreimal im All.

Der Astronaut Merbold und der Kosmonaut Jähn sind seit Jahren befreundet. »Wir teilen gemeinsam die Erfahrung, dass man in 90 Minuten den Erdball umrundet und von dort oben keine Grenzen mehr sieht«, sagt der 75-jährige Merbold. »Und wir beide stammen aus dem Vogtland.« Jähn aus dem sächsischen Teil, er aus dem thüringischen Greiz. Sigmund Jähn sei als Jagdflieger der DDR-Volksarmee und Diener des Sozialismus für den Weltraumflug ausgewählt worden, berichtet Merbold. Er selbst sei 1960 nach Westberlin gegangen, weil er in der DDR nicht Physik studieren durfte. Später sei er als Wissenschaftler zur Weltraummission gestartet.

»Eine Woche lang ging die Sonne an einem Tag sechzehn Mal auf und sechzehn Mal unter«, schrieb Jähn wenige Jahre nach dem Flug (»Erlebnis Weltraum«, 1983). »Eine Woche lang verloren die Gesetze der Schwerkraft scheinbar ihre Wirkung, war es völlig gleichgültig, ob ich mit dem Kopf nach ›oben‹ oder nach ›unten‹ hing.« Das Außergewöhnliche sei ihm erst später zu Bewusstsein gekommen.

Jähn lernte Buchdrucker und wurde dann Jagdflieger. 1976 wählte ihn die DDR als einen der Kandidaten für einen möglichen sowjetischen Weltraumflug aus. Ausbildung und Vorbereitung auf die Mission erfolgten im Sternenstädtchen bei Moskau. Auf die Folgen der Schwerelosigkeit wollte sich Jähn gut vorbereiten. Unter die vorderen Beine seines Ehebettes legte er Bücher, damit er sich an den Blutandrang im Gehirn gewöhnen konnte, schrieb er in seinem Buch. 125 Mal umkreiste Jähn den Planeten. An Bord erledigte er zahlreiche Experimente und machte Aufnahmen von der Erde mit der Multispektral-Fotokamera MKF-6 aus Jena.

Er hatte auch den Status eines »Angestellten der Deutschen Post im Weltraum«: Mit einer für das All geeigneten Apparatur stempelte er Sonderpostwertzeichen ab. An Bord durfte er nur ein Kilogramm persönliches Gepäck mitnehmen. In Erinnerung an seine vogtländische Heimat nahm er eine Postkarte von Markneukirchen mit. Außerdem hatte er offizielle Mitbringsel für seine Mit-Kosmonauten dabei, wie das Kommunistische Manifest und Goethes »Faust«, aber auch die Figur des Fernseh-Sandmännchens. Am 3. September 1978 landeten Jähn und Bykowski mit einer Kapsel wohlbehalten in der kasachischen Steppe. (Foto: dpa)

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