30. September 2018, 22:25 Uhr

Neuer Rassismus-Vorwurf Erdogans

30. September 2018, 22:25 Uhr
AFP
Recep Tayyip Erdogan hat die neue Zentralmoschee in Köln als Symbol für die Zugehörigkeit der in Deutschland lebenden Türken zur deutschen Gesellschaft bezeichnet. An der Eröffnung nahm jedoch kein deutscher Politiker teil. (Foto: epd)

Köln (AFP). Nach dem Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) eine kritische Bilanz gezogen. Die Moschee-Eröffnung durch Erdogan in Köln habe »einen Scherbenhaufen hinterlassen, der nur mühsam zusammengekehrt werden kann«, sagte der TGD-Vorsitzende Gökay Sofuoglu den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland vom Montag. Erdogans Besuch ging am Samstag mit neuen Rassismusvorwürfen des Staatsgastes und offenen Differenzen zu Ende.

»Bei der Eröffnung der zentralen DITIB-Moschee in Köln haben sowohl die türkische als auch die deutsche Seite die Chance zu einem gemeinsamen, versöhnlichen Auftritt verpasst«, sagte Sofuoglu. »Statt Seite an Seite mit deutschen Spitzenpolitikern die Zugehörigkeit der Muslime zu Deutschland zu unterstreichen, hat Erdogan den Termin für seine Zwecke genutzt.«

Die Begegnungen des türkischen Staatsoberhaupts mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wertete Sofuoglu hingegen als Chance für eine Wiederannäherung. »Der offene und kritische Austausch bekannter Standpunkte lässt auf weitere Gespräche hoffen.«

Erdogan hatte die Kölner Moschee am Samstag zum Abschluss seines dreitägigen Staatsbesuchs eröffnet. Deutsche Politiker nahmen an der Veranstaltung nicht teil. Bei der Einweihung erneuerte Erdogan seinen Vorwurf des Rassismus in Deutschland, wobei er sich auf die Affäre um Ex-Fußballnationalspieler Mesut Özil bezog. Begleitet war sein Auftritt in Köln von Kundgebungen von Tausenden Menschen für und gegen Erdogan. In seiner Rede vor 1100 geladenen Gästen auf dem Moscheegelände sprach sich Erdogan zwar für »gleichberechtigte Integration« aus und forderte die Zulassung der doppelten Staatsbürgerschaft für die Türken in Deutschland. Zu Özil, »der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist«, sagte er, dieser sei nur wegen eines Fotos mit ihm »aus der Gemeinschaft verstoßen« worden. Solcher Rassismus müsse »ein Ende haben«.

Begleitet wurde Erdogans Köln-Besuch von Protestkundgebungen im Stadtteil Deutz und in der nördlichen Innenstadt. Über den Tag verteilt hielten sich nach Polizeiangaben insgesamt 20 000 Menschen an den zahlreichen Absperrungen im Moscheeumfeld auf. Für Irritationen sorgten türkische Sicherheitskräfte, die kurzzeitig ohne Rücksprache mit der deutschen Polizei eine Straße mit rot-weißem Flatterband teilweise abgesperrt hatten.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir vertrat in den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland die Auffassung, nach dem Erdogan-Besuch seien beide Länder von Normalität »genauso weit entfernt wie vor dem Besuch«. »Schließlich sitzen neben deutschen Geiseln immer noch ungezählte Andersdenkende in türkischen Kerkern, und Erdogan macht keine Anstalten, Schritte in Richtung Meinungsfreiheit zu gehen.«



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