21. Januar 2020, 22:26 Uhr

»Nicht wegschauen!«

21. Januar 2020, 22:26 Uhr
»Faces of Life after the Holocaust«: Der Künstler Martin Schoeller hat 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau 75 Holocaust-Überlebende in Israel besucht und porträtiert. Die Arbeiten werden erstmalig in Essen präsentiert. FOTO: DPA

Essen - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Bürger dazu aufgerufen, im Alltag Zivilcourage zu zeigen. Bei der Eröffnung einer Ausstellung mit Porträts von Holocaust-Überlebenden sagte sie gestern in Essen: »Und so ist auch jedes Porträt hier eine Mahnung an uns, für Menschlichkeit einzutreten, eine Mahnung, im Alltag eben nicht zu schweigen und wegzuschauen, wenn jemand angegriffen, gedemütigt und in seiner Würde verletzt wird.« Die Menschenwürde zu achten und zu schützen sei die vornehmste Pflicht des Staates und »unser aller Verantwortung«.

Merkel sprach in Anwesenheit des Holocaust-Überlebenden Naftali Fürst (87), der am Morgen mit einer Maschine der Luftwaffe aus Tel Aviv nach Deutschland geflogen worden war. Die Ausstellung mit Fotos des Fotokünstlers Martin Schoeller zeigt auch ein Porträt von ihm. Anlass für das »Erinnerungsprojekt« ist der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945. Die Ausstellung trägt den Titel »Survivors. Faces of Life after the Holocaust« (Überlebende: Gesichter des Lebens nach dem Holocaust).

Es gebe leider Gründe, »uns diese Verantwortung heute wieder deutlich ins Gedächtnis zu rufen, und zwar wahrlich nicht erst seit dem Anschlag von Halle«, sagte Merkel. Rassismus und Antisemitismus seien »nicht nur ein widerwärtiger Angriff auf einzelne Bürger, sondern eben auch ein Angriff auf die grundlegenden Werte, die unsere Gesellschaft tragen und zusammenhalten«. Merkel bezeichnete Naftali Fürsts Reise nach Deutschland in einem Flugzeug der Luftwaffe als eine »symbolische Reise«. »Das bedeutet uns viel, dass Sie diese Reise auf sich genommen haben«, sagte Merkel an Fürst gewandt. Sie sei jedem Porträtierten »und allen Überlebenden, die die Kraft aufbringen, die Erinnerung weiterzutragen, unendlich dankbar«. Fürst sprach auf Deutsch von einer »heiligen Pflicht, die Erinnerungen an die Shoa zu bewahren, damit sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt. Ich werde die Angst, den Hunger, die Kälte und die Trennung von meinen Eltern nicht vergessen.« Die Ausstellung zeigt 75 Nahaufnahmen von Holocaust-Überlebenden aus Israel. Träger des Projekts sind die Stiftung für Kunst und Kultur Bonn und die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Initiiert wurde das Projekt vom deutschen Freundeskreis von Yad Vashem. dpa » Seite 5

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