22. November 2016, 12:00 Uhr

Warten auf Gabriel

Sie habe unendlich viel nachgedacht, das hat Angela Merkel am Sonntag zu ihrer Kandidatur für eine vierte Amtszeit im Kanzleramt gesagt. Sigmar Gabriel grübelt noch. Tritt er gegen Merkel bei der Bundestagswahl an? In der SPD – eben noch beschwipst vom Steinmeier-Coup ihres Vorsitzenden – weiß es keiner so richtig.
22. November 2016, 12:00 Uhr
DPA
Hält sich in der K-Frage immer noch bedeckt: der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel (Foto: dpa)

Mal sei Gabriel fest entschlossen, einen Tag später sei es genau umgekehrt, sagen wichtige Genossen. Er wägt ab, ob es das Beste für die SPD ist, wenn er selbst Merkel herausfordert. CDU-Chefin Merkel hat (für ihre Verhältnisse) ungewohnt offen und menschlich erzählt, wie schwer ihr die Entscheidung gefallen ist: »Kannst du dem Land noch etwas geben? Reicht die Kraft? Bist du neugierig genug?«
Merkel hat Ja gesagt. Auch nach elf Jahren und vielen Anfeindungen seit der Flüchtlingskrise strahlt sie einen unbedingten Machtwillen aus. Gabriels Problem ist: Er ist bei den Bürgern weder so beliebt, noch in der SPD so alternativlos wie Merkel in der Union. Das bekommt er am Wochenende von der »Bild am Sonntag« noch einmal Schwarz auf Weiß zum Frühstück serviert. Bei einer Direktwahl läge Amtsinhaberin Merkel mit 51:21 Prozent gegen ihn vorne. Selbst 54 Prozent der SPD-Anhänger sind für Merkel.
Und da ist ja noch Martin Schulz. Gabriels Kumpel, aber nun auch ein Rivale. Der EU-Parlamentspräsident pokert. Er würde gerne seinen prominenten EU-Posten in Brüssel behalten. Die Zeit des Aussitzens läuft jedoch ab. Blockieren die Konservativen in Brüssel Mitte Dezember endgültig Schulz’ Anschlussverwendung? Dann käme er beschädigt ins Amt des deutschen Außenministers, das der schwarz-rote Bellevue-Kandidat Frank-Walter Steinmeier voraussichtlich zum Jahreswechsel freimacht. Es würde wie ein Trostpflaster wirken.
Schulz ist beliebter als der Parteichef. Als Außenminister dürfte Schulz noch populärer werden. Das war bei allen Chefdiplomaten so, von Guido Westerwelle einmal abgesehen. Liegt es da nicht nahe, Schulz auch zum Kanzlerkandidaten zu machen?
Könnte die SPD machen. Aber was wird dann aus Gabriel? Einfach weitermachen wie bisher als Parteichef, Vizekanzler und Wirtschaftsminister – auf dem Tandemrad hinter Steuermann Schulz? Schwer vorstellbar. Nur als Spitzenkandidat kann Gabriel auf Dauer den Vorsitz behaupten; Andrea Nahles und Olaf Scholz stehen längst bereit.

Keine Fehler gemacht

Der Wahlkampf wird aus der Parteizentrale gesteuert. Die SPD fiel bereits 2013 mit der Doppelspitze aus Gabriel und dem frei schwebenden Kandidaten Peer Steinbrück grandios auf die Nase. Wenn die SPD Merkel schlagen will, was führende Genossen wie Fraktionschef Thomas Oppermann für möglich halten, dürfte eine Kampagne aus einer Hand das einzig richtige Mittel sein. Gabriel hat in den vergangenen Monaten keine Fehler gemacht. Mehr noch. Er hat Merkel im Bundespräsidenten-Poker geschlagen. Steinmeier wird Präsident, Schwarz-Grün ist beschädigt, das Verhältnis zur Linkspartei lockert sich, Rot-Rot-Grün ist keine Utopie. Das sind nicht so schlechte Aussichten für das Wahljahr 2017. Das EU-Kanada-Abkommen wurde gerettet, weil Gabriel kluge Verbesserungen durchsetzte. Bei der bevorstehenden Rettung von 15 000 Arbeitsplätzen bei Kaiser’s Tengelmann hat Gabriel einen Anteil.
Aber es gibt auch den anderen Gabriel. Den unsteten, den ruppigen, von den eigenen Leuten gefürchteten. Werden die Jusos für ihn mit Leidenschaft Plakate kleben und Flyer verteilen, für ihn, der ihren Bundeskongress am kommenden Freitag meiden will (anders als Schulz übrigens)? Scheitert der Angriff der SPD auf das Kanzleramt einmal mehr an der mangelnden Mobilisierung der Anhängerschaft? Auffallend ist, wie in diesen finalen K-Fragen-Zeiten aus den Ländern so gut wie niemand Gabriel öffentlich unterstützt.

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