02. Juli 2017, 23:05 Uhr

Der Tag des Abschieds

02. Juli 2017, 23:05 Uhr

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Eine Vision von Europa als mahnendes Vermächtnis: Bei einem historischen Trauerakt für Helmut Kohl hat die politische Elite Mut und Idealismus für die Zukunft des Kontinents in turbulenten Zeiten beschworen. Kanzlerin Angela Merkel nannte Kohl im Europaparlament von Straßburg einen großen Brückenbauer, dessen unermüdlicher Einsatz für Frieden und Freiheit den nächsten Generationen Auftrag sein müsse.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sagte vor dem in eine blaue Europaflagge gehüllten Sarg: »Helmut Kohl war ein deutscher Patriot, aber auch ein europäischer Patriot.« EU-Ratspräsident Donald Tusk verband seine Würdigung mit einem Appell an heutige europäische Politiker, klare Botschaften zu senden: »Ein Ja für die Union, ein Ja für die Freiheit, ein Ja für die Menschenrechte.« Der französische Präsident Emmanuel Macron rief mit Blick auf den Versöhnungspolitiker Kohl zur Zuversicht auf: »Wir haben heute überhaupt keinen Anlass zur Resignation. Wir haben vielmehr Grund zu realistischem Optimismus.«

Der Abschied von Kohl am Samstag war eine der größten Trauerfeierlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er war am 16. Juni mit 87 Jahren nach langer Krankheit in Ludwigshafen-Oggersheim gestorben. Nach Stationen im elsässischen Straßburg und in seiner pfälzischen Heimatstadt Ludwigshafen wurde der Altkanzler mit einem Gottesdienst im Dom zu Speyer geehrt. Am Samstagabend wurde Kohl im engsten Familien- und Freundeskreis auf dem Friedhof des Speyerer Domkapitels bestattet – also nicht im Familiengrab in Ludwigshafen.

Merkel sagte bei dem ersten europäischen Trauerakt für einen Politiker, Kohl sei »ein den Menschen zugewandter Weltpolitiker« gewesen. Die einstige DDR-Bürgerin dankte auch ganz persönlich: »Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl, dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben.« Die CDU-Chefin schilderte ihren Amtsvorgänger als Mann der Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und unerschütterlichen Überzeugung – und auch als Politiker, an dem sich viele Menschen gerieben hätten und der Gegenargumente scharf abwehren konnte. Kohls Witwe Maike Kohl-Richter verfolgte die Reden in Straßburg mit Juncker zu ihrer Rechten und EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani zur Linken.

In Ludwigshafen wurde der Sarg am Nachmittag – inzwischen mit einer Deutschlandflagge bedeckt – durch die Straßen gefahren. Im Zentrum von Kohls Geburtsstadt standen Menschen links und rechts der Straße und applaudierten. Danach wurde der Sarg mit dem Passagierschiff »Mainz« auf dem Rhein nach Speyer gebracht. Im Dom, zu dem Kohl ein sehr persönliches Verhältnis hatte, hielt der katholische Bischof Karl-Heinz Wiesemann die Totenmesse. »Wir nehmen Abschied von einem wahrhaft großen Staatsmann«, sagte er bei dem Requiem.

Der Bischof drückte der Witwe Maike Kohl-Richter, aber auch den Söhnen und Enkeln Kohls sein Mitgefühl aus. »Es ist der Abschied von einem Menschen, mit allem, was Menschsein in Kraft und in Schwäche bedeutet.«

Kohls Söhne, mit denen sich der Altkanzler bis zuletzt nicht versöhnt hatte, wurden bei dem Trauergottesdienst nicht gesehen. Vor der Beisetzung gab es ein militärisches Ehrenzeremoniell der Bundeswehr. Einen deutschen Staatsakt gab es nicht. Kohl war 16 Jahre lang Bundeskanzler und 25 Jahre lang CDU-Vorsitzender. (dpa) (Seite 4)

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