24. September 2017, 23:41 Uhr

Deutschland steuert auf Jamaika-Koalition zu

24. September 2017, 23:41 Uhr
Schlappe für die SPD, aber Martin Schulz macht weiter.

Berlin (dpa). Der steile Aufschwung der Rechtspopulisten bei der Bundestagswahl beschert der deutschen Politik eine historische Zeitenwende. Bundeskanzlerin Angela Merkel kann zwar voraussichtlich vier weitere Jahre regieren – aber nur mit dem größten Verlust in der Geschichte ihrer Union und möglicherweise dem Wagnis einer Jamaika-Koalition mit FDP und Grünen. Der bisherige Koalitionspartner SPD stürzt auf ein Rekordtief und strebt in die Opposition. Und die AfD triumphiert – erstmals seit 1961 sitzt nun eine rechtsnationale Partei im Parlament. Als Profiteur der Schlappe der großen Koalition wird sie drittstärkste Kraft. Die CSU will weiteren AfD-Erfolgen nun mit einem konsequenteren Rechts-Kurs begegnen.

Der FDP gelingt nach vier Jahren die Rückkehr in den Bundestag. Mit den ebenfalls vertretenen Grünen und Linken ergibt sich erstmals seit den 50er Jahren wieder ein Sechs-Fraktionen-Parlament.

Freidemokraten und Grüne zeigten sich prinzipiell gesprächsbereit über die Chancen eines im Bund noch nie erprobten schwarz-gelb-grünen Dreierbündnisses, sahen dafür aber große Hürden. Eine rechnerisch mögliche Fortsetzung der großen Koalition schloss die SPD aus. »Es ist völlig klar, dass der Wählerauftrag an uns der der Opposition ist«, sagte Merkels Herausforderer, SPD-Chef Martin Schulz.

Die Amtsinhaberin sagte, sie habe sich ein besseres Ergebnis erhofft, aber die Union habe ihre strategischen Ziele erreicht: Sie sei stärkste Kraft und habe den Auftrag zur Regierungsbildung. Spekulationen über eine mögliche Minderheitsregierung wies sie zurück. »Ich sehe das nicht. Ich habe die Absicht, dass wir zu einer stabilen Regierung in Deutschland kommen«, sagte Merkel in der »Berliner Runde« von ARD und ZDF.

Die Bildung eines Dreierbündnisses mit FDP und Grünen dürfte wegen deren teils gegensätzlichen Zielen aber nicht einfach werden. FDP-Chef Christian Lindner will den Einstieg in eine Jamaika-Koalition von Inhalten abhängig machen. »Wir sind nicht zum Regieren verdammt, aber wir sind natürlich bereit, politische Verantwortung zu übernehmen«, sagte er in der »Berliner Runde«. Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt rechnete mit schwierigen Gesprächen: »Wir werden kein einfacher Partner sein.« Auch angesichts dieser Schwierigkeiten appellierte die Union an die SPD, sich Gesprächen nicht zu verweigern. Der Einigungsdruck ist groß, denn von einer Neuwahl könnte die AfD noch stärker profitieren.

Dass es vor der Landtagswahl in Niedersachsen am 15. Oktober konkret wird, gilt als unwahrscheinlich – keine Partei im Bund will den Wahlkämpfern in Hannover mit Vorfestlegungen in die Quere kommen.

Nach den Hochrechnungen fällt die Union auf ihr schwächstes Ergebnis seit 1949: 32,8 bis 33 Prozent (2013: 41,5). Die einstige Volkspartei SPD stürzt nach zwei bereits schwachen Wahlen auf ein Rekordtief von 20,6 bis 20,7 Prozent (25,7). Die AfD, 2013 noch knapp gescheitert, legt mit 12,8 bis 13,2 Prozent auf knapp das Dreifache zu (4,7). Die seit 2013 nicht mehr im Parlament vertretene FDP überspringt mit 10,4 bis 10,6 Prozent locker die Fünf-Prozent-Hürde (4,8). Die Linken verbuchen mit 9 bis 9,1 Prozent (8,6) ein leichtes Plus. Das Gleiche gilt für die Grünen mit 8,9 bis 9,1 Prozent (8,4). Der Bundestag wird nach den Hochrechnungen von Infratest dimap (ARD) und Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) deutlich größer mit 690 bis 705 Sitzen (2013: 631): CDU/CSU 239 bis 243 (2013: 311), SPD 150 bis 153 (193), AfD 93 bis 98, FDP 77, Grüne 65 bis 67 (63) und Linke 66 bis 67 Mandate (64). Die Wahlbeteiligung sahen ARD und ZDF bei 75,9 bis 76,5 Prozent (71,5). Schulz kündigte an, SPD-Vorsitzender bleiben zu wollen. Den Fraktionsvorsitz strebe er nicht an. Von Parteivize Manuela Schwesig und Fraktionschef Thomas Oppermann bekam er dafür Unterstützung.

Merkel sagte, die Union wolle die Wähler der AfD zurückgewinnen »durch Lösung von Problemen, durch Aufnehmen ihrer Sorgen, auch ihrer Ängste zum Teil, aber eben vor allen Dingen durch gute Politik«. Schulz wies ihr eine »große Verantwortung« für den Aufstieg der Rechtspopulisten zu: »Die systematische Verweigerung von Politik hat ein Vakuum entstehen lassen, das die AfD teilweise geschickt gefüllt hat.« Vor allem in Ostdeutschland ist die AfD stark. Dort erreicht sie laut ARD 22 Prozent, im Westen 11,2. In Brandenburg ist sie gar zweitstärkste Kraft nach der Union. (Seiten 4, 5 und 6)

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