04. Oktober 2017, 23:07 Uhr

Rüge für die Pharmabranche

04. Oktober 2017, 23:07 Uhr

Berlin (dpa). Die Beitragszahler müssen trotz immer neuer Spargesetze für Arzneimittel tiefer in die Tasche greifen. Schuld sind laut AOK Gesetzeslücken. Patienten könnten zudem gefährdet sein, denn immer mehr Mittel kämen per Schnellzulassung auf den Markt und würden nicht ausreichend getestet. Wegen der Verordnung von immer mehr und immer teureren Medikamenten stiegen die Kosten der gesetzlichen Krankenkassen im Arzneibereich 2016 um 3,9 Prozent auf 38,5 Milliarden Euro, wie aus dem am Mittwoch in Berlin veröffentlichten AOK-Arzneiverordnungsreport hervorgeht.

Herausgeber Ulrich Schwabe sagte, patentgeschützte Arzneimittel kosteten mehr »als sie wert sind«. Der Politik warf er vor, dass geplante Regeln zur Eindämmung des konstanten Kostenanstiegs fallen gelassen worden seien. So war vorgesehen gewesen, dass ältere patentgeschützte Arzneimittel wie neue auf ihren Zusatznutzen und angemessene Preise überprüft werden. Auch eine geplante Umsatzschwelle für neue Mittel sei nicht umgesetzt worden.

Vor allem mit Gentechnik hergestellte Biologika würden die Ausgaben in die Höhe treiben. Konsequenter sollten sogenannte Biosimilars verordnet werden – also günstigere Nachfolgepräparate – forderte der Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig.

Wirksamkeit überschätzt

Dass Ärzte dies noch zu wenig täten, führte Ludwig auch auf »Desinformation auf Fachkongressen und interessengeleitete Fachzeitschriften« zurück. In Wahrheit seien Biosimilars nicht schlechter oder riskanter.

Schwabe machte am Beispiel des Multiple-Sklerose-Mittels Tecfidera deutlich, warum er Missstände beklagt: Auf den Markt sei es in Deutschland mit einem um 80 Prozent höheren Preis als etwa in Holland gekommen. Dann kam die Bewertung des Nutzens anhand gesetzlicher Vorgaben. Ergebnis: Das Mittel habe keinen Zusatznutzen gegenüber vergleichbaren Medikamenten. Der Hersteller habe dann in Preisverhandlungen mit den Kassen eine Senkung um fast 50 Prozent akzeptiert – aber erst nach einem Jahr. 104 Millionen Euro allein für dieses eine Mittel hätten die Kassen sparen können.

Ein weiteres gravierendes Problem aus Sicht von AOK und Ärzteschaft: Schnellzulassungen von Arzneimitteln. Therapien seltener oder schwerer Krankheiten sollen so schneller zum Patienten kommen. 30 bis 40 Prozent der Medikamente kämen per Schnellzulassung auf den Markt – »mit steigender Tendenz«, wie Mediziner Ludwig kritisierte. Oft würden dabei die Wirksamkeit über- und Risiken unterschätzt – es gebe zu wenig Studien, wie diese Arzneien wirklich wirkten. AOK-Chef Martin Litsch forderte deshalb einen von der Pharmaindustrie zu finanzierenden Fonds, um Arzneimittelstudien zu bezahlen. Der Pharmaverband vfa hielt der Kritik an den Arzneimittelpreisen entgegen, dass der Industrie wichtige therapeutische Durchbrüche und Fortschritte gelungen seien – wie die Heilung der Hepatitis- C-Patienten oder in der Krebstherapie.

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