08. Januar 2019, 22:49 Uhr

Zugriff in Homberg

08. Januar 2019, 22:49 Uhr
Eine Kleinstadt im Vogelsbergkreis im Fokus des Medieninteresses: Der Hacker, der für die Online-Angriffe auf etwa 1000 Politiker und Prominente verantwortlich ist, stammt aus Homberg/Ohm, ist 20 Jahre alt – und hat gestanden. (Foto: dpa)

Homberg (Ohm)/Wiesbaden/Berlin (eb/dpa). Hinter dem bundesweiten CyberAngriff steckt nach den Ermittlungen der Behörden ein 20-jähriger Schüler aus Homberg/Ohm, der seinem Ärger auf Politiker und Prominente Luft machen wollte. Der Hacker habe sich gezielt Opfer ausgesucht, deren Äußerungen ihm missfallen hätten, sagte gestern Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT). Innenminister Horst Seehofer (CSU) wies den Vorwurf zurück, zu langsam auf den Hacker reagiert zu haben. Die zuständigen Behörden hätten »sehr rasch, sehr effizient und sehr gut rund um die Uhr gehandelt«.

Der Tatverdächtige sei schon am vergangenen Sonntag identifiziert worden, sagte der Chef des Bundeskriminalamts, Holger Münch, in Berlin. Die veröffentlichten Daten waren gestern trotzdem noch nicht vollständig gelöscht. Es sei auch unwahrscheinlich, dass dies gelingen werde, sagte Seehofer.

Nach vorläufiger Einschätzung der Ermittler hatte der 20-Jährige »kein dominantes politisches Motiv« für seinen Angriff. Er stamme auch nicht aus einem rechtsextremen Milieu, sagte Münch. »Es gibt keine polizeilichen oder nachrichtendienstlichen Erkenntnisse, dass er in irgendeiner Form mit politisch motivierter Kriminalität vorher zu tun hatte.« Nach bisherigen Erkenntnissen handelte er allein.

Der junge Mann fiel den Behörden bereits vor zwei Jahren auf, als er wegen des Ausspähens von Daten und wegen Vorbereitungen dazu bekannt wurde, sagte Münch. Vorbestraft sei er aber nicht.

Der Schüler war am Sonntagabend vorläufig festgenommen worden, wurde nach einem Geständnis am Montagabend aber auf freien Fuß gesetzt. Es bestehe keine Fluchtgefahr.

Ermittelt wird wegen des Verdachts der Ausspähung von Daten und der unberechtigten Veröffentlichung dieser Daten. Der junge Mann soll über das inzwischen gesperrte Twitter-Konto @_0rbit im Dezember persönliche Daten von Politikern und Prominenten veröffentlicht haben. Rund 1000 Politiker, Prominente und Journalisten sind betroffen, darunter Politiker aller Bundestagsparteien mit Ausnahme der AfD. Etwa 50 Fälle sind schwerwiegender, weil größere Datenpakete wie Privatdaten, Fotos und Korrespondenz veröffentlicht worden waren. Seine Hacker-Kenntnisse habe sich der Verdächtige selbst beigebracht, sagte Ungefuk. Er verfüge über keine entsprechende Ausbildung, habe aber viel Zeit damit verbracht, sich am PC bestimmte Kenntnisse anzueignen. Die Ermittler gehen davon aus, dass er sich die Daten nicht in einer einmaligen Aktion beschaffte, sondern mehrmals zuschlug. Dabei habe er Sicherheitslücken ausgenutzt.

Seehofer sieht keine Sicherheitskrise

Die Sicherheitslage in Deutschland habe sich durch die Veröffentlichung der sensiblen Daten nicht geändert, sagte Seehofer. Er warnte die Bürger trotzdem vor Sorglosigkeit im Umgang mit sensiblen Daten. Noch in der ersten Jahreshälfte 2019 wolle er ein IT-Sicherheitsgesetz 2.0 vorlegen, das Verbesserungen beim Verbraucherschutz enthalten soll. Auch die Leiterin der Abteilung Schwere und organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt, Sabine Vogt, rief zu Vorsicht mit persönlichen Daten im Internet auf. Einige Bundestagsabgeordnete, die ausgespäht worden waren, hatten sich gestern neue Handy-Nummern zugelegt. Der vom Datenskandal stark betroffene stellvertretende Grünen-Fraktionschef Konstantin von Notz forderte Priorität für die Erhöhung der IT-Sicherheit. »Den jüngsten Vorfall müssen wir auch angesichts gänzlich neuer Bedrohungslagen als allerletzten Warnschuss verstehen«, erklärte er. (Seiten 4, 5, 7 und 17)

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