Politik

Harmonie ohne Herzlichkeit

Moskau (dpa). Vor dem Hintergrund der jüngsten Eskalation im Nahen Osten sind Deutschland und Russland wieder ein kleines Stück enger zusammengerückt. Das zeigte sich bei einem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD) am Samstag in Moskau. Vor allem bei der Deeskalation im Bürgerkriegsland Libyen scheinen die Kanzlerin und Kremlchef Wladimir Putin einen Kompromiss finden zu wollen. Während die Atmosphäre bei ihren zurückliegenden Treffen eher als frostig wahrgenommen wurde, herrschte diesmal eine unerwartete Harmonie - wenn auch ohne Herzlichkeit.
12. Januar 2020, 22:43 Uhr
DPA
Treffen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kreml-Chef Wladimir Putin waren zuletzt selten, zu groß waren die Differenzen. Bei ihrem Gespräch in Moskau am Samstag zeigten sie sich überraschend harmonisch.	FOTO: DPA
Treffen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kreml-Chef Wladimir Putin waren zuletzt selten, zu groß waren die Differenzen. Bei ihrem Gespräch in Moskau am Samstag zeigten sie sich überraschend harmonisch. FOTO: DPA

Moskau (dpa). Vor dem Hintergrund der jüngsten Eskalation im Nahen Osten sind Deutschland und Russland wieder ein kleines Stück enger zusammengerückt. Das zeigte sich bei einem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD) am Samstag in Moskau. Vor allem bei der Deeskalation im Bürgerkriegsland Libyen scheinen die Kanzlerin und Kremlchef Wladimir Putin einen Kompromiss finden zu wollen. Während die Atmosphäre bei ihren zurückliegenden Treffen eher als frostig wahrgenommen wurde, herrschte diesmal eine unerwartete Harmonie - wenn auch ohne Herzlichkeit.

Als »umfassend« bezeichnet Merkel das Treffen, Putin nennt es sehr »hilfreich und produktiv«. Sie findet lobende Worte für den Gastgeber in Moskau. Insgesamt dauern die Gespräche in Moskau fast vier Stunden, doppelt so lange wie geplant. Merkel und Putin lächeln sich auch immer wieder an, es wirkt harmonisch. »Ich glaube, ein solcher Besuch hat einfach den Vorteil, dass man miteinander spricht«, sagt Merkel, »und nicht nur übereinander.« In einigen Punkten gebe es zwar nach wie vor gegensätzliche Auffassungen, sie hätten aber auch »Überlappungen« und »gemeinsame Lösungsräume« gefunden.

Überraschend ist das zugewandte Treffen besonders, weil die Kanzlerin nur noch selten nach Russland reist. Vor allem seit der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 sind die Besuche rar geworden. Zuletzt war die Kanzlerin 2018 in Sotschi. Damals waren die Ergebnisse deutlich magerer ausgefallen als dieses Mal. Die Differenzen in den bilateralen Beziehungen, wie etwa die schwierigen Ermittlungen im Berliner Mordfall an einem Georgier, hinter dem russische Geheimdienste vermutet werden, oder der Konflikt in der Ostukraine wurden diesmal ausgespart. Bilaterale Konfliktthemen standen - soweit bekannt - nicht groß auf der Tagesordnung.

Besser einzuschätzen als Trump

Was hat zu der Annäherung beigetragen? Möglicherweise die Unberechenbarkeit von US-Präsident Donald Trump. Er hat seine Bündnispartner zuletzt mit überraschenden Militäraktionen und dem Vorschlag, Nahost-Staaten in die NATO aufzunehmen, vor den Kopf gestoßen. Die knallharte Machtpolitik, die Russlands Präsident in Syrien, in Libyen und in der Ostukraine verfolgt, hält Merkel zwar für falsch - Putin ist für sie aber immerhin besser einschätzbar.

Merkel ist auch deshalb nach Moskau gekommen, um sich Unterstützung zu holen, die von den Amerikanern fehlt. Zudem hat das Wort des Kremlchefs Putin Gewicht im Nahen Osten.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/ueberregional/mantelredaktion/politikboerse/Politik-Harmonie-ohne-Herzlichkeit;art483,658499

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